Am vergangenen 22. Oktober ist Jean-François Leuba nach kurzer Krankheit gestorben. Er war am 16.. Juli in sein 71. Lebensjahr getreten.

Jean-François Leuba machte sich von 1987 bis 1998 als Bundesparlamentarier verdient und übte im Jahre 1995/96 das Präsidentenamt auf vortreffliche Weise aus.

Die Klarheit seiner Gedanken und die Schärfe seines Verstandes überraschten seine Gesprächspartner immer wieder von neuem. Seine mit breitem juristischem Wissen angereicherte Erfahrung wurde in vielen Kommissionen geschätzt. Man wandte sich an ihn, wenn man einen klugen Rat oder ein sicheres Urteil brauchte. Allseits geschätzt wurde auch sein aufrichtiges, rechtschaffenes Wesen.

Er übte einen beträchtlichen Einfluss aus, als er die Liberale Fraktion präsidierte und damit auch Einsitz im Büro des Nationalrats nahm.

Vor fast auf den Tag genau zehn Jahren – am 28. November 1994 – wurde er zum Vizepräsidenten des Nationalrats gewählt. Diese Wahl zeugte von der Wertschätzung gegenüber einer politischen Persönlichkeit allerersten Ranges und war ein Zeichen der Ehrerbietung für die politischen Minderheiten unseres Parlamentes.

Im darauf folgenden Jahr wurde Jean-François Leuba als allseits geachteter Mann zum Nationalratspräsidenten gewählt. In dieser Funktion kam ihm 1995 die Ehre zu, anlässlich der Gesamterneuerungswahl des Bundesrates die Vereinigte Bundesversammlung zu präsidieren.

Jean-François Leuba war Mitglied zahlreicher ständiger Kommissionen, so der Geschäftsprüfungskommission, der Sicherheitspolitischen Kommission, der Finanzkommission und der Staatspolitischen Kommission, deren Aufgabenbereiche besonders auf ihn zugeschnitten waren. Die Totalrevision der Bundesverfassung nahm ihn ebenso in Beschlag wie später die Revision der Waadtländer Kantonsverfassung, bei der er als einer von drei Kopräsidenten des mit der Verfassungsausarbeitung betrauten Rates wirkte.

Jean-François Leuba war ein vielseitig interessierter Mann, der sich auch um die Aussenpolitik verdient machte. Er war Präsident der Delegation bei der parlamentarischen Versammlung der OSZE und nahm an deren Sitzungen in Helsinki, Wien, Ottawa und Kopenhagen teil. Als Nationalratspräsident reiste er nach Madrid und wurde vom König in Audienz empfangen. Er lud den ungarischen Premierminister nach Bern ein und fuhr zu europäischen Versammlungen nach Budapest und Paris, wo er im Namen des Schweizerischen Parlaments brillante Reden hielt.

Jean-François Leuba war ein hervorragender Politiker, der dem Kanton Waadt, dem er als Parlamentarier und als kantonaler Justiz- und Polizeidirektor auf bewundernswerte Weise diente. Als Präsident der Interjurassischen Versammlung stellte er zudem sein Vermittlungstalent unter Beweis.

In diesen schweren Stunden möchte ich Frau Leuba und ihren Kindern die Anteilnahme aller Parlamentarierinnen und Parlamentarier bezeigen.

Ich bitte die Anwesenden, sich zu erheben und in einem Moment des Schweigens eines grossen Eidgenossen zu gedenken, der seiner Partei, seinem Kanton und seinem Land viel Ehre gemacht hat.