20. Februar 2012

Es gilt das gesprochene Wort

 

Grusswort von Nationalratspräsident Hansjörg Walter

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich kann mir gut vorstellen, dass Alfred Escher heute ein begeisterter Nutzer neuer Kommunikationsmitteln wäre: er hätte seine Internetseite, einen eigenen  Blog vielleicht, twitterte aus dem Bundeshaus und besässe ein Smartphone. Und mit Sicherheit wäre seine Genugtuung darüber gross, zu sehen, wie seine monumentale Korrespondenz online geht und damit einem grossen Benutzerkreis zugänglich wird. Es ist für mich eine grosse Freude und Ehre, als einen der Nachfolger von Alfred Escher den ersten seiner 4500 Briefe den Weg ins weltweite Netz freizumachen.

 

Meine Damen und Herren

Seit Erfindung des Buchdrucks hat nichts anderes die Information und Kommunikation so verändert wie die neuen Technologien. Diese „Revolution“ prägt natürlich auch ein Politikerleben. Während die jüngere Generation mit Computer, Internet und Mobiltelefon gross geworden ist und deren Möglichkeiten geschickt zu nutzen weiss, tut sich die ältere mit der Komplexität der Materie bisweilen etwas schwerer. Doch gerade was die demokratischen Prozesse innerhalb des Parlaments angehen, so sind sie dank neuer Technologien viel schneller öffentlich und transparenter geworden.  Und das halte ich für eine bedeutende Errungenschaft. So werden etwa die Wortprotokolle noch während der laufenden Ratsdebatten im Internet freigegeben. Auch die Namen der Rednerinnen und Redner sind als elektronische Links gekennzeichnet. Sie erlauben es, von jedem Votum aus die Kurzbiographien des entsprechenden Ratsmitgliedes direkt aufzurufen und mit ihm über E-Mail zu kommunizieren.

 

Aus heutiger Sicht lässt sich kaum mehr nachvollziehen, weshalb sich die Räte im frühen Bundesparlament so schwer taten mit der Veröffentlichung ihrer Voten. Ein originelles Gegenargument – wovon wir Parlamentarier heute nur träumen könnten - lautete: Die Lektüre des Amtlichen Bulletins würde die Arbeiter dazu verleiten, zu lange im Café zu sitzen. Andere wandten ein, das Vergnügen seine eigenen Ausführungen gedruckt zu sehen, würde zu immer zahlreicheren und längeren Reden führen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Argument bei Alfred Escher verfangen hätte: Er war bekanntlich grosser Redner und er redete vermutlich so lange, wie er etwas zu sagen hatte.

 

Meine Damen und Herren

Alfred Eschers starke Persönlichkeit beeindruckt und fasziniert natürlich auch mich: Nicht nur, weil er geschafft hat, was seither keinem Nationalratspräsidenten mehr gelungen ist: Er präsidierte die grosse Kammer drei Mal. Das vierte Mal schlug er aus gesundheitlichen Gründen aus. Wenn mir Ende Jahr wie vielen Vorgängerinnen und Vorgängern der Abschied vom Präsidentenstuhl etwas schwerfallen wird, werde ich es ihm aber nicht gleichtun können. Ich werde kaum 34 Jahre im Nationalrat ausharren und ich gehe auch nicht davon aus, dass mir ein jemals ein Denkmal an prominenter Lage errichtet werden wird.  

 

Albert Escher war ein Liberaler im besten Sinn seiner Zeit. Sein Wirken, sein Erbe erinnert noch immer daran, dass Dynamik, Innovation und Fortschrittsglaube Grundlage des Wohlstandes sind. Sein aussergewöhnlicher Werdegang lässt uns an der Entstehungsgeschichte unseres politischen Systems teilhaben. Escher war bekannt für seine Intelligenz, sein rhetorisches Geschick und seine unermüdliche Schaffenskraft. Er wurde bewundert und beneidet wegen seiner Fähigkeit, grosse Projekte zu verwirklichen – und das in einem Land mit Hang zu Kompromissen und zur Nivellierung der Persönlichkeit. Mit seinem autokratischen Hang zur Zusammenfügung von politischer und wirtschaftlicher Macht würde er aber heute genauso polarisieren wie damals.

 

Nichtsdestotrotz würde er auch in unserer Zeit manche Debatte prägen. Ja, es wäre äusserst interessant zu wissen, wo er seine Handlungsfelder sähe: bei einer zweiten Gotthardröhre, vielleicht? Oder bei einer Swissmetro? Bei der Too big to fail-Vorlage? Diese Frage können wir nicht beantworten. Alfred Eschers Briefe aber werden uns viele neue Erkenntnisse über seine Persönlichkeit, über wichtige Ereignisse und Entwicklungen in Politik, Wirtschaft sowie Kultur bringen. Ich freue mich auf die Lektüre!

 

Herzlichen Dank.