Es gilt das gesprochene Wort

 

Stimau signur president da vischnaunca
Preziau signur Dumeni Columberg
Caras convischinas e cars convischins dalla Svizra romontscha
Stimai confederai
Engraziel fetg per envidar mei alla fiasta digl emprem d'uost a Mustér.
Jeu portel a Vus in cordial salid dalla Casa federala.

Unser Land feiert heute den Gründungstag der alten Eidgenossenschaft 1291.
Ihr Ort, ihr Dorf feiert dieses Jahr ebenfalls ein Jubiläum. Es ist für mich eine Ehre, die 1. August-Ansprache im Jubiläumsjahr 1‘400 Jahre Ursprung Kloster Disentis halten zu dürfen. Disentis, dieser historisch wichtige und bedeutsame Ort, bekannt weit über die Grenzen der rätoromanischen Schweiz hinaus, ist ja auch das regionale Zentrum des Kreises Cadi. Cadi, ableitend von Casa Dei, dem «Haus Gottes», welches sich auf das Kloster Disentis bezieht.

Treu dem Jubliäumsmotto "Stabilitas in progressu" setzt das Kloster hohen Wert auf Beständigkeit und Fortschritt. Und so wird es auch weiterhin ein Anziehungspunkt für viele Gläubige und Gäste sein, und sich seiner grossen Bedeutung als Bildungsstätte bewusst bleiben. Bekanntlich haben viele "Unterländer" das Gymnasium im Internat besucht und anschliessend Karriere in Wirtschaft, Politik und Kultur gemacht. Tragen Sie also Sorge zu dieser wichtigen Bildungsstätte und zu Ihrem Wahrzeichen, dem Kloster.

Ein schweizerisches Wahrzeichen, ein Schweizersymbol ist das Rütli, die grüne Matte am linken Ufer des Urnersees. Die Schweiz – diese kleine Nation - hat in ihrer Vielfalt mancherorts ein regionales oder lokales Rütli. Bei mir zu Hause im Entlebuch ist es das Heiligkreuz. Dort haben die Bauern auf ihre Freiheit geschworen und im Bauernkrieg dann auch dafür gekämpft. Bei Ihnen in der Surselva ist der Ahorn von Trun das regionale Rütli. Dort wurde am 16. März 1424 der Graue Bund geschworen. Alle zwei Jahre haben Ihre Vorfahren - zwar noch ohne allgemeines Wahlrecht - Ihre eigenen Richter gewählt. So gesehen galten ab dann in der Surselva die gleichen Grundsätze wie in der Urschweiz. Es ging um Gerechtigkeit und Frieden für die regionale Gemeinschaft, für die Bürger des grauen Bundes. Sie bildeten damals – im Mittelalter - eine kleine Nation, so wie seit 1848 die Eidgenossenschaft in ihrer heutigen Ausprägung eine Nation darstellt.

Wann ist eine Nation eine Nation? Dann, wenn sie zusammen die Nationalhymne singt? – Übrigens, ich halte nicht viel vom momentanen Preisausschreiben und vom Casting für eine neue Hymne. Mir ist die alte nicht nur gut genug, sie ist sehr wertvoll, sowohl im Text, wie wenige Hymnen frei von aggressivem Nationalismus, wie auch in der Melodie von Pater Alberich Zwyssig, geboren unter dem Rütli. – Ist eine Nation eine Nation, wenn die Bevölkerung die gleiche Sprache spricht? Ist eine Verfassung entscheidend oder das politische System? Braucht es einen König, eine Königin, eine zentralistische Regierung?

Eine gute Antwort auf diese Frage habe ich bei einem Franzosen gefunden, beim Denker Ernest Renan, einem gebürtigen Bretonen, also Angehöriger einer Minderheit. Er hat sich Ende des 19. Jahrhunderts Gedanken darüber gemacht, was das Wesen einer Nation ausmacht. Nicht eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Interessen oder die geografische Lage sind entscheidend. Das Wesen der Nation liegt im subjektiven (besonderen) Bereich.

Ihr Fundament ist die Verarbeitung von gemeinsamen Erfahrungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Es sind die gemeinsamen Erinnerungen und Schicksale sowie die grossen Persönlichkeiten, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Oder in Ernest Renans Worten ausgedrückt: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eins gehört der Vergangenheit an, das Andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch, zusammenzuleben.“

Renans Analyse passt perfekt auf die Schweiz. Weshalb? Ein Nationalbewusstsein entstand trotz der Verfassung von 1848 nicht über Nacht, ein solches musste erst erarbeitet werden. Dem Bundesstaat fehlte noch an Identität, er war jung und fragil. Was es brauchte, war eine – wie man heute sagen würde - „Marketingstrategie“. Und sie ging auf. Die Gründung des modernen Staates wurde als die logische Fortsetzung der Geschichte der Schweiz dargestellt, die ihre Anfänge in den Bünden der alten Eidgenossenschaft fand.

Kein anderer Ort in der Schweiz verkörpert diese heute besser als das Bundeshaus. Dort findet sich ein ganzes Repertoire mythischer, und auch – historischer Themen der Schweizergeschichte: Wir treffen auf Wilhelm Tell, Gertrud Stauffacher, Niklaus von Flüe und die drei Eidgenossen. Wir sehen im Nationalratsaal die Rütliwiese und sind im Ständeratsaal Zuschauer einer Landsgemeinde, nämlich der von Nidwalden.

All die Figuren und Schauplätze wurden, obwohl sie historisch viel älter sind, erst im 19. Jahrhundert im ganzen Land populär gemacht. Unsere Nation ist entstanden aus unabhängigen Geschichten und lebt von verschiedenen Mythen, Helden und Traditionen. Nach und nach haben sich die einzelnen Geschichten der Kantone verwoben. Es zeigt unsere gemeinsame Geschichte, die historische Identität der Schweiz in ihrer grossen Vielfalt.

Ich habe zu Beginn die Verfassung erwähnt – unser zentrales Rechtsdokument. Eine Verfassung macht noch keine Nation, sie legt aber den Grundstein dazu. Die Bundesverfassung von 1848 ist ein Meisterstück:

sie schuf eine kleine, mehrsprachige Willensnation, die auf Gleichberechtigung beruht und gleichwohl die Eigenheiten der Minderheiten berücksichtigt;

ein Land, im dem das Volk der Souverän ist;

und ein Land, in dem nach 1874 die direkte Demokratie auch auf Bundesebene erfunden wurde und die gegenseitige Solidarität und Hilfestellung eine der wichtigsten Grundlagen der Gesellschaft ist.

Seit über 150 Jahre pflegen wir diese Errungenschaften. Wir entwickeln sie weiter und passen sie laufend neuen Herausforderungen an. All diese Errungenschaften sind solid gewachsene Säulen, auf denen unser Erfolg, unsere Stabilität und unser Wohlstand beruhen. Das sind gute Gründe auch einmal dankbar zu sein und durchaus auch ein wenig stolz auf uns selbst. Wir haben es geschafft, ein System mit eigenen Werten zu bauen und die vielfältige, farbige Schweiz so zum Erfolgsrezept zu machen. Ein Beispiel ist auch der Kanton Graubünden mit seinen drei Sprachen und der einmalig grossen Autonomie der Gemeinden und der Regionen. Unser Erfolg ist auch begründet im Umgang mit der grossen Vielfalt, die sich über die Zeit immer wieder ein wenig verändert. Seit den ersten Bündnissen der alten Eidgenossen befindet sich die Schweiz stetig in einem Integrationsprozess, diesen Prozess hat sie bis anhin ganz gut bewältigt.

Der Bund von 1291 war ein Landfriedensbündnis. Es ging weniger um Feinde von aussen als um den Frieden im Innern. Dazu braucht es eine Rechtsordnung mit Richtern, denen das Volk vertrauen kann. Das war damals 1291 in der Urschweiz und in der Surselva 1424 keine Kleinigkeit. Und es ist es auch heute in der Eidgenossenschaft nicht. Für das Vertrauen in die Rechtsordnung ist die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse von Bedeutung. Genau dieses Vertrauen ist bei Richtern, die einer Nation und einem Volk fremd sind, etwa beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg, nicht automatisch gegeben. Die Richter kommen aus den verschiedensten Staaten Europas. Immerhin eine ist Schweizerin.

Es steht mir hier und heute nicht an, ein Urteil über das Bleiberecht eines vierfach vorbestraften Kriminellen aus Südamerika zu kritisieren. Aber aus der Zeit von Bruder Klaus ist mir bekannt, dass ein Schweizer Laienrichter wie eben der spätere heilige Klaus von Flüe sich von Urteilen und vor allem einem langen Papierkrieg von Juristen überfordert gefühlt hat. Es hat damals schon Urteile und Verträge gegeben mit fünfmal mehr Text als der Bundesbrief von 1291.

Und, wie ist es heute damit bestellt? Die Welt ist kompliziert geworden. Und trotzdem, oder gerade deswegen sehe ich nach wie vor für die wesentlichen Vorteile, welche die Miliz mit sich bringt: angefangen in der Gemeinde, im Kanton und auch beim Bund. Es ist politisch nicht nur legitim, sondern geradezu erwünscht, dass wir uns als Laien unsere Gedanken auch über die Judikative, über die dritte Gewalt machen.

Als Nationalratspräsident erlaube ich mir, - und damit wiederhole ich mich - keine Beanstandungen über Urteile internationaler Gerichtshöfe. Aber ich mache mir Sorgen über die Entwicklung einer internationalen Politik und einer globalisierten Justiz, die in Europa und darüber hinaus vom gewöhnlichen Bürger, von der gewöhnlichen Bürgerin immer weniger verstanden werden.

In einem schleichenden Prozess wird eine internationale, globalisierte Rechtsprechung angestrebt, die auf die nationalen historischen und kulturellen Gegebenheiten zu wenig Rücksicht nimmt. Sie nimmt für sich nicht nur eine allgemeine Verbindlichkeit, sondern die alleinige Richtigkeit in Anspruch. Das führt zu einem Teilverlust der nationalen Rechtspflegekultur. Bundesrichter Hansjörg Seiler schreibt in seinem Aufsatz von der Sakralisierung des Rechtes. Die Folge davon ist eine allgemeine Verrechtlichung der Politik und schlussendlich auch eine Einschränkung der nationalen Souveränität.

Wenn ein Volk die Ergebnisse der Politik und der Gerichte nicht mehr versteht, dann schwindet das Vertrauen in die Institutionen. Vertrauensverlust ist eine denkbar schlechte Voraussetzung, wenn man Probleme lösen will. Das gilt übrigens auch beim Ausspionieren unter befreundeten Nationen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Ebenso wichtig wie das Vertrauensverhältnis der Schweiz zu den Nachbarn ist das gegenseitige Vertrauen im Innern der Eidgenossenschaft. Mag der Begriff inzwischen etwas Staub angesetzt haben und aus dem Vokabular der jungen Generation verschwunden sein, doch die Schweiz ist (und bleibt) eine Willensnation. Unser Land bildet - um nochmals auf Ernest Renan zurück zu kommen – einen grossen solidarischen Zusammenhang, der den Wunsch wecken kann, das gemeinsame Leben fortsetzen zu wollen. Die Schweiz ist eine Nation mit einer Seele, in der sich die grosse Vielfalt vereinigt.

Auch daran erinnern uns das Rütli, das Heiligkreuz im Entlebuch und der Ahorn von Trun. Ahornholz eignet sich hervorragend, Tische daraus zu machen, ein runder Wirtshaustisch oder ein eckiger in der Familienstube. Die Eidgenossenschaft findet nicht nur im Bundeshaus und auf dem Rütli statt. Jedes Lokal, jeder Tisch - auch der Familientisch zu Hause - wo man zusammensitzen, seine Sorgen aussprechen kann, ist ein Stück Rütli im Kleinen. Der Ahorn von Trun ist eine Botschaft von Graubünden und der Surselva an die Schweiz: Unser Bund, die Eidgenossenschaft, ist aus gutem Holz gemacht!

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne, frohe 1.-August-Feier.