Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Organisatorinnen, liebe Organisatoren
Ich bedanke mich für die Einladung. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das war höchste Zeit, nachdem ich im vergangenen März 65 geworden bin. Trotz intensivem Studium habe ich keine Patentlösung gefunden. Dies weil alte Leute immer unflexibler werden und für die Wohnsituation immer flexiblere Lösungen nötig werden. Gerne hoffe ich – und ich bin überzeugt davon – dass die heutige Tagung einige Klärungen bringt.
Die Schweiz kommt in die Jahre. Wie wir wissen gibt es immer mehr ältere und alte Menschen, und deren Zukunft wird länger. Dieser „Alterungsprozess“ wird gemäss Prognosen des Bundesamtes für Statistik erst um 2035 ins Stocken geraten. Geht man davon aus, dass auch in Zukunft etwa 20 % der über 80-jährigen in einem Alters- und Pflegeheim wohnen werden, so müssten in den nächsten drei Jahrzehnten – je nach Demografieszenario – jährlich bis zu 1600 neue Wohnplätze geschaffen werden. Daneben bleibt der grosse, wachsende Rest der älteren Seniorinnen und Senioren, deren legitimes Bedürfnis nach altergerechtem Wohnen ausserhalb des Altersheims ebenfalls Rechnung getragen werden muss. Dabei, und das ist für mich als Gesundheitspolitiker von grosser Bedeutung, muss die Gesundheitsversorgung sichergestellt werden.
Meine Damen und Herren
Der Kongresstitel „wenn das Haus zu gross wird“ steht für mich symbolisch für eine Wohnsituation, die den persönlichen Bedürfnissen nicht mehr entspricht. Das muss nicht nur das mit grossem Aufwand zu unterhaltende Haus sein. Es ist ebenso gut die Wohnung im fünften Stock ohne Lift, das abgelegene, nur mit Auto erreichbare Zuhause oder die fehlende Infrastruktur im Ort, die einem das Leben im Alter zunehmend schwerer machen. Ich denke aber, es gibt gute Gründe trotzdem in einer an sich nicht befriedigenden Situation auszuharren: So wohnt es sich im Eigentum kostengünstig, ebenso in der Mietwohnung, in der man seit vielen Jahren lebt. Im grossen Haus hat es Platz für die Enkel, und man steht sich gegenseitig nicht im Weg. An die vier eigenen Wände sind aber auch viele persönliche Erlebnisse geknüpft. Und ein Umzug zieht jeweils einen ganzen Rattenschwanz an Unannehmlichkeiten nach sich. Vielleicht fehlen auch einfach nur die attraktiven Alternativen in der Nähe, wegen derer es sich tatsächlich lohnt, die vertraute Umgebung zu verlassen. Denn Haus und Wohnung, Nachbarschaft und Quartier werden zu wichtigen Mittelpunkten des Lebens – gerade wenn die Mobilität abnimmt.
Jeder Mensch hat unterschiedliche Ansichten vom Leben und Wohnen, natürlich oder besonders im Alter. Die meisten haben wohl keine detaillierten Vorstellungen wie die Wohnsituation dereinst aussehen sollte. Man möchte aber wohl möglichst lang "unabhängig, selbständig und ohne auf fremde Hilfe aufgewiesen zu sein", leben – und keinem „zur Last fallen“. Es fragt sich deshalb, wie eigenständiges Wohnen vor allem auch in späteren Lebensphasen weiterhin möglich sein kann – eine, wie ich meine, grosse Herausforderung angesichts der demographischen Entwicklung und der damit verbundenen benötigten Menge an altersgerechtem Wohnraum.
Das Wohnen im Alter wird – zumindest aber aus meiner Wahrnehmung – zunehmend breiter diskutiert, das zeigt sich ja auch an diesem heutigen Kongress. Und es existieren ja bereits viele Ideen von Wohnmodellen, die der individualisierten Gesellschaft und dem damit gewandelten Bild des Älterwerdens Rechnung tragen. Wir kommen erfreulicherweise immer mehr von altershomogenen Ghettos weg, auch weil die älteren Menschen gesünder, und damit länger mobil bleiben – und dies vermutlich nicht zuletzt dank der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte.
Wohnraum ist nur die eine Seite, gewissermassen die „Hardware“. Dieses „Hardware“-Problem muss in erster Linie die Privatwirtschaft bereitstellen. Im eidgenössischen Parlament ist die auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtete Wohnungspolitik denn auch nur indirekt ein Thema. Im Auftrag des Nationalrats legte das Departement des Innern vor einem Jahr den Bericht „Strategie für eine schweizerische Alterspolitik“ vor, der auch Bezug auf das Wohnen nimmt. Was mit dem Bericht weiter geschieht, ist zurzeit aber noch offen.
Wir Parlamentarierinnen und Parlamentarier verstehen unsere Aufgabe in erster Linie darin, Rahmenbedingungen zu schaffen oder diese an neue Realitäten anzupassen: Gesundheitspolitische Angebote wie SPITEX usw. können dabei wesentlich dazu beitragen, dass optimale individuelle Lösungen ermöglicht werden. Erfreulicherweise verfügen heute auch immer mehr Seniorinnen und Senioren über genügend Geld um sich gute Lösungen leisten zu können.
Schwieriger wird es im Fall der Pflegebedürftigkeit. Hier zeichnen sich düstere Perspektiven ab: sowohl kostenmässig wie auch in Bezug auf Quantität und Qualität werden sich die Probleme in den kommenden Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung massiv vergrössern. Das ist ohne staatliche Lösungen nicht zu machen – und die Solidarität wird hier in Zukunft verstärkt gefragt sein.
Dazu kommt, wie eingangs erwähnt, die grosse Herausforderung ein genügend grosses Angebot an altersgerechtem und auf individuelle Bedürfnisse ausgerichteten Wohnraum zu realisieren. Ich habe keine Rezepte. Aber ich vermute, dass eine Strategie darauf abzielen muss, von älteren Menschen bewohnte Wohnungen nachzurüsten. Anderseits wird es aber sicher auch Konzepte für bedarfsgerechte Wohnungsalternativen geben müssen, die mit Serviceangeboten verknüpft werden können. Vor allem aber braucht es Liegenschaftsbesitzer und Institutionen, die bereit sind, entsprechende Investitionen zu tätigen.
Meine Damen und Herren
Ich bin gespannt auf die Referate und Diskussionen des heutigen Tages. Anlässe dieser Art tragen wesentlich dazu bei, um auf ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema aufmerksam zu machen. Und schliesslich betrifft gerade dieses Thema irgendwann einmal jeden von uns, wobei es auch im Alter verschiedene Wohnphasen gibt. So stehen meine Frau und ich derzeit in einem Lebensabschnitt, wo das Bedürfnis nach mehr Platz wieder da ist: Wir befinden uns nämlich in der Enkelphase. Aber auch diese Zeit wird (leider) einmal vorbei sein.
Ich danke Ihnen.