Jährlich besuchen mehr als 100 000 Menschen das Parlamentsgebäude. Darunter Schulklassen, Vereine, Behörden und Touristen. Aber auch sehr viele ältere Personen interessieren sich für einen Rundgang durch das Parlament. Mit Rentnerinnen und Rentnern aus Oberrüti (AG) auf der Suche nach Politprominenz und Erinnerungen.

​Wir treffen die rund 40 Seniorinnen und Senioren aus Oberrüti vor dem Besuchereingang. Zwei Stunden dauerte die Anreise im Car: «Mit dem Öffentlichen Verkehr zu kommen, wäre für uns nicht möglich gewesen», sagt uns Agnes Bensegger, welche die Reise organisiert hat. Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen und Teilnehmer liegt bei gut 80 Jahren. Zwei Personen haben Jahrgang 1927 und sind bei der Führung bereits 89 Jahre alt. Trotz des hohen Alters ist die Gruppe aber noch erstaunlich mobil. Drei Personen sind allerdings auf einen Rollator angewiesen. Für die Tour durchs Bundeshaus kein Problem, seit 2008 ist das Parlamentsgebäude komplett rollstuhlgängig.

Pro Senectute hat den Ausflug organisiert. Die Gruppe besucht jedes Jahr einen anderen Teil der Schweiz. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Bern. Wenn man schon in der Hauptstadt sei, müsse man unbedingt auch das Bundeshaus sehen, fand Bensegger und meldete die Gruppe vor einem Monat für den Besuch an. Laut Catherine Ochsenbein, Leiterin der Parlamentsbesuche, hatte die Gruppe mit der kurzfristigen Anmeldung grosses Glück: Oft sind die Führungen bereits ein halbes Jahr oder länger im Voraus ausgebucht.

Agnes Bensegger 

Agnes Bensegger hat die Gruppe angemeldet.

Agnes Bensegger war vor 30 Jahren schon einmal im Parlamentsgebäude. Damit ist sie aber die Ausnahme. Für die meisten der Seniorinnen und Senioren ist der heutige Bundeshausbesuch eine Premiere. Man habe nicht so weit reisen wollen, und es gebe ja auch im Aargau ja viel Schönes zu sehen. Doch nun ist die Gelegenheit gekommen. Die Seniorinnen und Senioren freuen sich. Die Stimmung ist gut, es werden Witze gemacht und die Frage kommt, ob man wohl bald einen Bundesrat oder sonst einem Gesicht «aus dem Fernsehen» begegne. Darüber hinaus interessiert man sich dafür, was mit dem Steuergeld in «in Bern oben» so angestellt wird.

Dann geht es los. Wie alle anderen Besucherinnen und Besucher müssen die Seniorinnen und Senioren beim Eingang die Sicherheitskontrolle passieren. Ähnlich wie am Flughafen werden sie hier auf Waffen oder gefährliche Substanzen gescannt. «Gerade für ältere Menschen, die noch nie geflogen sind, ist es ein spezielles Erlebnis, so genau kontrolliert zu werden», sagt uns der Bundessicherheitsdienst. Eine gewisse Nervosität ist spürbar, und prompt, der Metalldetektor geht los: Jemand hat vergessen, dass er ein künstliches Hüftgelenk hat.

Sicherheitskontrolle beim Bundessicherheitsdienst  

Die Gruppe muss die Sicherheitskontrolle beim Bundessicherheitsdienst passieren.

Täglich durchlaufen 200 - 400 Personen die Sicherheitskontrolle beim Besuchereingang. Während der Sessionen sind es sogar 600 pro Tag. Die Kontrollpassage im Parlamentsgebäude gibt es seit 2003. Sie ist als Reaktion auf die Anschläge in New York und das Attentat in Zug im Jahr 2001 entstanden. Vorher gelangten Besucherinnen und Besucher weitgehend unkontrolliert ins Parlamentsgebäude.

Nach der Kontrolle wird die Gruppe von Parlamentsführerin Valeria Bürdel begrüsst. Sie wird die Seniorinnen und Senioren durch das Gebäude führen. Um diesen Job zu machen, braucht es einiges an Fingerspitzengefühl, denn es muss auf die Bedürfnisse und Interessen von unterschiedlichen Gruppen eingegangen werden. «Genau das macht den besonderen Reiz der Arbeit aus», sagt uns Bürdel, «mal begleiten wir eine Schulklasse durch das Gebäude, dann wieder eine parlamentarische Delegation aus Kambodscha und heute die Rentnergruppe aus dem Aargau».

Die Parlamentsdienste bieten die Führungen auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch an. Während der Sessionen finden keine Führungen durch die Ratssäle statt. Stattdessen können die Besucherinnen und Besucher die Debatten von der Tribüne aus mitverfolgen.

180 Kopfhörer  

Dank den Kopfhörern wird Parlamentsführerin Valeria Bürdel von allen verstanden.

180 Kopfhörer  

Dem Besucherdienst stehen 180 Kopfhörer zur Verfügung.

180 Kopfhörer  

Bis alle Seniorinnen und Senioren mit Kopfhörern ausgerüstet sind, dauert es einige Minuten. In der Mitte: Anna Stöckli, die mit 89 Jahren an der Führung teilnimmt.

Von der Kuppelhalle in den Ständeratssaal, danach in den Nationalratssaal und schliesslich in die Wandelhalle, die Gruppe aus Oberrüti lernt die wichtigen Orte im Bundeshaus kennen. Die Führung wird von einer Person des Sicherheitsdienstes begleitet. Man will sichergehen, dass niemand verloren geht, aber auch wenn jemand stürzt und sonst ein Problem auftaucht, ist eine Begleitung wichtig.

Schliesslich hat das historische Gebäude auch seine Tücken: Glatte Steinplatten hier, eine Schwelle da und ein enger Durchgang dort. Heute kommt eine zusätzliche Herausforderung dazu: Die Personen mit Rollatoren sind zwischen den Stockwerken auf die Benützung des Fahrstuhls angewiesen. Und auch die Bänke und Stühle im Haus sind für eine kurze Rast beliebt.

Das Parlamentsgebäude ist rollstuhlgängig 

Das Parlamentsgebäude ist seit 2008 komplett rollstuhlgängig.

Das Parlamentsgebäude ist rollstuhlgängig 

Fast überall im Parlamentsgebäude stehen Sitzplätze zur Verfügung

Nach einer Stunde ist die Führung beendet. Die Politikprominenz hat sich nicht gezeigt, denn es ist sessionsfreie Zeit. Das trübt die Stimmung der Seniorinnen und Senioren aber nicht. Alle sind beeindruckt über die Grösse und den Schmuck des Gebäudes. Was ist vom Rundgang geblieben? Ein paar Damen, sind sich einig: Die Skulptur der Stauffacherin im Nationalratssaal. Der Figur kommt in Friedrich Schillers berühmten «Wilhelm Tell» eine bedeutende Rolle zu. Gertrud Stauffacher gibt im Drama ihrem Mann, Werner Stauffacher, die Idee zum Rütlischwur.

Schweizer Geschichte müsse in der Schule gründlicher gelehrt werden, finden die Frauen. Und dazu gehöre eigentlich auch ein obligatorischer Bundeshausbesuch. Und plötzlich kommen Erinnerungen auf: An die eigene Schulzeit, ans Jahr 1971, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde oder gar zurück an die Zeiten des Zweiten Weltkrieges. «Es war nicht immer so gut wie heute», hört man die Seniorinnen sagen. Ja, das Bundeshaus ist ein geschichtsträchtiger Ort, der auch Anlass gibt, über Vergangenes und Gegenwärtiges nachzudenken. Vielleicht liegt genau darin der grosse Reiz, den das Gebäude auf die Bevölkerung ausübt und der dafür sorgt, dass es so gut frequentiert ist. Das Parlamentsgebäude wird als Teil der Schweizer Identität begriffen. Und dieses Gefühl ist offensichtlich generationenübergreifend.

Alle Fotos: Béatrice Devènes, Foto Agnes Bensegger: Parlamentsdienste