Es gilt das gesprochene Wort


Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Mitglieder der Berner Kantonsregierung
Herr Stadtpräsident
Werte Vertreterinnen und Vertreter des Berner Gemeinderates
Sehr geehrte Gemeindepräsidenten
Sehr geehrte Mitglieder des Großen Rates des Kantons Bern
Herr Rektor
Sehr geehrte Professorinnen, sehr geehrte Professoren
Liebe Studierende und Mitarbeitende der Universität Bern
Meine Damen und Herren

Wir wissen es alle: das Alter ist relativ und sagt nichts über die Qualität aus. Trösten Sie sich also, wenn die Universität Bern mit ihren 175 Jahren im europäischen Vergleich sozusagen im Teenageralter steckt. „Bologna“ – die älteste Universität Europas wurde zwar bereits im Mittelalter gegründet. Doch seit einigen Jahren löst bekanntlich dieser Name nicht nur helle Begeisterung, sondern zeitweilig auch verärgertes Murren aus. „Bologna“ scheint eben nicht für alle der Weisheit letzter Schluss zu sein. Da ist der Name „Bern“ im europäischen Hochschulraum unverfänglicher. Was aber nicht heisst, dass dahinter kein innovativer und dynamischer oder gar revolutionärer Geist steckt.

Die Universität Bern hat in den vergangenen 175 Jahren regelmässig Geschichte geschrieben und damit die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt: Ich denke an Anna Tumarkin, die erste Professorin Europas, die Doktoranden und Habilitanden prüfen durfte. Ich denke an die internationale Weltraumforschung, wo Bern seit der Apollo-11-Mission ganz vorne mit dabei ist. Ebenso erfolgreich verteidigt sie ihren Spitzenplatz in der Klimaforschung.

Ich denke aber auch an den kürzlich verstorbenen Maurice E. Müller, Pionier der Medizinaltechnik. Erwähnen möchte ich ebenfalls das Kompetenzzentrum für Public Management, das uns Politikerinnen und Politikern den Spiegel vorhält und den Verwaltungen dabei hilft den Staat besser zu steuern. Sie wissen es selbst, die Liste ließe sich beliebig mit kleinen und großen Leistungen sowie mit verdienstvollen Leistungsträgerinnen und -trägern verlängern.

Meine Damen und Herren
Die Universität Bern ist aber in erster Linie nicht nur eine großartige Forschungsanstalt, sondern vor allem auch eine wichtige Ausbilderin. Diese Rolle ist vielleicht die weniger prestigeträchtigere, undankbarere. Doch ohne all die akademisch geschulten Juristinnen, Chemikerinnen, Ökonomen, Politologen oder Medizinerinnen könnten unser Staat und unsere Wirtschaft gar nicht funktionieren.
Herzlichen Glückwunsch also zu 175 Jahre Forschungs- und Lehrtätigkeit. Ich habe mich über die Einladung sehr gefreut. Ich möchte mich bedanken für die Arbeit und Leistungen, die Sie auch im Dienst der Allgemeinheit erbringen.

Sie können stolz darauf sein. Mein Dank gilt auch der Stadt und dem Kanton Bern, die ihre Universität in den vergangenen 175 Jahren immer unterstützten und dies - hoffentlich unbefristet - weiterhin tun werden. Ich überbringe Ihnen an dieser Stelle die besten Wünsche der Bundesversammlung, die für einige Disziplinen gelegentlich ja als fruchtbares Forschungsfeld dient.

Mit Bern verbindet mich nicht nur die Politik und meine Mutter, eine resolute Seeländerin, sondern auch die andere Mutter, die Alma Mater. Ich muss Ihnen aber gestehen, ich wollte eigentlich viel lieber in Genf studieren. Da war die einzige soziologische Fakultät der Schweiz. Nun, meine Mutter sprach ein Machtwort, und so schrieb ich mich 1965 notgedrungen in Wirtschaftswissenschaften und Soziologie ein. Der Soziologieprofessor verkörperte den Zeitgeist, was mich über den Umstand hinweg tröstete, nicht in Genf studieren zu dürfen. Ermutigt durch die damals herrschende Aufbruchstimmung setzte ich bei der Fakultätsleitung durch, eine Seminararbeit im Fach Geschichte in Italienisch abfassen zu dürfen. Darauf, gestehe ich, bin ich heute noch ein wenig stolz. Dieses Ereignis begründet sozusagen mein Engagement für eine viersprachige Schweiz.

Die Berner Jahre waren – wie Sie bemerken – interessant, und ich halte sie in guter Erinnerung. Bedauert habe ich hingegen, dass ich nach vorzeitiger Rückkehr aus privaten Gründen das Studium nicht beenden konnte. Im Kanton Tessin gab es damals noch keine Universität. Und die Idee, an der Universität von Mailand fertig zu studieren, scheiterte an fehlenden Betreuungsangeboten für mein kleines Kind, an der Bürokratie und am Umstand, dass Zwischenprüfungen und Seminararbeiten gar nicht anerkannt worden wären. Von einem europäischen Hochschul- und Forschungsraum, waren wir meilenweit entfernt, der „freie Personenverkehr“ für Studierende existierte nicht.

Sehr geehrte Damen und Herren
In den 40 Jahren, die seit meiner Universitätszeit vergangen sind, hat sich in der Welt von Lehre und Forschung eine gewaltige Evolution ereignet – ja, ich glaube, man kann sogar von einer Revolution sprechen. Die Hochschulen sind zusammen gerückt, Wissenschafter arbeiten verstärkt Hand in Hand über die Grenzen hinweg.
Und das musste auch so sein: Bildung, Forschung und Wissenschaft besitzen von ihrem Wesen her eine internationale Dimension. Wissen lebte und lebt in seiner Vielfalt, in seiner Qualität und im stetigen Drang sich weiterzuentwickeln und nicht zuletzt auch vom weltweiten Austausch. Gleichzeitig besteht aber eine harte Konkurrenz unter den Forschungsstandorten. Diese Tendenz hat sich mit der Globalisierung unweigerlich verstärkt. Deshalb halte ich eine europäische Koordination der Bildungsstufen für unumgänglich. Es geht mir nicht um eine Gleichmacherei, sondern um die Vergleichbarkeit. Nur so können wir feststellen, wie gut und konkurrenzfähig wir tatsächlich sind. Und nur so können wir „Bildungslücken“ in unserem System erfassen und angehen.

Es liegt aber auch im Interesse der Schweiz, ihre Kompetenzen als international wettbewerbsfähiger Standort für wissenschaftliche Forschung bekannt zu machen und die weltweite Zusammenarbeit zu fördern. Die Schweiz braucht diese Zusammenarbeit auch um, - so paradox es klingen mag – ihren internationalen Spitzenplatz halten oder besser ausbauen zu können.

Denn die ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft und Forschung für die Wertschöpfung und die Wohlfahrt eines Landes wird immer grösser. Dadurch intensiviert sich in Europa der Wettbewerb zwischen den Hochschulen, es entsteht aber auch ein neuer Wettbewerb der Bildungsinstitutionen um die besten Köpfe.

Damit der Bildungs- und Forschungsstandort Schweiz nicht an seinen unübersichtlichen, schwerfälligen Strukturen und dem immensen Koordinationsbedarf scheitert, wird der Tertiärbereich demnächst erneut in Bewegung geraten. Man mag vielleicht über die Reihenfolge erstaunt sein: Zuerst wird die Idee des Hochschulraums Europa umgesetzt, bevor wir uns um unsere eigenen Strukturen kümmern.

Wie auch immer. Letzte Woche hat der Bundesrat das Projekt „Hochschullandschaft Schweiz“ dem Parlament zur Beratung übertragen. Die vom Volk angenommenen neuen Bundesverfassungsartikel ermöglichen einen „Schweizerischen Ausbildungs- und Forschungsraum. ETH, Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, Fachhochschulen, kantonale Universitäten und pädagogische Institute werden zu Pfeilern dieser harmonisierten und besser steuerbaren Hochschullandschaft.

Der Weg dazu führt über die Entflechtung der Strukturen, über transparentere Finanzströme sowie über den Mut Schwerpunkte zu bilden und die Aufgaben zwischen den Schulen zu teilen. Koordination heisst aber nicht, alle Bildungsinstitutionen über eine Leiste zu schlagen. Im Gegenteil: Im Reformprojekt steckt für die Hochschulinstitute die Chance, ihr Potenzial auszuspielen, den eigenen Charakter noch stärker zu zeigen. Und dazu brauchen sie möglichst freie Hand. Die Autonomie sowie die Freiheit und Einheit von Lehre und Forschung müssen, davon bin ich überzeugt, auch unter einem neuen Gesetz als Grundsätze bewahrt bleiben.

Meine Damen und Herren
Zu Beginn habe ich gesagt, das Alter sei relativ und sage nichts über die Qualität aus. Eine Präzisierung muss ich Ihnen nachliefern: Das Prädikat „jung“ steht ja gemeinhin für Offenheit, Flexibilität und Dynamik. Ich bin deshalb überzeugt, dass Bern als junge Universität die vielen Herausforderungen meistern wird, indem sie neue Reformprojekte mutig und intelligent angeht.

Ich wünsche Ihnen dazu alles Gute und viel Durchhaltevermögen. Ich bin überzeugt, es lohnt sich - im eigenen Interesse, aber auch im Interesse eines konkurrenzfähigen Bildungs- und Forschungsplatzes Schweiz.

Ich danke Ihnen.