Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Kinder und Jugendliche

Ich freue mich sehr, den Nationalfeiertag in Gampelen gemeinsam mit Ihnen feiern zu dürfen. Ich fühle mich in dieser Region heimisch, obschon mehr als vier Zugstunden, ein 15 Kilometer langer Tunnel sowie eine Sprach- und Kulturgrenze zwischen dem großen Moos und meinem Wohnort Comano liegen. Auf dem Weg hierher haben mich Bilder aus meiner Kindheit begleitet. Fast jeden Sommer verbrachte ich die Ferien bei meinen Grosseltern, die aus Kallnach und Aarberg stammten. Sie haben mich das Grosse Moos und seine Bevölkerung lieben gelernt. Als Kind hatte ich noch keine Augen für die Schönheiten der Gegend, sie fielen mir erst viel später auf: die Weite der Landschaft – ein Gegensatz zum bergigen Tessin –, die blaue Silhouette der Jurakette, die satte, fruchtbare Erde, die Felder in den unterschiedlichen Farben und die drei Seen, von denen mich der grösste immer auch ein wenig an ein Meer erinnerte. Nicht zu vergessen Zihl-, Broye- und Hagneck-Kanal, die aus der sumpfigen Erde einen Gemüsegarten machten.
Mein Ur-Grossvater brachte übrigens die Zuckerrübe nach Kallnach, damit wollte er den Boden verbessern, den die Jura-Gewässer-Korrektion freigab. Ganz so ganz einfach war die Sache aber nicht: Bis nach Polen musste er reisen, um Bauern anzuheuern, die die Rübe zu hegen und zu pflegen wussten. Später half er mit die Raffinerie in Aarberg zu gründen und er versüsste vielleicht so ein bisschen das Leben in der Schweiz.

Mesdames et Messieurs,
Situé au pied du Jolimont dans la fertile région du Seeland, votre charmant village jouxte également la frontière des langues, et sa longue histoire elle-même témoigne des relations de proximité qu’il entretient depuis toujours avec la Suisse romande. Il a ainsi appartenu aux comtes de Neuchâtel, puis à la Savoie ; il s’est appelé tour à tour Champion, Gamplon, puis de nouveau Champion, avant que les Bernois ne germanisent finalement son nom en Gampelen. Du reste, ma grand-mère, qui était originaire du village germanophone de Kallnach, se déclarait particulièrement fière de son bilinguisme et plus généralement du bilinguisme du canton de Berne.

Meine Damen und Herren
Das besondere an der Schweiz ist, dass sie aus ganz verschiedenen Geschichten entstanden ist. Jedes Dorf, jeder Kanton hat seine eigene Vergangenheit. Blicken wir aus dem Heute zurück, bekommen lokale Ereignisse von damals eine ganz andere Dimension. Nach und nach haben sich die einzelnen kleinen und großen, kurzen und langen Geschichten zusammengefügt. Aus den unzähligen Mosaiksteinen zusammengefügt – wie auch die Chronik Ihres Dorfes einer ist - wird ein Gesamtbild. Es zeigt unsere gemeinsame Geschichte, die Geschichte der Schweiz in ihrer großen Vielfalt: Wir können auf hohe, schneebedeckte Gipfel steigen und an Seeufern wandern. Wir haben urbane, hektische Zentren und stille, ländliche Gegenden. In unserem Land gibt es Palmen und Alpenrosen, Reisfelder und Rübenacker. Wir feiern andere Feste. Wir pflegen und bewahren unterschiedliche Traditionen. Und: Wir sprechen romanisch, italienisch, französisch, deutsch, und ganz viele Dialekte.

Identität setzt sich aus einer Vielzahl von Zugehörigkeiten zusammen, und wir alle müssen immer alle Elemente unserer Identität beanspruchen können, sagt der libanesisch-französische Schriftsteller Amin Maalouf. Ich meine, diese Aussage passt ganz gut zum Selbstverständnis der Schweiz. Ebenso diese klugen Worte des gleichen Autors: „Jeder Europäer, wo er auch lebt, woher er auch kommt, muss die Möglichkeit haben, sich das kulturelle Erbe Europas anzueignen und es als seines zu erkennen, ohne jeden Hochmut, doch mit legitimen Stolz.
Die Schweiz ist die Schweiz, weil sie sich aus verschiedenen Geschichten, Kulturen, Mentalitäten und Sprachen zusammensetzt. Wäre dem nicht mehr so, so müssten wir vielleicht tatsächlich einmal sagen: „La Suisse n’existe plus“. Das wollen wir aber nicht. Deshalb ist es wichtig, zu dieser facettenreichen Schweiz Sorge zu tragen. Wir müssen die Andersartigkeit der Regionen bewusst pflegen statt nur darüber zu reden. Wir müssen miteinander den Dialog pflegen, damit wir uns gegenseitig besser kennen lernen.

Und die Sprache spielt hierbei eben eine ganz wichtige Rolle. Denn sie ist Teil der persönlichen Identität und der Kultur. Fremde Sprachen zu lernen, erfordert demzufolge Verständnis und Respekt gegenüber anderer Menschen und deren Denkweisen. Wir müssen die Sprachen unserer Nachbarn sprechen lernen – und damit meine ich nicht die der umliegenden Länder, auch wenn es die gleichen sind.
Deshalb will das Eidgenössische Parlament mit einem neuen „Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften“ – so der offizielle Titel – die Viersprachigkeit als Wesensmerkmal der Schweiz stärken und den inneren Zusammenhalt des Landes festigen. Das Sprachengesetz ist fertig und wartet nur noch darauf vom Bundesrat in Kraft gesetzt zu werden. Ziel soll sein, dass sich die Schweizer Bevölkerung in mehreren Landessprachen verständigen kann und dass in der Bundesverwaltung das Kader nebst ihrer Muttersprache die beiden anderen Amtssprachen aktiv und passiv beherrschen sollen. Jeder und jede soll das Recht haben, in seiner und ihrer Muttersprache zu denken und zu sprechen.
Ein weiteres wichtiges Ziel des Gesetzes ist die rätoromanische und italienische Sprache zu erhalten. Denn die Tatsache, dass immer weniger Leute ausserhalb des Tessins Italienisch sprechen und verstehen, könnte die Verbindungen und das Verständnis zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz verkleinern. Noch bedrohter ist das Rätoromanische: Der Anteil der Menschen rätoromanischer Muttersprache wird immer kleiner. Und mit dem Verschwinden einer Sprache verschwindet eine ganze Kultur, das muss man sich bewusst sein.
Das neue Sprachengesetz verpflichtet Bund und Kantone zudem, dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer wieder öfter den Fuß über die Sprachgrenzen setzen: Dies wird für alle ein unvergessliches Erlebnis werden, wie für die meisten unter uns, die einmal als Aupair oder Rekrut eine gewisse Zeit in einem anderen Landesteil verbracht haben. Natürlich ist es wichtig, Englisch zu lernen – und bei Euch jungen Menschen ist die Sprache sowieso sehr beliebt. Dies darf aber nicht zu ungunsten der Landessprachen geschehen. Es bringt Euch für Eure berufliche Zukunft in der Schweiz wesentlich mehr Pluspunkte, wenn Ihr neben Deutsch eine zweite - oder gar dritte -Landessprache sprecht und Englisch noch dazu.

Meine Damen und Herren
Im Europavergleich sind wir immer noch Sprachtalente, gemeinsam mit den Niederlanden und Luxemburg. Ich sage NOCH. Denn inzwischen hat die Europäische Union erkannt, dass die immer wieder geforderte Einsprachigkeit im geeinten, aber multikulturellen Europa keine Basis für das Zusammenleben darstellen kann. Heute fördert die EU die sprachliche Vielfalt als zentrales Element für den Zusammenhalt unter ihren Mitgliedstaaten. Das ist natürlich bei 23 Amtssprachen alles andere, als einfach. Deshalb hat sie dafür vor zwei Jahren eigens einen Kommissar eingesetzt. „Die Europäer von morgen müssen polyglott sein“, lautet heute ihre Devise.

Wir in der Schweiz aber müssen alles dafür tun, polyglott zu bleiben. Kaum ein anderes Land bietet diesbezüglich so ideale Voraussetzungen wie wir sie haben. Mein Appell an Sie: Nutzen Sie die Chance, nur wenige hundert Meter entfernt von hier können Sie in eine andere Kultur tauchen. Und auch diese andere Kultur blüht unter dem weißen Kreuz auf rotem Grund.

Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Bundesfeier.