Sie sind heute in Bern zusammengekommen, um sich während zwei Tagen - wie es das Programm umschreibt - mit den *Herausforderungen für die Sozialpolitik und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts* auseinanderzusetzen.

Als Präsident des Nationalrates, der Volkskammer der gesetzgebenden Behörde unseres Landes, heisse ich Sie zu dieser Tagung herzlich willkommen und wünsche Ihnen eine offene, kritische und schliesslich zielführende Beratung des für die Zukunft unserer Weltgesellschaft so zentralen Anliegens.

Im Zentrum Ihrer Überlegungen stehen die vier Themen Wettbewerbsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, Bewahrung der politischen Freiheit und der demokratischen Rechte sowie Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit. Hintergrund dieser Themenwahl ist zweifellos die Erkenntnis, dass die Weltgesellschaft mit dem Phänomen, das wir so schrecklich vereinfachend "Globalisierung" nennen, in den letzten 10 - 15 Jahren in ihren Grundfesten erschüttert wurde. In der Tat hat der weltweite Zugang zu bisher geschützten Märkten infolge zeitverzugsloser Kommunikation und weitgehendem Wegfall von Handelshemmnissen und Mobilitätsschranken schonungslos offengelegt, dass in einem deregulierten Welthandel neue Abhängigkeiten entstehen, die in ihren Auswirkungen auf das Schicksal der Weltbevölkerung weit dramatischer sind, als wir das bisher erahnt hatten.

Im Welthandels- und im Weltfinanzsystem hat uns vor wenigen Jahren die tiefgreifende Krise der asiatischen Volkswirtschaften drastisch vor Augen geführt, dass noch so klug ausgedachte Monitoring-Systeme versagen, wenn eine regionale Wirtschafts- und Finanzkrise von politischer Destabilität in anderen Regionen (damals in Russland) und/oder von ungelösten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Problemen (damals in Südamerika) überlagert wird. Die Weltwirtschaft drohte kurzfristig in einen tiefen Abgrund zu stürzen, mit unabsehbaren Folgen vor allem für jene ärmsten Länder und Völker, welche bereits vorher kaum einen Ausweg aus ihren wirtschaftlichen und sozialen Problemen finden konnten.

Im sicherheitspolitischen Bereich wird uns beinahe täglich vor Augen geführt, wie weit entfernt unsere Zivilgesellschaft auch heute von einer wirklichen Befriedung entfernt ist. In diesem Zusammenhang muss uns vor allem mit grosser Sorge erfüllen, dass nebst religiösen Spannungen die ungelösten wirtschaftlichen und sozialen Probleme in zahlreichen Ländern Afrikas der Hauptgrund für Unrast und kriegerische Auseinandersetzungen sind. Dass die nach wie vor weitgehend ungelöste Verschuldungssituation der ärmsten Länder ein wesentlicher Grund für diese dramatische Lage ist, ist anlässlich des unlängst im Rahmen des Giubileo im Vatikan durchgeführten Weltparlamentariertreffens unmissverständlich zum Ausdruck gekommen. Zentrales anliegen dieses Treffens war es denn auch, die wichtigsten Gläubigerländer einmal mehr zu mutigen und weitsichtigen Schritten hin zur Lösung dieses Grundproblems aufzurufen. Denn solange in den einzelnen Ländern nicht ein Minimum an wirtschaftlichen Fortschritten erzielt werden können, ist es schwer vorstellbar, dass die regionalen Konflikte befriedet und von stabilen politischen Systemen abgelöst werden können. In diesem Sinne hat Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag vom 1. Januar 2001 u.a. geschrieben:

"Die gegenwärtige Situation der weltweiten gegenseitigen Abhängigkeit erleichtert es, die Schicksalsgemeinschaft der ganzen Menschheitsfamilie besser wahrzunehmen, und fördert in allen nachdenklichen Menschen die Achtung vor der Tugend der Solidarität.

In diesem Zusammenhang muss man allerdings feststellen, dass die zunehmende Abhängigkeit dazu beigetragen hat, zahlreiche Ungleichheiten ans Licht zu heben: das Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern; innerhalb jedes Landes den sozialen Bruch zwischen jenen, die im Überfluss leben, und jenen, die in ihrer Würde verletzt sind, weil ihnen auch das Nötige fehlt; den vom verantwortungslosen Gebrauch der natürlichen Ressourcen hervorgerufenen und beschleunigten Verfall der Umwelt und des Menschen. Solche soziale Ungleichheiten und Missverhältnisse haben in einigen Fällen zugenommen, bis sie die ärmsten Länder unaufhaltsam ins Abseits drängten.

Das Herz einer echten Kultur der Solidarität bildet daher die Förderung der Gerechtigkeit. Es geht ja nicht bloss darum, dem Bedürftigen vom Überfluss abzugeben, sondern ganzen Völkern den Zugang in den Kreis der wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung zu eröffnen, von dem sie ausgeschlossen oder ausgegrenzt sind. Dafür genügt es nicht, aus dem Überfluss zu geben, den unsere Welt reichlich produziert. Dazu müssen sich vor allem die Lebensweisen, die Modelle von Produktion und Konsum und die verfestigten Machtstrukturen ändern, die heute die Gesellschaften beherrschen."