Sehr geehrter Herr Präsident des Seimas
Sehr geehrte Damen und Herren Parlamentsabgeordnete
Werte Kolleginnen und Kollegen
Eure Exzellenzen
Meine Damen und Herren

Die Schweiz hat schon immer eine tiefe Sympathie für die baltischen Staaten und besonders für das mutige Volk Litauens empfunden. Es war uns ein Anliegen, die Freundschaft mit diesen drei unabhängigen Staaten zu erneuern. In unserer Bundesversammlung ist von Ratsmitgliedern, die sich besonders für diese Länder interessieren, eine Parlamentariergruppe Pro Baltikum gebildet worden.

Ich empfinde es als ganz besonderes Privileg und eine grosse Ehre, Sie in Bern willkommen heissen zu dürfen.

Wie Präsident Landsbergis sagte, bedeutete der 11. März 1990 den eigentlichen Anfang vom Ende der UdSSR. Inzwischen ist in Ihrem Land wieder die Freiheit eingekehrt. Es hat einen weiten Weg in Richtung Marktwirtschaft hinter sich und kann auf grosse Wirtschaftsleistungen zurückblicken, die besonders in der beachtlichen Wachstumsrate zum Ausdruck kommen. Litauen hat sich mit seinem Beitritt zur NATO und zur Europäischen Union auch einen internationalen Platz gesichert.

Ein Blick in die Geschichte unserer bilateralen Beziehungen zeigt, dass sich bereits im Jahre 1536 erste litauische Studenten an der Universität Basel einschrieben; und während der Reformation pflegte Litauen Kontakte mit Genf.

Nach den Aufständen im 19. Jahrhundert gegen die damalige Russifizierung, die dem Motto «ein Zar, eine Kirche, eine Sprache» folgte, kamen zahlreiche Studenten und politische Flüchtlinge in die Schweiz. Die Universität Freiburg zählte in jener Zeit viele Studierende aus Litauen. Zu den litauischen Persönlichkeiten, die in der Schweiz einen akademischen Titel erwarben, gehören der Erzbischof Matatulatis, der Dichter Gusraitis und der Philosoph Salkauskis.

In Zürich studierten der Sozialistenführer Grigaitis, der später Rektor der Universität Kaunas war, sowie Jurgis Saulys, der die Unabhängigkeitserklärung von 1918 unterzeichnete.

Ebenfalls von Bedeutung ist Gabrys, der in Lausanne eine Informationsstelle gründete und während des ersten Weltkrieges in der Schweiz Vorträge über die Selbstbestimmung der Völker des russischen Reiches hielt.

Wir sehen, die Bande zwischen der Schweiz und Litauen bestehen schon seit langer Zeit und müssen nur noch weitergeknüpft werden, was uns sehr am Herzen liegt.

Litauen hat in den fünfzehn Jahren, seit es die Unabhängigkeit wiedererlangt hat, sowohl auf politischer als auch auf wirtschaftlicher Ebene beträchtliche Fortschritte gemacht. Nach einem halben Jahrhundert unter dem totalitären Sowjetregime hat es sich wieder dem parlamentarischen System zugewandt. Sein heutiges Parlament, eine Fortführung des einstigen Reichstages, ist zum Symbol der neuen Unabhängigkeit geworden. 

Die Behörden von Vilnius haben es verstanden, die litauische Hauptstadt neu aufblühen zu lassen; Klapeida ist in voller Entfaltung; Kaunas, die ehemalige Hauptstadt, die mein Vorgänger Yves Christen im Jahre 2003 besuchte, hat ein bedeutendes Forum zur Wirtschaftsförderung aufgebaut; und die Halbinsel Nerija lädt die Touristen zu einem Besuch des Thomas-Mann-Hauses in idyllischer Umgebung ein.

Die Geschichte Litauens trägt in mancher Hinsicht ähnliche Züge wie jene der Schweiz. Beides sind kleine Länder, die, umgeben von mächtigen Nachbarn, stets ihre Unabhängigkeit behaupten mussten. Aber heute können unsere Völker dank dem Gebilde Europas leben, ohne sich vor dem kommenden Tag fürchten zu müssen.

Unsere beiden Länder pflegen unterschiedliche Beziehungen zu Europa, dessen Mittelpunkt, geografisch betrachtet, übrigens nicht Brüssel, sondern Bernotai, ein 25 km von Vilnius gelegenes Dorf ist! Wir wünschen Ihnen viel Glück zu Ihrem Europa-Entscheid vom 11. Mai 2003. Welchen Weg Ihr Land doch zwischen dem 11. März 1990 und diesem 11. Mai 2003 zurückgelegt hat! Diese beiden Daten muten an wie die Wiedererstehung des alten Litauen.

Für mich mit meiner polnischen Herkunft ist dieser erste Empfang einer ausländischen Delegation wie eine Einladung von Freunden, denn die Geschichte Litauens und jene Polens sind oft ineinander übergegangen. War der König von Polen nicht auch Grossherzog von Litauen? Und erinnern wir uns der Schlacht von Tannenberg, wo die polnisch-litauischen Truppen im Jahre 1410 das Heer des deutschen Ritterordens schlugen. Die Kinder unserer Länder haben dank dem Werk des grossen Henryk Sienkiewicz alle schon davon gehört.

Litauen geht in der Europäischen Union auf eine vielversprechende Zukunft zu. Was uns betrifft, haben wir einen langsameren Weg eingeschlagen, der unserer Geschichte und den Besonderheiten unserer Verfassung eher gerecht wird. Wir haben mit der Europäischen Union bilaterale Abkommen geschlossen und diese haben denn auch die nicht immer leichten Hürden der Volksabstimmungen passiert.

Ich erhebe mein Glas auf die Gesundheit aller Anwesenden und besonders auf jene des Präsidenten Paulauskas.

Es lebe die Freundschaft zwischen der schweizerischen Eidgenossenschaft und der Republik Litauen!