Als Sie mir am ersten Tag der Wintersession 2004 die Freude und Ehre gemacht haben, mich zum Präsidenten Ihres Rates zu wählen, hätte ich niemals gedacht, dass ich dieses Amt zu Beginn der Frühjahrssession bereits bereits wieder würde niederlegen müssen. So sind mir nur ein paar Wochen der Freude auf ein schönes Jahr im Dienste des Landes geblieben. Der Philosophe Epikur hat gesagt: „Wer sich nicht mit wenig zufrieden geben kann, wird niemals Zufriedenheit finden.“ Ich versuche, aus diesen weisen Worten Kraft zu schöpfen.

Denn die Tatsache ist da, sie lässt sich nicht abwenden. Ganz unerwartet wirft dir das Leben die Zügel der Bescheidenheit über und fordert dich auf, neue Wege einzuschlagen und deine Kräfte auf etwas ganz anderes als bisher zu verwenden. Das ist es, was ich nun mit aller Überzeugung tue, und deshalb muss ich mich vom Parlament verabschieden.

Ich weiss, dass der Vizepräsident Claude JANIAK und die Vizepräsidentin Christine EGERSZEGI wie auch die von Generalsekretärin Mariangela WALLIMANN kompetent geführten Parlamentsdienste es mir ermöglicht hätten, einen Teil der Aufgaben zu erfüllen, die mir dieses Jahr übertragen sind. Ich weiss es, weil ich es seit Januar erfahren habe, und ich möchte für diese Unterstützung von ganzem Herzen danken.

Aber im Präsidentenamt zu bleiben, ohne es während der ganzen Amtsdauer richtig ausüben zu können, ist mir zuwider, weil dies in meinen Augen ein Zeichen mangelnden Respekts Ihnen gegenüber, meiner Fraktion gegenüber und auch gegenüber der Institution als Ganzes wäre. Aus diesem Grunde habe ich mich entschieden, auf dieses Amt zu verzichten.

Der gleiche Respekt gebietet mir, mich heute von diesem Platz aus von Ihnen zu verabschieden. Welches auch immer unsere Gemeinsamkeiten und Meinungsverschiedenheiten waren, mit wem auch immer wir verbündet waren und auf welcher Seite auch immer wir unsere politischen Gefechte ausgetragen haben, das Mindeste ist, dass ich mich jetzt nicht einfach still davonstehle, sondern Ihnen, bevor ich gehe, meinen Dank persönlich ausspreche.

Danke für all diese Jahre unseres gemeinsamen Wirkens, bei dem ich Gelegenheit hatte, zu Lösungen beizutragen, mich vertieft mit Themen auseinanderzusetzen, denen mein ganzes Interesse galt, so vor allem auf den Gebieten der Wirtschafts-, der Steuer-, er Staats- und der Aussenpolitik. Danke, dass Sie mir den Vorsitz in der Aussenpolitischen Kommission und danach den Vorsitz der Kommission für Wirtschaft und Abgaben ermöglicht haben.

Besonderer Dank gebührt meiner Fraktion, mit der ich mich vor allem als Präsident eine intensive Zeit im Dienste der Werte der Freiheit, Verantwortung und Solidarität erlebt habe. Sofern man sie nicht gegeneinander ausspielt, sondern sie als Teil eines unlösbaren Ganzen sieht, ebnen diese Werte den Weg zu einer ausgewogenen Gesellschaft, das heisst einer Gesellschaft, in welcher der Mensch im Mittelpunkt allen Geschehens und Strebens steht.

Schliesslich möchte ich von ganzem Herzen danken für die freundschaftlichen Beziehungen, die mich mit vielen von Euch verbunden haben. Das zeigt, dass die Politik auch die Kunst des freundschaftlichen Miteinanders in sich birgt.

Ich schliesse mit ganz persönlichen Gedanken und erlaube mir, daraus eine Lehre für die Politik zu ziehen.

Bis vor kurzem hatte ich nie gesundheitliche Probleme. Ich stellte mir vor – unbewusst natürlich, alles andere wäre zynisch oder arrogant gewesen – dass Krankheit etwas sei, was die andern betreffe. Der Tag vor Weihnachten lehrte mich, wie zerbrechlich alles ist. Nichts ist fest und sicher.

Das Gleiche gilt für unser Land. Es stimmt schon, dass wir uns im Vergleich mit vielen andern Ländern in einer beneidenswerten Lage befinden, vor allem auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet. Diese Situation verdanken wir zu einem guten Teil unserem eigenen Bemühen, und das können wir sagen, ohne zu erröten. Da und dort ist man versucht, daraus zu schliessen, wir brauchten trotz Reformbedarf nichts zu ändern, um unseren Standard erhalten zu können. Wer so denkt, hat bestimmt noch nicht bemerkt, dass mehrere Länder - denen viele bis jetzt nur mit einer Art Herablassung begegnet sind – uns nach und nach einholen. Und wer so denkt, sieht vor allem nicht, oder will nicht sehen, dass wir in einer Welt leben, die sich grundlegend gewandelt hat: in einer Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten. Sich nicht auf die eine oder andere Weise an den internationalen Einrichtungen beteiligen zu wollen, die der Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Aufbau auf wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem und politischem Gebiet dienen, bedeutet, unser Land mehr und mehr zu schwächen.

In diesem Jahr stehen zwei Volksabstimmungen an, die eben diese Interdependenz betreffen. Ich wünsche mir inständig, dass das Schweizer Volk die Vorlagen von Bundesrat und Parlament unterstützt und sich somit vor Augen hält, dass - wie bei der Gesundheit - nichts endgültig gesichert ist, dass etwas, was bis anhin als solid galt, plötzlich ins Wanken geraten kann, dass, konkreter gesagt, unser Land, das einen wesentlichen Teil seines Lebensstandards der Fähigkeit verdankt, mit andern Staaten und insbesondere der EU zusammenzuarbeiten, dass dieses Land sich nicht von den andern absondert. Es wäre falsch, die paradoxe Haltung eines verfehlten Stolzes anzunehmen, der – im Gegensatz zum Patriotismus – nur die Angst ausdrückt, der Zukunft entgegenzutreten.