Liebe Frauen, liebe Männer, liebe Kinder
Jetzt können wir doch noch gemeinsam auf diesem Flecken Erde feiern. Und ich freue mich darüber sehr. Morgen werden hier vermutlich wieder Kühe grasen und dafür sorgen, dass dieses Stück Land auch im nächsten Jahr grünt.
Mir gefällt das.
Es gefällt mir, dass das Rütli eine Gebrauchswiese ist und kein unnahbarer, kalter Heldenplatz. Es gefällt mir, dass unser Nationalfeiertag ein Familienfest ist und ohne Militärparade auskommt. Hinter dieser Eigenheit verbirgt sich eine gute Portion Bescheidenheit, die mir in unserem Land immer wieder begegnet: Es zählt nicht in erster Linie was dargestellt wird, sondern was dahinter steckt. Auch in Gewöhnlichem kann das Besondere liegen. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain scheint dies erkannt zu haben, als er über das Rütli schrieb: "Kein anderes Stück Erde ist mehr wert, Ozeane und Kontinente zu durchqueren, um es zu sehen." Das Rütli lässt niemanden unberührt, Sie nicht, mich nicht –sonst wären wir nicht hier.
Dieser fünf Hektar grosse Schauplatz steht für mich am Anfang einer Erfolgsgeschichte – der Erfolgsgeschichte „Schweiz“. Der Rütlischwur mag sich zwar nicht so abgespielt haben, wie ihn Friedrich Schiller in unser Bewusstsein schrieb. Aber der Satz "Wir sind Ein Volk, und einig wollen wir handeln" versinnbildlicht für mich unser heute geltendes Staatsverständnis. Gewiss, es gab viele Rück- und Tiefschläge in den Jahrhunderten bis hin zum modernen Bundesstaat. Doch zeigten sich die Eidgenossen immer wieder willens, den Weg gemeinsam weiter zu gehen. Am Ende ist daraus ein weltweit einmaliges politisches System entstanden – massgeschneidert auf unser kleines Land mit seinen ganz unterschiedlichen Gesichtern.
In meiner Funktion als Nationalratspräsidentin habe ich mich mit vielen ausländischen Politikerinnen und Politiker unterhalten können. Unser politisches System löst jeweils grosses Erstaunen, aber auch Bewunderung aus – und bei mir wachsende Begeisterung für dieses ausgeklügelte Konzept. Denn es versucht, alle Kräfte unterschiedlichster Herkunft gleichberechtigt an der Macht Teil haben zu lassen. Herkunft, Sprache, politische Ausrichtung, Konfession, Geschlecht – in unserem demokratischen Staat hat jede Stimme ihren Wert, ihre Berechtigung, ihre Notwendigkeit.
Wir haben das grosse Glück, über unser Schicksal selbst zu entscheiden, die Gesellschaft zu formen, in der wir leben. Nicht direkt im Einzelfall, nicht kurzfristig, aber längerfristig durch Köpfchen und Engagement. In der Gemeinde können wir über Schulhäuser oder Spielplätze selbst entscheiden, im Kanton darüber, mit welchem Steuersatz wir die Einkommen und Vermögen besteuern oder ob es mehr oder weniger Strassen braucht, auf Bundesebene über Fragen, wie wir die Altersvorsorge gestalten, die Berufsbildung stärken oder in welchem Verhältnis wir mit unseren Nachbarn stehen. Über viele kleine und grosse Fragen könnten alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mitentscheiden.
Doch wirkliche Macht hat in der schweizerischen Politik niemand – auch nicht die Bundespräsidentin, die Nationalratspräsidentin oder der Regierungspräsident einer kantonalen Exekutive. Sie haben höchstens etwas mehr Einfluss, was aber vermutlich weniger mit dem Amt als mit der Persönlichkeit der Einzelnen, des Einzelnen zu tun hat. Während des Präsidialjahres hat man zwar die Gelegenheit, ein wenig Macht schnuppern zu können – man trifft allerhand (ge)-wichtige Leute. Indes ist das Jahr zu kurz, um nicht mehr davon los kommen zu können. So bleibt das Präsidialjahr eigentlich nur für die Amtsinhaberin eine bleibende Erinnerung. In der Öffentlichkeit geht man jedoch sehr schnell vergessen. Oder können Sie sich noch an meine Vorgängerinnen und Vorgänger erinnern?
Sehr geehrte Damen und Herren
Natürlich ist unser politisches System zeitaufwändig. Es ist mühsam, die unterschiedlichsten Ansichten in den politischen Prozess einzubeziehen und mehrheitsfähige Lösungen zu finden. Wie viel einfacher wäre es, eine Sache durchzuziehen ohne Rücksicht auf andere nehmen zu müssen? Regelmässig ertönt denn auch der Ruf nach einem Systemwechsel: Weg mit der Konsenspolitik, hin zu einem Oppositionssystem – wie es die meisten unserer Nachbarländer pflegen. Ich halte gar nichts davon: Unser politisches System würde zu Grunde gehen. Referenden würden keinen Sinn mehr machen. Volksinitiativen hätten es noch schwieriger und die Stimmberechtigten das letzte Wort nicht mehr.
Und wenn wir das nicht mehr haben, verlieren wir – so befürchte ich – unsere gemeinsame Identität und unseren Gemeinsinn. Beides kann nur durch gemeinsames Handeln entstehen. Wenn wir über Kantons-, Partei- oder Sprachgrenzen hinweg nicht mehr gemeinsam etwas bewegen können, was verbindet uns dann noch? Oder anders gefragt, was haben ein Tessiner und ein Solothurner, eine Jurassierin und eine Glarnerin dann noch gemeinsam?
Es gibt in unserem Land keine Partei, die allein den Wohlstand garantiert, die allein Rezessionen verhindert, die allein dafür sorgt, dass wir ein neutrales Land bleiben, die allein erreicht, dass allen, die in Not sind, wirklich geholfen wird. Deshalb sind errungene Kompromisse unter den vielfältigen Bedürfnissen und Meinungen für die Schweiz ein Zeichen der Stärke. Wir als Menschen in einer demokratischen Gesellschaft können etwas tun, indem wir uns einmischen, gestalten und mitentscheiden. Und dazu rufe ich Sie auf! Seien Sie Stimmbürgerinnen und Stimmbürger und nicht Stummbürgerinnen und Stummbürger!
Depuis plus de sept siècles, nous avons appris à nous intéresser à l’autre, à le comprendre même s’il parle une autre langue, s’il pratique une autre religion ou s’il est issu d’une autre culture. Ceux qui nous ont précédés dans ces magnifiques paysages, entre la ligne bleue du Jura et la frise des Alpes, nous ont donné en héritage deux valeurs essentielles: le respect et la tolérance. A nous de les transmettre aux générations futures et à tous ceux qui veulent partager le destin de ce petit pays, qu’ils soient détenteurs d’un passeport à croix blanche ou de passage, qu’ils soient réfugiés en Suisse ou qu’ils aient choisi d’y faire leur vie.
Ich bin froh, haben wir einmal im Jahr einen guten Grund gemeinsam zu feiern. Auf die Gefahr hin, abgedroschen zu klingen: Auch zum 716. Geburtstag können wir stolz auf Land und Leute sein. An einem symbolträchtigen Ort wie diesem, der an einem 1. August eben doch mehr ist als eine Kuhweide, wird einem das ganz besonders bewusst. Ja, wir haben viel erreicht, und können auch in Zukunft viel erreichen – wenn wir uns an Schillers Satz halten: "Wir sind Ein Volk, und einig werden wir handeln".
Ich danke Ihnen.