Die Tessiner Verfassung vom 17. Dezember 1814 sah vor, dass Bellinzona, Lugano und Locarno sich alle sechs Jahre nacheinander als Kantonshauptort abwechseln sollen. Wir haben uns von diesem Gedanken inspirieren lassen, indem wir das Bundesparlament, das in der Regel in Bern tagt, 1993 nach Genf und nun für die 6. Session der 46. Legislatur nach Lugano verlegt haben.
Die Ratsmitglieder haben die Idee, dieses Jahr eine Session in der italienischsprachigen Schweiz abzuhalten, von Anfang an mit Begeisterung aufgenommen. Das Tessin weckt in uns die Vorstellung von Sonne, blauen Seen, üppiger Pflanzenwelt und bezaubernden Landschaften. Doch das Tessin ist weit mehr, es ist, wie Francesco Chiesa geschrieben hat, «ein Land, ein Volk, eine Seele». Dieses schöne Land, sein grossmütiges Volk und die Tessiner Seele sind es, die wir in den kommenden drei Wochen kennen lernen möchten. Chiesa hat schon seinerzeit die Eigenschaften genannt, die dieses Volk und auch unsere zehn Ratskollegen aus dem Tessin auszeichnen: Offenherzigkeit, Intelligenz und Beharrlichkeit.
Das Tessin trat erst im Jahre 1803 in den Bund der Eidgenossenschaft ein, als die acht «Ennetbirgischen Vogteien», wie die alten Eidgenossen ihre Untertanengebiete südlich der Alpen nannten, sich auf Geheiss Napoleons zum 19. Kanton der Schweiz zusammenschlossen. Das Tessiner Volk fühlte sich trotz seiner bewegten Geschichte stets eng mit der Schweiz verbunden und als im Februar 1798 und – unter anderen Vorzeichen – um 1940 der grossitalienische Gedanke laut wurde, stand es zusammen und trotzte ihm mit dem Motto «Liberi e Svizzeri».
Das Tessin ist als einziger Schweizer Kanton gänzlich gegen Süden ausgerichtet. Die städtischen Zentren Como und Mailand, diese beiden Bischofssitze, die sich die Gebiete des Sottoceneri und des Sopraceneri teilten, haben das Tessin von jeher sowohl politisch als auch kulturell stark beeinflusst und bereichert.
Das Interesse der Eidgenossen am Tessin erwachte bei Anbruch des Quattrocento, als der Gotthard zu einer unumgänglichen Achse für den Handelsverkehr zwischen Norden und Süden wurde. Uri wollte Bellinzona besetzen, um sich den Schlüssel zur Gotthardstrasse zu sichern und die Pforte zu Italien offen zu halten. Die Schlacht von Giornico vom 27. Dezember 1478 beendete den Einfluss Mailands und im Jahre 1516 bestätigte der Ewige Frieden von Freiburg die Zugehörigkeit des Tessins zu den acht Alten Orten der Eidgenossenschaft. Natürlich sind die drei Jahrhunderte Untertanenschaft ein eher trübes Kapitel in der Tessiner Geschichte; allerdings brachte jene Zeit auch Borromini, den Botta des italienischen Hochbarocks, hervor. Er wurde ganz in der Nähe von hier, in Bissone, geboren und hat das Stadtbild Roms mit seinen glänzenden Bauwerken geprägt. Ebenfalls aus jener Zeit stammt Dominique Trezzini, der Sankt Petersburg entwarf.
1798 und die Helvetische Republik brachten dem Tessin die Unabhängigkeit, nachdem es drei Jahrhunderte lang unter der Herrschaft der nördlichen Kantone gestanden hatte. Die politische Geschichte des Kantons Tessin war sehr stürmisch, besonders im 19. Jahrhundert, als zwischen den Konservativen und Liberalen gewaltsame Konflikte entbrannten, die so weit eskalierten, dass die eidgenössischen Truppen einschreiten mussten. Dessen ungeachtet war das Tessin für die Schweiz stets eine unschätzbare Bereicherung. Denken wir nur an die bedeutende Rolle der Tessiner Bundesräte. Vier Konservative und drei Liberale: Stefano Franscini, der Erziehungspolitiker und Statistiker, Giovanni Battista Pioda, der Wegbereiter grosser Bauwerke, Giuseppe Motta, der Mann des Völkerbundes, Enrico Celio, der Eisenbahnreformer und Förderer des Luftverkehrs, Giuseppe Lepori, der die Verfassungsartikel über Radio und Fernsehen schuf, Nello Celio, der Finanzpolitiker und schliesslich Flavio Cotti, der Europäer, der den Vertrag von Locarno prägte und vor fünf Jahren die OSZE präsidierte.
Mit dem Eintritt des Tessins in die schweizerische Eidgenossenschaft öffnete sich der Schweiz das Tor zu einer grossen, äusserst reichen europäischen Kultur. Wir verkennen nur allzu oft, was uns die dritte Schweiz bringt. Haben wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, wirklich alles uns Mögliche getan, um der italienischsprachigen Schweiz den gleichen Platz zu verschaffen, wie ihn die anderen Landesteile haben, die mehr Möglichkeiten haben, sich mit den gleichsprachigen Nachbarn kulturell auszutauschen? Ist es nicht unsere Pflicht, das Wort des Dichters Amleto Pedroli zu widerlegen, der die Tessiner voller Verbitterung als «Bäume ohne Wurzeln» bezeichnet hat? Der Bund hat schon viel getan, indem er für eine Universität in der italienischen Schweiz eingetreten ist, aber er kann noch mehr tun. Haben wir die ganze Tragweite des Tessiner Neins zur Ratifizierung der bilateralen Verträge mit der Europäischen Union ermessen? Wiegen in diesem Kanton die Nachteile nicht schwerer als die Vorteile? Es ist unsere Pflicht, uns solche Fragen zu stellen. Wenn wir uns in den künftigen Beratungen stets die besondere Situation des Tessins und deren Folgen für die Wirtschaft und Gesellschaft unserer Tessiner Freunde vor Augen halten und daraus entsprechende Schlüsse ziehen, dann, meine Kolleginnen und Kollegen, wird unsere Session im Tessin nicht nur ein angenehmer Aufenthalt gewesen sein, sondern eine Bereicherung für die ganze Schweiz und ihre Vertreter und Vertreterinnen im Bundesparlament.
Ich möchte den Behörden der Republik und des Kantons Tessin sowie der Stadt Lugano ganz herzlich danken für den freundlichen Empfang, ihre Gastfreundschaft und diese drei denkwürdigen Wochen, die sie für uns vorbereitet haben.
Viva Lugano!
Viva il Ticino!
Viva la Svizzera!