Liebe Kolleginnen und Kollegen
Ich bitte Sie, sich während dieser Worte zum Gedenken an Christian Speck und Jost Gross von Ihren Sitzen zu erheben.
Unsere beiden Kollegen haben uns in der ersten Maiwoche auf tragische Weise für immer verlassen. Unser Rat war an den bewegenden Trauerfeiern vom 13. Mai in Oberkulm und Frauenfeld vertreten. An diesen letzten Geleiten kam zum Ausdruck, wie sehr das Andenken dieser beiden Verstorbenen in Ehren gehalten wird.
Unser Kollege Christian Speck ist am 5. Mai nach einem chirurgischen Eingriff völlig unerwartet gestorben.
Christian Speck wurde am 22. Dezember 1937 in Menziken geboren. Er erlernte den Beruf des Bäcker-Konditors und prägte sowohl die Geschicke seines Berufsstandes als auch diejenigen des Gewerbes im Allgemeinen wesentlich mit, stand er doch sechs Jahre dem Schweizerischen Bäcker-Konditorenmeisterverband vor und amtierte als Präsident des Aargauischen Gewerbeverbandes.
Am 6. November 1998 sagte Bundespräsident Flavio Cotti anlässlich der 150. Jahrfeier des Bundesparlamentes: „… gerne hätte ich Ihnen nebst meinen Glückwünschen auch einen Geburtstagskuchen mitgebracht. Aber angesichts der Kritik, die mein Gebäck zweifelsohne von unserem Spezialisten Christian Speck geerntet hätte, habe ich dann doch lieber darauf verzichtet.“ Schon damals war der Betrieb, den Christian Speck bereits in der sechsten Generation führte, weit über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt und seine Aargauer Rüeblitorte weitherum geschätzt.
Von 1970 bis 1996 bekleidete Christian Speck politische Ämter in seiner Aargauer Heimatgemeinde Oberkulm. Zuerst war er drei Jahre Gemeinderat, danach setzte er sich als Gemeindeammann 23 Jahre lang unablässig für die öffentliche Sache ein. Als Dank für dieses langjährige Engagement wurde er Ehrenbürger seiner Gemeinde.
Christian Speck kam 1995 als Vertreter der SVP in den Nationalrat und wurde danach zweimal glänzend wiedergewählt. Für seine Fraktion nahm er Einsitz in die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie und präsidierte diese Kommission in den Jahren 2002 und 2003 souverän.
In dieser Kommission kam sein Interesse für Energiefragen zum Tragen, das er als Verwaltungsrat verschiedener Elektrizitätsunternehmen und Kenner der Schweizer Energiewirtschaft mitbrachte. Er gehörte zudem der Kommission für öffentliche Bauten an.
Als Präsident der mit der Prüfung der Legislaturplanung 2003-2007 beauftragten Spezialkommission des Nationalrates konnte er seine Kenntnisse auch in einem ganz anderen Bereich unter Beweis stellen.
Seine Kolleginnen und Kollegen werden sein zutiefst menschliches Wesen, seine Umgänglichkeit und sein herzliches Lächeln in bester Erinnerung behalten. Mit Christian Speck ist viel zu früh ein Kollege von uns gegangen, dessen Standpunkte stets realitätsbezogen und nicht ideologiegebunden waren.
Christian Speck hat dem Kanton Aargau und den Kreisen, die er im Nationalrat vertrat, auf vorbildliche Weise gedient.
Seinen drei Kindern und seiner Familie möchte ich unsere tiefe Anteilnahme an diesem schweren Schicksalsschlag, der sie an diesem Auffahrtstag traf, bekunden.
Ein Tag später ist Jost Gross bei einem Fussballspiel zwischen Parlamentariern aus Deutschland und der Schweiz in Waldenberg in Baden-Württemberg gestorben.
Unser Kollege wurde am 1. März 1946 in Flawil geboren. Er war als Anwalt und Notar in St. Gallen tätig, habilitierte mit einer Gesamtdarstellung des Schweizerischen Staatshaftungsrechts und war seither Privatdozent an der Hochschule St. Gallen. Seine Vorlesungen fanden sowohl bei seinen Mitdozenten als auch bei den Studierenden viel Beachtung, sodass er demnächst zum Titularprofessor ernannt worden wäre.
Seine politische Karriere begann Jost Gross in seiner Wohngemeinde Ermatingen, wo er von 1979 bis 1987 Gemeinderat war. Von 1980 bis 1984 sass er für die Sozialdemokratische Partei im Grossen Rat des Kantons Thurgau. Zudem amtete er zwölf Jahre lang als Verwaltungsrichter seines Kantons. Das Thurgauer Stimmvolk wählte ihn 1995 in den Nationalrat gewählt und hat ihn seither zweimal mit hervorragenden Ergebnissen in seinem Amt bestätigt.
Wie der Regierungsrat des Kantons Thurgau betonte, war „seine politische Tätigkeit […] stets von sozialem Engagement, von profunder Kenntnis des Gesundheits- und Sozialwesens und von juristischer Genauigkeit geprägt“. Für die zahlreichen Anliegen, die an ihn herangetragen wurden, hatte er stets ein offenes Ohr. Die Meinung dieses humanistischen Juristen war sehr gefragt und so stand er den unterschiedlichsten Kreisen mit Rat und Tat zur Seite.
In Bern fand er seine Hauptinteressensgebiete in der Staatspolitischen Kommission und der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit wieder.
Er beeindruckte in diesen Kommissionen durch seine grosse Tatkraft, überzeugte durch sein immenses Wissen und bestach durch seine stets treffenden Argumente. Er bemühte sich immer um eine Lösung der schwierigen Probleme, welche die Kommissionen beschäftigten. Er war ein visionärer Politiker.
Jost Gross setzte sich unermüdlich für den Schutz der Behinderten ein. Die Invaliden in diesem Land verdanken ihm viel, hat er sich doch bei der entsprechenden Gesetzgebung mit viel Geschick in den Dienst ihrer Sache gestellt. Er kämpfte beharrlich für die Chancengleichheit der Behinderten in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt.
Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn führte ihn in die Arbeiterbewegung, wo er als Präsident des Thurgauischen Gewerkschaftsbundes, der ihn wegen seiner umfassenden Kenntnisse des Arbeitsrechts sehr schätzte, eine wichtige Funktion innehatte.
Wir alle werden ihn als äusserst kompetente Persönlichkeit und integren Menschen in Erinnerung behalten, der mit seiner sympathischen Art überall beliebt war.
Der letzte politische Auftritt von Jost Gross sollte die Teilnahme an einem Runden Tisch mit seinen Thurgauer Kolleginnen und Kollegen zum Thema Schengen-Abstimmung sein. Eine seiner Kolleginnen brachte ihre Wertschätzung für den Verstorbenen mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Er war wie sein Name: gross“.
Seiner Lebenspartnerin Anita Thanei, seinen beiden Kindern und seinen Angehörigen möchte ich unsere aufrichtige Anteilnahme bezeigen.
Ich bitte Sie, in einem Moment des Schweigens der beiden Verstorbenen zu gedenken, die ihrem Mandat als Parlamentarier viel Ehre gemacht haben. Wir werden diesen beiden geschätzten Kollegen ein bleibendes Andenken bewahren.
Ich danke Ihnen.