Sehr geehrte Teilnehmerinnen der zweiten Frauensession,
Guten Morgen, bonjour, buongiorno, bun di,

Auf einem berühmten Plakat von 1969 stand: "So lange die Frauen nicht stimmen können, ist die Schweiz keine Demokratie". Zwei Jahre später wurde unser Land offiziell ein demokratischer Staat. Die Bürgerinnen des Landes erhielten das aktive und passive Wahlrecht. Noch haben wir uns dieses Recht aber nicht vollständig zu eigen gemacht.   

Die Genfer Radikale Lise Girardin war die erste Frau, die 1971 in den Ständerat einzog. Man hätte gedacht, dass die Zahl der weiblichen National- und Ständerätinnen im Laufe der nachfolgenden Legislaturperioden allmählich ansteigen würde, aber 2015 waren von den 46 Mitgliedern in der kleinen Kammer nur sieben Frauen. Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Einzug der Frauen in die Politik. Bei der Wahl 2019 verbesserte sich dieser Anteil deutlich auf 26 % Frauen. Dennoch sind von den 46 Ständeratssitze nur zwölf von Frauen besetzt. Ab der kommenden Wintersession werden wir mit der neu gewählten Fribourger Ständerätin Isabelle Chassot sogar 13 Ständerätinnen sein.

Seit der Schaffung des Rates im Jahr 1848 hatten gerade mal vier Frauen die Möglichkeit, die «Chambre de réflexion» zu präsidieren:  
Josi Meier im Jahr 1991, Françoise Saudan im Jahr 2000, Erika Forster-Vannini im Jahr 2009 und Karin Keller-Sutter im Jahr 2017. In etwas mehr als einem Jahr, wenn ich voraussichtlich Ständeratspräsidentin werde, werde ich die Ehre haben, die fünfte Frau in dieser kurzen Liste von Frauen an der Spitze der kleinen Kammer zu sein; demgegenüber ging das Amt 195 Mal an einen Mann.

In den letzten Jahren hat sich die Einstellung jedoch geändert. Das sehen wir in der öffentlichen Debatte, das sehen wir auch hier, unter der mächtigen Kuppel des Parlamentsgebäudes. Im Ständeratssaal erzählen Tafeln mit Jahreszahlen die Verfassungsgeschichte der Schweiz in chronologischer Reihenfolge. Im Jahr 2019 wurde das die Zahl 1971 angebracht. Dies ist ein wichtiges Symbol und zeigt die Bedeutung dieses Datums.

Die Mentalitäten haben sich verändert, weil mutige Frauen unsere Positionen/Standpunkte gegen alle Widerstände verteidigt haben... Unsere Standpunkte? Bedeutet dies, dass es spezifisch weibliche Themen gibt? Natürlich gibt es sie. Und das wird so lange der Fall sein, bis die Gleichstellung tatsächlich erreicht ist.  
Sie erinnern sich: Erst 1978 erhielten die Frauen gleichberechtigt die «elterliche Sorge» über ihre Kinder. Vor 1982 konnten Buben bevorzugt und Mädchen benachteiligt werden, wenn sie an einer Hochschule zugelassen werden wollten. Vor 1988 durften Frauen ohne die Zustimmung ihres Mannes weder ein Bankkonto eröffnen noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Der Mutterschaftsurlaub wurde erst im Jahr 2004 eingeführt. Wie wir wissen, ist die Liste der Ungleichheiten noch nicht vollständig abgearbeitet. Bereits 1921 stand die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern auf der Tagesordnung. Sie ist immer noch nicht Realität.

Es stimmt zwar, dass viele unserer männlichen Kollegen für die Gleichstellung stimmen, aber wir wissen aus eigener Erfahrung, mit welchen zahllosen Hindernissen Frauen in ihrem täglichen beruflichen, politischen, sozialen und familiären Leben konfrontiert sind. Nur unser Engagement kann diese Hindernisse beseitigen, damit sich die Gesellschaft in eine Richtung entwickeln kann, die auch die unsere ist. Deshalb, meine Damen von der Frauensession, möchte ich Ihnen zunächst dafür danken, dass Sie hier sind. Ich danke Ihnen, dass Sie den Lead im Dauerlauf zur Gleichberechtigung übernommen haben.

S’il est vrai que beaucoup de nos collègues masculins votent dans le sens de l’égalité, nous seules connaissons pour les avoir vécus, les innombrables freins qu’une femme rencontre au quotidien dans son environnement professionnel, politique, social et familial. Et seul notre engagement pourra éliminer ces freins, pour faire évoluer la société dans un sens qui soit aussi le nôtre. C’est pourquoi, Mesdames de la Session des femmes, j’aimerais d’abord vous remercier d’être là. Merci de reprendre le flambeau dans cette course d’endurance vers l’égalité.

Liebe Frauen

Ich bewundere die Pionierinnen der ersten Stunde. Sie kämpften mit Mut und grosser innerer Stärke gegen all die Widerstände und gesellschaftlichen Normen, mit denen sie sich konfrontiert sahen. Mädchen wurden mit der Vorstellung erzogen, dass Ungleichheit quasi Gott gegeben und hingenommen werden muss. Der Film «Die göttliche Ordnung» hat uns dies eindrücklich vor Augen geführt.

Ich erinnere Sie an Marie Curie. Sie ist bis heute die einzige Person, die jemals den Nobelpreis in zwei verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen erhalten hat. Sie musste ihre Familie verlassen, um zu studieren. In ihrem Heimatland Polen war die Hochschulbildung für Frauen verboten. Marie Curie ist nur ein Beispiel. Wie viele andere brillante, weibliche Köpfe brachte die Männerwelt zum Schweigen und sorgte so dafür, dass deren Exzellenz im Schatten blieb?  Um ihr Potenzial zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen, mussten diese Frauen zunächst die bestehenden Regeln in Frage stellen. Dies erforderte Mut und eine gute Portion Antikonformismus.

Heute ist die Gleichstellung in der Gesellschaft breit abgestützt: Sie ist endlich Teil dessen geworden, was man als «normal» bezeichnen könnte. Frauen schaffen es zunehmend ins Licht zu treten: In der Wissenschaft, in der Kultur, der Politik, der Wirtschaft. Und doch, liegt noch ein langer Weg vor uns.

Deshalb sind Sie ja auch hier: Ihre Stimme, Ihre Debatten, sind unsere Zukunft. Indem Sie sich als Vertreterin der weiblichen Bevölkerung für die Frauensession angemeldet haben, zeigen Sie, wie ernst es Ihnen ist. Sie wagen, Bestehendes in Frage zu stellen.

È proprio questa la ragione della vostra presenza: la vostra voce, le vostre discussioni rappresentano il nostro futuro. Proponendovi come rappresentanti della popolazione femminile alla sessione delle donne dimostrate di prendere la questione molto sul serio e di voler osare mettere in discussione i paradigmi esistenti.

In acht Kommissionen haben Sie die Vorarbeit für diese Frauensession geleistet. Das ist die Grundlage Ihrer engagierten Diskussionen, die bis heute Abend andauern werden. Wir alle hoffen, dass die Folgen der zweiten Frauensession lange Zeit nachwirken werden.

Deshalb wünsche ich Ihnen, wie den Generationen von Frauen, die uns den Weg geebnet haben, Mut, Durchhaltewillen und Ausdauer und danke Ihnen von Herzen für Ihr wichtiges Engagement!