(sda) GLP-Mitglied Viktor Rossi tritt die Nachfolge von Walter Thurnherr (Mitte) als Bundeskanzler an. Der bisherige Vizekanzler schaffte die Wahl am Mittwoch locker. Er erhielt im zweiten Wahlgang 135 von 245 gültigen Stimmen. Die drei Mitbewerbenden waren chancenlos.

Rossi war der erste der vier Kandidierenden, der offiziell seinen Hut in den Ring warf. Er kennt die Bundeskanzlei bestens. Seit Mai 2019 ist er Vizekanzler und führt den Bereich Bundesrat der Bundeskanzlei.

Zum von Rossi geführten Bereich Bundesrat gehört die Sektion, die die rund 2500 Geschäfte betreut, die der Bundesrat pro Jahr verabschiedet. Ebenso organisiert diese Sektion die Beantwortung der jährlich rund 1300 Vorstösse aus den Räten. Als Vizekanzler ist Rossi an den wöchentlichen Sitzungen des Bundesrates mit dabei.

Kontinuität in der Bundeskanzlei

Bei seinem ersten grossen Auftritt vor den Bundeshausmedien sagte der 55-Jährige, er wolle die Digitalisierung in der Bundesverwaltung vorantreiben. Auch die frühe Erkennung von Krisen sei etwas, worauf der Bundesrat und der Bundeskanzler werde achten müssen.

"Ich stehe für Kontinuität an der Spitze der Bundeskanzlei und möchte die Digitalisierung der Verwaltung konsequent vorantreiben", hatte sich der 1968 geborene schweizerisch-italienische Doppelbürger Rossi im Vorfeld der Wahl zitieren lassen.

Rossi ist gelernter Koch und studierte nach dieser Ausbildung Wirtschaft und Recht. Danach unterrichtete er als Handelslehrer, bevor er ab 1999 als Direktor die Berufsfachschule Biel leitete. 2009 übernahm er das Präsidium der Kaufmännischen Rektorenkonferenz des Kantons Bern. Im Oktober 2010 wechselte er in die Bundeskanzlei.

Er habe somit Führungserfahrung, sagte Rossi an der Medienkonferenz. Sein Führungsstil sei erprobt.

Rossi sichtlich bewegt

In seiner Antrittsrede vor der Bundesversammlung sagte Rossi, er werde alles in seiner Macht und Kraft Stehende tun, dieser grossen Aufgabe gerecht zu werden. Die Bundeskanzlei solle ein guter Partner der Bundesversammlung sein.

Rossi verwies in seiner Rede auf seinen Migrationshintergrund. Seine Eltern seien in den 1950er-Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben aus Süditalien und Südkärnten in die Schweiz gekommen. "Dieses für sie damals fremde Land wurde rasch zu unserem Land, zu unserer Schweiz. Ich kann fast nicht in Worte fassen, was es für mich bedeutet, jetzt hier stehen zu dürfen."

Erster GLP-Bundeskanzler

Rossi ist der erste Bundeskanzler aus den Reihen der GLP. Laut Rossi wusste diese Partei nichts von seiner Parteimitgliedschaft, als er im Mai 2019 Vizekanzler wurde. Bisher eine Bundeskanzlerin und acht Bundeskanzler waren FDP-Mitglieder. Die frühere CVP und heutige Mitte-Partei stellte bisher eine Bundeskanzlerin und drei Bundeskanzler, die SP einen Kanzler.

Der Bundeskanzler ist Stabschef oder Stabschefin des Bundesrats und nimmt an dessen Sitzungen teil. Er hat beratende Stimme und kann Anträge stellen. Gemeinhin wird er als "achter Bundesrat" bezeichnet.

Mitte verzichtet auf Amt

Im Rennen ums Bundeskanzler-Amt waren neben Rossi die SVP-Mitglieder Gabriel Lüchinger und Nathalie Goumaz sowie der parteiunabhängige Lukas Gresch-Brunner. Einzig Lüchinger vermochte Rossi einigermassen herauszufordern. Er erhielt im zweiten Wahlgang 103 Stimmen.

Drei der vier Bundesratsparteien verzichteten im Vorfeld auf eine Kandidatur, aus taktischen Gründen, wie es in Medienberichten hiess. Auch die Mitte, die mit Thurnherr und zuvor Corina Casanova das Bundeskanzler-Amt seit 2008 besetzte, erhob keinen Anspruch mehr darauf. Mittelfristig strebt die Mitte dafür einen zweiten Bundesratssitz an.