Liebe Diplomandinnen, liebe Diplomanden
Ihnen, die im Mittelpunkt dieses Festanlasses stehen, gelten diese ersten Worte: Vier lange Jahre haben Sie einen äusserst anspruchsvollen Bildungsgang durchlaufen, gleichzeitig mussten Sie in der Berufswelt bestehen und möglicherweise auch einen Familienalltag unter den Hut bringen. Sie haben der Doppel- oder Mehrfachbelastung standgehalten und Ihr hohes Ziel erreicht. Zu diesem Erfolg gratuliere ich Ihnen ganz herzlich.
Mit dem Hochschuldiplom der HWZ haben Sie für ihr zukünftiges Leben einen wichtigen Grundstein gelegt. Bereits der amerikanische Staatsmann, Wissenschafter und Schriftsteller Benjamin Franklin bemerkte Mitte des 18.Jahrhunderts weise, „eine Investition in Wissen bringt immer noch die besten Zinsen“. Wichtig ist allerdings, dass Sie dieses Wissen auch zu nutzen wissen, dass Sie Verantwortung übernehmen – und dies nicht nur im Beruf. So werden Sie einmal sagen können, Ihre Investitionen – dabei meine ich nicht nur die finanziellen – haben sich gelohnt. Und auch die öffentliche Hand wird sagen können, es lohne sich, in Bildung zu investieren.
Zur erfolgreichen Grundsteinlegung beigetragen haben aber nicht nur Sie selbst sowie Ihre Professoren und Dozenten, sondern auch ihr persönliches Umfeld. Menschen, die sie unterstützen und bisweilen vermissten, Menschen die mit ihnen fühlten und vielleicht gelegentlich auch unter ihrer Belastung litten. Deshalb gilt Ihnen, liebe Angehörige, Freunde und Freundinnen, einen herzlichen Dank!
Geschätzte Professorinnen und Professoren,
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Angehörige
Ich möchte mich ebenfalls bedanken – und zwar für diese Einladung. Sie ermöglicht es mir einige bildungspolitische Überlegungen anzustellen. Dies vor allem deshalb, weil ich mit grossem Interesse die positive Entwicklung der höheren Fachschulen und Fachhochschulen in diesem Land verfolgt habe. In nur kurzer Zeit haben diese Institutionen ihren festen Platz im schweizerischen Bildungssystem gefunden.
Und schon bin ich mitten im Thema: Analysiert man die Gründe, die für die hohe Wirtschaftskraft und die damit verbundene Lebensqualität verantwortlich sind, so wird rasch klar, dass unser Bildungsniveau der entscheidende Faktor dafür ist.
Die Ausgestaltung unseres Bildungswesens ist – von der Volksschule bis hinauf in die Hörsäle der Fachhochschulen und Universitäten –entscheidend für die Zukunft unseres Landes. Ausbildung ist jedoch nicht einfach Ausbildung. Wichtig ist, dass unser Ausbildungswesen effizient und zielgerichtet weiterentwickelt wird. Nicht alles, was heute in diesem Bereich getan wird, erfüllt dieses Ziel. Es besteht Handlungsbedarf, nicht zuletzt damit die Konkurrenzfähigkeit unseres kleinen Landes in der globalisierten Welt aufrechterhalten bleibt.
Welche Faktoren sind nun entscheidend? Für mich sind es folgende:
1. Unser Bildungssystem muss stärker auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet werden. Wir brauchen Leute, die gefragt sind, die flexibel auf wirtschaftliche Entwicklungen und deren Folgen auf den Arbeitsmarkt reagieren können. Das ist heute nicht immer der Fall. Wir bilden zuviel Juristen und zu wenig Ingenieure aus. Wir bilden zuviel Theoretiker und zu wenig Praktiker aus. Oder anders gesagt: Wir müssen dafür sorgen, dass aus Wissenschaft und Forschung Geld wird. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht akademikerfeindlich. Die höheren Fachschulen und Fachhochschulen mit ihrem Bezug zur Praxis sind jedoch die richtigen Institutionen, um die notwendigen Korrekturen vorzunehmen. Die Abschlussquote ist jedoch verglichen mit den Abschlüssen an den Universitäten noch immer zu tief. Es braucht Anstrengungen, die Quote zu erhöhen - gerade im Hinblick auf den wachsenden Bedarf an hoch qualifizierten Leuten. Die sind nämlich nicht nur in der Schweiz gefragt. Weltweit herrscht ein Mangel an Spezialisten. Für unsere wissensorientierte Wirtschaft ist dies alles andere als eine erfreuliche Perspektive.
Ich komme zum zweiten Punkt:
2. Das duale Berufsbildungssystem muss weiter entwickelt werden und mehr Ansehen gewinnen. Unabhängig von europäischen Trends, die in anderer Richtung gehen. Zwar lobt man in der Schweiz das duale System, der akademische Weg geniesst aber nach wie vor mehr Beachtung und Rückhalt – auch in der Politik. Dabei ist heute nachweisbar, dass Länder mit einem stark ausgebauten Lehrlingswesen tiefere Arbeitslosenzahlen haben als Länder ohne Betriebslehre. Dies hat der abgetretene Preisüberwacher und frühere Nationalrat Rudolf Strahm in seinem kürzlich erschienen Buch eindrücklich belegen können. Diese Feststellung lässt sich auch auf die Schweiz übertragen. Während in St. Gallen 75 Prozent der Schulabgänger eine Lehre absolvieren, sind es in Genf gerade einmal 22 Prozent, die den vermeintlichen „Arme-Leute-Weg“ einschlagen. Und während die Arbeitslosenquote in Genf bei 6,9 Prozent liegt, sind in St.Gallen bloss 2,3 Prozent ohne Stelle. Die bestmögliche Bildung der jungen Menschen ist die Schlüsselressource für die künftige Entwicklung.
3. Der dritte Punkt. Es lässt sich heute ein klarer Zusammenhang zwischen Ausbildung und Armut nachweisen. Eine gute Ausbildung ist der Garant gegen die Armut. Sie ist die beste soziale Abfederung. Es ist deshalb unumgänglich, nicht nur eine Elite zu fördern, sondern die Ausbildung auf breiter Basis auf ein hohes Niveau zu heben. Davon profitiert letztlich nicht nur jede, jeder Einzelne, sondern auch die Gemeinschaft. Menschen mit ungenügender oder gar ohne Ausbildung verursachen hohe Soziallasten.
4. Viertens möchte ich festhalten, dass unsere Berufsbildung, die über die Lehre in höhere Bildungsgänge führt, effizienter und kostengünstiger ist als andere Ausbildungswege. Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Berufsbildungssystem im Bologna-Prozess nicht als Leitschnur verfolgt wird. Bereits gibt es Stimmen, die das helvetische Erfolgsmodell gefährdet sehen und die Rückkehr zum Diplomstudiengang fordern. Das wird schwer möglich sein. Eine europäische Koordination ist sinnvoll, so können wir feststellen wie gut und konkurrenzfähig wir sind. Die Schweiz muss aber in der europäischen Bildungsdiskussion eine einflussreiche Rolle einnehmen und die Werte ihres eigenen Bildungssystems verteidigen. Wir haben vieles zu verlieren, wenn wir uns nicht genügend engagieren.
5. Es gibt – und damit komme ich zum fünften Punkt – einen engen Zusammenhang zwischen der Produktivität einer Volkswirtschaft und dem Bildungsniveau in einem Land. Je höher das Bildungsniveau in einem Lande ist, umso mehr Innovationen gibt es, umso wettbewerbsfähiger wird ein Land. Die enorme Bedeutung der Wissensgesellschaft für die wirtschaftliche Entwicklung rückt auch in der Schweiz zunehmend ins Bewusstsein. Der aktuelle Kredit für Bildung, Forschung und Innovation nimmt ein grösseres Gewicht in Bundesfinanzhaushalt ein als bisher. Mit steigenden Ausgaben allein ist es allerdings nicht getan, denn von den absoluten Beträgen her, können wir nicht gegen andere Länder konkurrieren. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Mittel auch effizient eingesetzt werden. Dazu gehören meines Erachtens der auch Wissensaustausch und der Technologietransfer. Es liegt im Interesse der Schweiz, ihre Kompetenzen als international wettbewerbsfähiger Standort für wissenschaftliche Forschung und technologische Entwicklung bekannt zu machen. Deshalb müssen Partnerschaften im Forschungs- und Entwicklungs-Bereich verstärkt gefördert werden.
Liebe Diplomandinnen, liebe Diplomanden
Sie können heute Ihr Abschlusszeugnis entgegen nehmen, wobei - der Begriff „Abschlusszeugnis“ wohl nicht ganz zutrifft. Es handelt sich vielmehr um eine Art Zwischenzeugnis. Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, was Sie aus ihrem Abschluss machen. Das, was Sie sich in den vergangenen Jahren angeeignet haben, ist nicht nur Wissen, sondern auch Anleitungen zur Problemlösung. Doch Strategien, die Sie heute erarbeiten, sind morgen bereits überholt. Deshalb wichtig, täglich dazulernen. Sich weiterzubilden, sich mit Kollegen am Arbeitsplatz auszutauschen und das Gelernte weiterentwickeln. Insofern lässt sich Franklins kluge Bemerkung, wonach Investition in Wissen die besten Zinsen bringt, durchaus als Aufruf für das lebenslange Lernen verstehen. Und sie zeigt auch, dass das lebenslange Lernen nicht eine Erkenntnis unserer Zeit ist. Bereits Sokrates hatte bekanntlich gewusst, dass er nichts weiss. Diese Einsicht könnte ja vielleicht auch für Sie ein Ansporn sein, sich dem lebenslangen Lernen zu verschreiben.
Von klugen, innovativen und kreativen Köpfen kann die Schweiz nicht genug haben. Sie sind die wichtigste Ressource unseres Landes. Ich habe keine Zweifel, dass Sie optimistisch und engagiert die kommenden Herausforderungen anpacken werden und dafür sorgen, in ihrem Berufsleben „up to date“ bleiben.
Ich wünsche Ihnen dazu auf jeden Fall viel Glück und Erfolg.