Es gilt das gesprochene Wort
Liebe Schülerinnen und Schüler
Sehr geehrte Damen und Herren
623 ist eine beeindruckende Zahl. Wer so oft an ein Ereignis gedenkt, für den muss es von ganz besonderer Bedeutung sein. Ein schönes war es nicht. Es muss hier auf diesem Feld grausam zu und her gegangen sein, an jenem heissen Sommertag im Jahr 1386.
Warum erinnern wir uns trotzdem an ein solches Ereignis, warum schreiben wir überhaupt Geschichte? Darauf gibt es verschiedene Antworten. Eine wohl ganz allgemein gültige lautet: Weil wir die Vergangenheit kennen müssen, um die Gegenwart besser begreifen zu können. Die persönliche Vergangenheit, die, der Familie, des Dorfes, des Kantons und Landes sind sozusagen Erklär- und Lehrstücke. Sie sind Teil unserer Identität, sie sind unsere Wurzeln und geben uns Halt.
Das bemerkenswerte an der Schweiz ist, dass sie aus ganz verschiedenen Geschichten entstanden ist. Jeder Kanton hat seine eigene Vergangenheit, kennt eigene Persönlichkeiten, Helden und Mythen: Arnold von Winkelried hier in Sempach, Adrian von Bubenberg in Bern, Jürg Jenatsch in Graubünden, Jean Daniel Abraham Davel in der Waadt, Napoleon und Stefano Franchini im Tessin, im Wallis die Frauen von Unterbäch oder später Roland Béguelin im Jura – um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Schlacht bei Sempach hat dazu beigetragen, dass der Kanton Luzern das ist, was er heute ist. Hätte sie einen anderen Ausgang genommen, wer weiss, was aus Ihnen, ja aus uns allen geworden wäre?
Und vielleicht wären wir heute französische Staatsbürger, hätte Adrian von Bubenberg und seine Männer das Heer Karl des Kühnen bei Murten nicht besiegt?
Mag sein, dass Göschenen und nicht Chiasso Grenzort wäre, hätte es Napoleons Mediationsakte nicht gegeben.
Vielleicht gäbe es keine Schweizer Nobelpreisträger, hätte Stefano Franchini, Tessiner Bundesrat in der allerersten Landesregierung, nicht dafür gesorgt, dass die ETH geschaffen wird.
Oder wie lange hätte es noch gedauert, wenn 1957 nicht die Frauen aus Unterbäch den wichtigen Anstoss für das Frauenstimmrecht gegeben hätten?
Und vielleicht schwelte noch immer ein Jurakonflikt, wäre Ende der siebziger Jahre kein neuer Kanton gegründet worden?
Blicken wir aus dem Heute zurück, bekommen lokale Ereignisse von damals eine ganz andere Dimension. Nach und nach haben sich die einzelnen Geschichten der Kantone zusammengefügt. Aus den einzelnen Mosaiksteinen ist ein Gesamtbild geworden. Es zeigt unsere gemeinsame Geschichte, die Geschichte der Schweiz in ihrer großen Vielfalt: Wir sprechen romanisch, italienisch, französisch, deutsch, und ganz viele Dialekte. Wir pflegen und bewahren unterschiedliche Traditionen. Wir feiern andere Feste. Wir können auf hohe, schneebedeckte Gipfel steigen und an Seeufern wandern. Wir haben urbane, hektische Zentren und stille, ländliche Gegenden. In unserem Land gibt es Palmen und Alpenrosen, Reisfelder und Kartoffelacker.
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler
Meine Damen und Herren
Vielfalt ist ein positiver Wert, sie ist geistiges und soziales Kapital und Quelle von Kreativität und gegenseitigem Lernen. Vielfalt bedeutet eine grosse Chance. Es ist mir ein Anliegen, dass mein Auftritt hier in Sempach ein Symbol für die Willensnation Schweiz ist, ein Land, das aus vier verschiedenen Kulturen besteht, die sich freiwillig zusammen gefunden haben und gemeinsam ihre Zukunft gestalten. Wir müssen jedoch Sorge dazu tragen. Wir müssen die Andersartigkeit der Regionen bewusst pflegen statt nur darüber zu reden. Wir müssen den Dialog pflegen, damit wir uns gegenseitig besser kennen lernen.
Genau das sieht das neue Sprachengesetz vor, das nur noch darauf wartet vom Bundesrat in Kraft gesetzt zu werden. Das Parlament will mit dem Gesetz die Viersprachigkeit als Wesensmerkmal der Schweiz stärken und den inneren Zusammenhalt des Landes festigen. Das Parlament wünscht sich, dass die Menschen in der Schweiz sich in mehreren Landessprachen verständigen können und auch in den Verwaltungen die Mehrsprachigkeit gefördert wird.
Ziel des Gesetzes ist es zudem, die rätoromanische und italienische Sprache zu erhalten. Denn die Tatsache, dass immer weniger Leute ausserhalb des Tessins Italienisch sprechen und verstehen, könnte die Verbindungen und das Verständnis zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz verkleinert. Noch bedrohter ist das Rätoromanische. Der Anteil der Menschen rätoromanischer Muttersprache schrumpft stetig.
Ein weiteres, wichtiges Ziel des neuen Sprachengesetzes ist der Austausch zwischen den Regionen und Sprachgemeinschaften. Bund und Kantone werden nun dafür sorgen müssen, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer wieder öfter den Fuss über die Sprachgrenze setzen. Das wird für alle von Euch ein unvergessliches Erlebnis sein, wie für die meisten unter uns, die einmal als Au-pair oder Rekrut eine gewisse Zeit in einem anderen Landesteil gelebt hat. Und ich kann Euch sagen, Kinder und Jugendliche im Tessin denken nicht anders als Gleichaltrige in der Deutsch- oder Westschweiz. Sie beschäftigen die gleichen Probleme, sie stellen sich die gleichen Fragen. Ihr werdet trotz Sprachbarriere mühelos verbindende Gemeinsamkeiten finden können.
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler
Meine Damen und Herren
Ich bin stolz darauf als erste Frau italienischer Sprache heute an dieser Gedenkfeier auftreten zu dürfen. Sempach ist für mich als Tessinerin auch ein Teil meiner Geschichte. Ihre Einladung, für die ich mich herzlich bedanken möchte, hat mir das wieder bewusst gemacht.
Wir dürfen jedoch die Geschichte der Schweiz nicht isoliert betrachten, man muss sie ebenfalls als Mosaikstein verstehen. Friedrich Schiller sagte vor 250 Jahren: "Alle Geschichten sind nur verständlich durch die Weltgeschichte und in der Weltgeschichte." Ich meine, diese Aussage trifft heute stärker zu als im 18. Jahrhundert. Die Globalisierung bringt neue Geschichten ins Land. Wir sind auf den unterschiedlichsten Ebenen mit anderen Ländern verhängt. Die Geschichte Sri Lankas, die Geschichte des Balkans, Italiens oder Deutschlands, zum Beispiel. Wenn wir verstehen, was andernorts auf der Welt passierte, verstehen wir, wo wir in der Welt stehen. Und das ist gut zu wissen.
Ich danke Ihnen.