Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Anwesende
Was liegt näher, als an der GV des Solidaritätsfonds den Begriff der Solidarität etwas näher zu betrachten. Sie, die Solidarität gehört zur Eidgenossenschaft wie der Föderalismus, die Subsidiarität und die direkte Demokratie. Diese Elemente sind sozusagen untrennbar miteinander verbunden.
Solidarisch sein kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise: es gibt staatlich regulierte Solidarität – darunter gehören zum Beispiel die AHV, die IV oder der kantonale Finanzausgleich. Es gibt eine ideelle Solidarität in Form eine Kundgebung auf dem Bundesplatz. Wir können uns solidarisch zeigen, indem wir nach einer Überschwemmung die Betroffenen beim Aufräumen tatkräftig unterstützen. Oder wir können Erdbebenopfern Geld spenden. All diesen Aktivitäten ist eines gemeinsam: Sie tun Gutes und dienen dazu, Situationen von Einzelnen oder Gemeinschaften zu verbessern. Solidarität ist kein Gnadenakt, sondern im Grund eine Selbstverständlichkeit innerhalb der Gesellschaft. Sie ist Selbstzweck oder besser gesagt: der Kitt unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft aus Egoisten und Ignoranten ist nicht überlebensfähig.
Die Schweizer Bergbevölkerung geniesst bei einer breiten Bevölkerungsschicht einen grossen Sympathie-Bonus und kann auf deren Solidarität und Verständnis zählen. Man weiss um die schwierigen Lebensbedingungen und der Notwendigkeit, den nachfolgenden Generationen eine Existenzgrundlage zu sichern. Kino-Filme und Fernsehproduktionen, die Einblicke in das Leben von Bergbauernfamilien geben, kommen beim städtischen Publikum gut an: Man denke nur an den Dokumentarfilm „Die Kinder vom Napf“, der zu einem Kassenschlager wurde. Den Bergbauern haftet halt etwas „exotisches“ an, umgekehrt verhält es sich aber nicht anders. Wir Entlebucher zum Beispiel, verstehen auch nicht immer, was in Genfer und Zürcher Köpfen vorgeht. Als Nationalratspräsident verschlägt es mich in verschiedene Landesteile. Das ist ein grosses Privileg. Ich entdecke neues und überraschendes und lerne ständig dazu. Das ist etwas, was ich allen empfehlen kann: Regelmässig einen Fuss in einen anderen Kanton, in eine andere Sprachregion, in eine Stadt zu setzen. Freuen Sie sich über die Vielfalt in unserem kleinen Land und haben Sie Verständnis für die vielfältigen Bedürfnisse seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Mit mehr Einfühlungsvermögen wächst nämlich auch die Bereitschaft, solidarisch zu sein. Gerade jetzt, nach der Abstimmung von 9. Februar, wenn es darum geht, Gräben zuzuschütten. Wir befinden uns im Moment in einer Phase der Unsicherheit, darum ist es wichtig, dass die Bevölkerung zusammen steht und sich nicht gegenseitig aufreibt. Wir müssen als Einheit, als Gemeinschaft gegen aussen auftreten.
Das Gemeinschaftsgefühl stärken kann auch echtes Bewusstsein über die heimatliche Verwurzelung. Diesbezüglich beispielhaft gewirkt hat der Hergiswiler Ehrenbürger Dr. h.c. Josef Zihlmann, landläufig bekannt als „Seppi a de Wiggere“, dessen 100. Geburtstag Hergiswil zu einem Gedenkjahr erkoren hat. Ich will nun meinen beiden Nachrednern nicht vorgreifen, denn beide sind wohl berufener als ich, um das unschätzbare regional-historische und kulturelle Engagement von Seppi a de Wiggere zu schildern. Mich selber aber haben seine Philosophie und seine Ideen zur Heimat tief beeindruckt. Für ihn bedeuteten Vergangenheit und Kultur nämlich nicht ein ‚abgeschottetes Wiggertal’, nein er träumte von einer lebensfrohen, entwicklungsfähigen Region. So schrieb er wörtlich: „Heimat ist nicht geruhsame Behaglichkeit. Wenn Heimat stillsteht, stirbt sie. Heimat neu schaffen heisst beispielsweise dafür sorgen, dass junge Menschen vor dem, was Heimat sein könnte, nicht davonlaufen“.
Und ich selber folgere daraus: unser Sozialfonds und Unterstützungen in Hügel- und Berggegenden dient genau solchen Grundgedanken, nämlich mit Unterstützungen Perspektiven für Wege in eine gute Zukunft nachhaltig zu fördern; eben, dass uns die Menschen im Berggebiet nicht davonlaufen.
Leistungen für das Gemeinwohl haben in der Schweiz eine lange Tradition. Die Geldspende ist dabei die beliebteste Form für gesellschaftliche Solidarität und bürgerschaftliches Engagement. Gemäss dem Zentrum für philanthropische Studien der Universität Basel spenden Schweizer Bürger verhältnismässig viel und häufig. Der World Giving Index, der seit 2010 jährlich erhoben wird und einen interessanten Überblick über Wohltätigkeit im internationalen Vergleich gibt, setzt die Schweiz bei den Geldspenden auf Platz 15 von insgesamt 135 untersuchten Ländern (2013). Interessant ist die Aussage, wonach die Menschen lieber Geld als Zeit für gemeinnützige Zwecke spendeten. Wieso das so ist? Geldspenden werden als eine Art „Freikauf“ von gemeinnütziger Tätigkeit verstanden. Personen, die nur ungern Freizeit opfern, aber sich dennoch engagieren möchten, spenden lieber einen Geldbetrag als Zeit.
Warum die Menschen sonst noch spenden, versuchte die Wissenschaft herauszufinden. Aus rein ökonomischer Sicht ist Spenden nichts anderes als Geld zum Fenster hinaus werfen. Für den Spender selbst springt nichts heraus. Die Universität St. Gallen und die Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur gingen in einer breit angelegten Studie den Beweggründen auf die Spur und haben folgendes herausgefunden: Der Mensch ist – plakativ gesagt - komplexer als man meinen könnte. Er deckt nicht nur wirtschaftlich. Der erste Spender, der fühlt sich besser, weil er jemandem etwas Gutes tut. Es wird ihm warm ums Herz. Dahinter steckt im Grunde ein egoistisches Verhalten: Er steigert sein Wohlbefinden. Der zweite Spender kann sich erst freuen, wenn er weiss, dass es den Empfängern dank seiner Spende besser geht. Diesem Motiv liegt eine uneigennützige Grundgesinnung zu Boden. Der dritte Spender gibt Geld für eine öffentliche Einrichtung: ein Spital, ein Museum, ein Tierheim. In seinem Fall können die Motive egoistischer oder altruistischer Natur sein. Eine Spende kann einen Nutzen für den Geber haben. Dieser Nutzen kann von einer Steuererleichterung bis zur öffentlichen Nennung und Steigerung der öffentlichen Wertschätzung einer Person reichen, im Sinne des Sprichworts: Tue Gutes und rede darüber.
Die Motive für eine Spendentätigkeit sind letztlich vielleicht gar nicht so relevant. Relevant ist – wie eingangs erwähnt, dass mit einem solidarischen Akt jemandem geholfen werden kann. Der Solidaritätsfonds hat seit seiner Gründung, manche Familie unterstützen können und somit einen Beitrag an deren Existenzgrundlage leisten können. Oder, wie es Seppi a de Wiggere sagt: „dass junge Menschen vor dem, was Heimat sein könnte, nicht davonlaufen“.
Es gibt in unserem Land sehr viele Institutionen, die sich dem Ideal der Solidarität widmen: Die Patenschaft für Berggemeinden, die Berghilfe, Pro Patria, die Glückskette, Terre des hommes usw.
Solidarisch sein – Mitgefühl, Anteilnahme, Verständnis zeigen – sind Eigenschaften, die wir in unserer individualisierten, hektischen Zeit stärker pflegen dürften. Wir tragen Verantwortung auch gegenüber der Gemeinschaft. Der Staat kann nicht alles tun. Alle, die berechtigterweise davon sprechen, der Staat solle und müsse nicht für alles und jedes herangezogen werden, geben damit zu verstehen, dass es neben den staatlichen Institutionen eben auch noch die freiwillige Solidarität des Einzelnen braucht. Dieses Engagement lohnt sich, auch für sich selber: Wie sagte Albert Schweitzer einst so treffend: „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Diesem Satz kann ich nichts mehr beifügen.
Ich wünsche Ihnen für Ihre Tätigkeit alles Gute.