Es gilt das gesprochene Wort​

Anrede

Herzlich willkommen im Parlamentsgebäude. Dankeschön, dass Sie gekommen sind. Ich freue, einmal in die Rolle eines Museumsdirektors schlüpfen zu können, das ist eine neue Erfahrung. Sie werden nun denken, das bedeutendste politische Gebäude der Schweiz sei doch kein Museum. Es gibt in diesem Haus zwar einiges anzuschauen, Bundespolitikerinnen und -politiker können aber dann wohl doch nicht als klassische Ausstellungsstücke bezeichnet werden. Obwohl es - salopp gesagt – unter ihnen sicher ein paar rare, eventuell sogar antike Exemplare gibt.
Nichtsdestotrotz lagert hier in den Kellern und den Servern ein unermesslicher Fundus. Eine Sammlung von Worten, die über viele Jahrzehnte in den beiden Ratssälen gefallen sind. Sie können ja einmal versuchen auszurechnen, wie viele Worte seit den Anfängen des Bundesparlaments artikuliert wurden. An einem gewöhnlichen Sessionsmorgen sind es gegen die 34 000… Schade, sind die Worte nicht Gold wert, unser Land hätte ausgesorgt: keine Löcher in der AHV- und IV-Kasse, wir könnten problemlos 50 Gripen kaufen, und der Blick auf die Alpen wäre von keinem Schuldenberg versperrt.
Dabei hat sich das frühe Parlament reichlich schwer damit getan, einen solchen Schatz für die Geschichtsschreiber von später zu äufnen. Gleich mehrere Anläufe, die Ratsdebatten Wort für Wort zu protokollieren, scheiterten. Man argumentierte, man wolle der Vielrednerei keinen Vorschub leisten, fand das Ganze zu teuer angesichts der Mehrsprachigkeit und vertrat die Ansicht, das Volk finde genügend andere Mittel der Belehrung. 1891 sprang das Parlament doch noch über den eigenen Schatten und entschied, den Stenographischen Dienst zu schaffen und das «Amtliche stenographischen Bulletin» herauszugeben. Mit Einschränkungen: Publiziert wurden Berichte über referendumsfähige Vorlagen und wichtige Motionen, nicht aber über Geschäftsberichte, Rechnungen und Budgets. Man stelle sich den Aufruhr heute vor, würde man das alles unter dem Deckel behalten wollen. Zum Glück, haben sich die Räte von damals bekehren lassen, was letztlich auch in ihrem Sinn sein müsste. Sie bleiben der Nachwelt erhalten. Natürlich war und ist das Gesagte nicht immer von tadelloser Qualität: Es gibt Worthülsen, Kunstbegriffe, unglückliche Metaphern, ähm und sonstige Überbrückungshilfen. Dank den Redaktorinnen und Redaktoren des Amtlichen Bulletins haben die Sätze in der publizierten Form zumindest einen Anfang und ein Ende, sind grammatikalisch korrekt und präzis. Ob der Inhalt zu überzeugen vermag, liegt im Ermessen eines jeden Einzelnen, da gibt es bekanntlich verschiedene Blickwinkel. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön! Sie haben wohl so manches Ratsmitglied vor einer Blamage gerettet.
Ganz besonders freut es mich, dass dieses Jahr der Schweizer Stenografenverband bei uns in der Parlamentsbibliothek zu Gast ist. Bis die neue Technik in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in den Ratssälen Einzug hielt und die Debatten auf Band aufgenommen wurden, leisteten Stenografinnen und Stenografen unverzichtbare Arbeit – und das unter schwierigen Bedingungen. Der Lärmpegel im Rat ist bisweilen unerträglich hoch. Einen Film über die letzte Bundeshaus-Stenografin können sie sich in der Bibliothek (Bundeshaus West) anschauen.
Meine Damen und Herren
Ich wünsche Ihnen eine vergnügliche, interessante Museumsnacht, hier an diesem Hort der Rede und des Worts – wie der Name Parlament unmissverständlich verrät. Kommen Sie wieder, während einer Session zum Beispiel und überzeugen sie sich, dass hier nicht nur schöne, sondern auch grosse und bisweilen kluge Worte fallen können.