3. Dezember 2003, Illnau-Effretikon
Die Politik hat sich seit dem 19. Oktober verändert.
Man weiss nicht mehr, wann man welchen Bundesrat wählen wird.
Man weiss nicht mehr, wo und wann und für wen man ein Fest organisieren muss.
Das Leben der Staatsschreiber ist von einem Tag zum andern voller Unsicherheiten geworden.
Was für ein Glück ist es da, dass wenigstens die Wahl des höchsten Schweizers noch ganz ruhig über die Bühne geht, wohlgeordnet, ohne medial angeheiztes Spektakel und geschürte Emotionen. Es gibt noch etwas Ordnung in diesem Land, auf uns ist noch Verlass.
Mein Nachfolger, Max Binder, ist von dieser Art: Er hat breite Schultern, auf die man sich stützen kann. Er ist aus dem Holz, aus dem man Morgensterne macht.
Vor einem Jahr, bei meinem Empfang in Vevey, wurde Max Binder von den Brigands du Jorat gefesselt und als Geisel genommen. Das ist eine alte Wadtländer Tradition, die daran erinnert, dass unser Land früher nicht eben sicher war. Räuber erpressten in den Wäldern draussen von den Reisenden Lösegeld, vor allem von denjenigen, die von Bern her kamen. Max Binder aber hat mit ihnen eine Art freundeidgenössischen Pakt geschlossen und sie eingeladen, ihre Aktivitäten nach Zürich auszudehnen.
Aber was ist geschehen? Die Räuber sind nicht gekommen, denn hier, wie bei uns, macht sich die Krise breit. Die Steuerpflichtigen zahlen zu viel Steuern und die Reisenden sind von den überhöhten Flughafengebühren abgeschreckt. Da lohnt sich der Gang in den Kanton Zürich nicht, haben sich die Räuber gesagt. Im Übrigen wissen sie sehr wohl: Hier ist die Konkurrenz hart. Die Partei des Präsidenten hat, indem die Wahlberechtigten ihr auf die erste Aufforderung hin ihre Stimme gaben, sämtliche Wahlurnen für sich leer geräumt. So bin ich denn ohne die Brigands du Jorat gekommen, um ein Loblied auf meinen Nachfolger anzustimmen.
Pendant les deux ans passés au bureau du Conseil national, à attendre son tour, Max Binder a été cerné de tous les côtés par des romands. La Genevoise Liliane Maury Pasquier à laquelle a succédé un Vaudois, qui le précédaient tous les deux, puis enfin un autre Genevois, Philippe Maitre qui le suit. Max Binder a dû s’en accommoder et son oreille s’est faite à la belle musique de la langue française. A tel point qu’il n’est plus, m’a-t-on dit, un grand défenseur du Frühenglisch. Il est aussi un défenseur, comme je le suis, de l’agriculture. Dans ce domaine il n’y a pas de frontières linguistiques. Tous les paysans parlent la même langue aux vaches. Je salue donc le paysan au perchoir, ce qui n’était plus arrivé depuis les conseillers Reichling et Nebiker en 87 et 91. Encore n’étaient-ils pas dans la catégorie des paysans indépendants.
Während dieser Zeit der "cohabitation" durfte ich feststellen, dass Max Binder mit einem gut imprägnierten Charakter ausgestattet ist. Er ist nicht bereit, alles zu fressen, was ihm die Verwaltung vorsetzt. In diesem Mann verbindet sich die Kraft des Berner Bären mit der Autorität des Zürcher Löwen und der Schlauheit des Stadtfuchses.
Diese Qualitäten wird er alle brauchen können, wenn er am 10. Dezember den "carnaval des animaux" wird bändigen müssen. Diese Partitur wird um einiges schwieriger sein als diejenige der Nationalhymne, die wir, mit einiger Mühe, auf sein Betreiben hin anlässlich seiner Wahl zum Präsidenten angestimmt haben. Aber, Max, ich habe es dir ja bereits gesagt: Ich werde, auch wenn wir nicht immer die gleichen politischen Ideale vertreten, mich dafür einsetzen, dass die freisinnigen Geigen mit dem übrigen Orchester harmonieren werden. Obwohl ich die Noten selber nicht an Stelle der Musikanten spielen kann. Ich mache das als Zeichen der Solidarität zwischen Ratspräsidenten.
Pour conclure, j’aimerais te dire, mon cher Max, que cette année passe vite et qu’il ne faut pas te faire grande illusion sur l’honneur que tu pourrais personnellement retirer de ta charge. Maitre remplacera bien vite Binder et l’on t’aura aussitôt oublié. Nous sommes des étoiles filantes dans le firmament helvétique.
Vous connaissez mon intérêt pour les fables de La Fontaine et je ne résiste pas, en guise de conclusion, de t’en raconter une qui concerne directement le président que tu es et celui que j’ai été.
Es ist kein Zufall, dass wir in den Ruhmhalle des Landesmuseums empfangen werden und dass wir unser Fest in den Eselriethalle halten. Der Esel und der Ruhme. Das gibt mir die Gelegenheit, Ihnen als Schlusswort eine Fabel meines Lieblingsdichter der franz. Literatur, Jean de La Fontaine, zu erzählen:
Der Esel mit den Reliquien
Reliquien trug durch die Menge
Ein Langohr und rühmt sich, ihm soll
Nun gelten der Verehrung Zoll,
Ihm sei des Weihrauchs Duft geweiht und die Gesänge.
Den Unsinn hört jemand und sagt:
"Meister Langohr, seid nicht so dumm und plagt
Euch nicht mit so eitlem Ruhme!
Euch nicht, nur dem Heiligtume
Gilt diese Ehre all, und wisst,
Dass mit Recht sie ihm gewährt wird."
Bei ’nem Narrn im Amte ist
Nur das Kleid es, das verehrt wird.
Ce n’est pas vous, c’est l’Idole
A qui cet honneur se rend,
Et que la gloire en est due.
D’un Magistrat ignorant
C’est la Robe qu’on salue.
Und so denke ich, dass es unserem neuen Präsidenten nicht schwer fallen wird, sein Amt auszuüben in aller Bescheidenheit und Unabhängigkeit, zum Wohle unseres Landes. Ich wünsche Dir ein so schönes Präsidialjahr, wie ich selber erlebt habe.