Wir verabschieden heute unseren Bundeskanzler François Couchepin, der kurz vor seinem 65. Geburtstag in den Ruhestand tritt. Er war acht Jahre Bundeskanzler und hatte zuvor von 1981 bis 1991 als Vizekanzler und Chef des Rechtsdienstes und des zentralen Sprachdienstes der Bundeskanzlei geamtet.
Als François Couchepin nach Bern kam, eilte ihm der schmeichelhafte Ruf eines in den Rängen einer politischen Minderheit engagierten Walliser Anwalts und Notars voraus: Er gehörte vierzehn Jahre als Vertreter der freisinnig-demokratischen Partei des Bezirkes Martigny dem Walliser Grossen Rat an. Sein ganzes Leben hat sich in einem von Politik und Recht geprägten Klima abgespielt, waren doch schon sein Vater und sein Grossvater Bundesrichter gewesen.
François Couchepin wurde am 12. Juni 1991 zum Bundeskanzler gewählt, und zwar im sechsten Wahlgang, was zeigt, dass in solchen Fällen die Konkurrenz schon immer gross war. Er widmete sich darauf von ganzem Herzen den Aufgaben, die er als "Stabschef der Regierung", um es militärisch zu sagen, oder, um ein etwas weihevolleres Wort zu gebrauchen, als "Tempelhüter" zu erfüllen hatte.
Ein besonderes Anliegen waren ihm die Arbeitsweise des Bundesrates und der Ausbau der Kommunikationsmittel desselben. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, dass die Rolle der Generalsekretärenkonferenz verstärkt wurde. Auch straffte er, nachdem er die entsprechenden technischen und rechtlichen Fragen abgeklärt hatte, die Tagesordnung der Bundesratssitzungen auf eine Weise, dass den Anliegen, welche die Schweiz von heute und morgen bewegen, mehr Platz eingeräumt werden kann.
Die Bundeskanzlei wurde unter François Couchepin informatisiert, so dass die Geschäfte des Bundesrates fortan quasi elektronisch verwaltet werden. Seit vier Jahren hat der Bund auch seinen eigenen Internetauftritt, der laufend ausgebaut wird und der Öffentlichkeit Zugang zur Gesetzgebung und seit kurzem auch zum Bundesblatt verschafft. Diesem Kommunikationsbedürfnis ist es auch zuzuschreiben, dass der Berner Käfigturm zu einem eigentlichen Diskussionsforum der Verwaltung geworden ist. Bundeskanzler Couchepin hat auch dafür gesorgt, dass das Legislaturprogramm neu strukturiert und der Geschäftsbericht des Bundesrates den Wünschen des Parlamentes gemäss neu gestaltet wurde.
Vom Bundesrat erhielt er den Auftrag, die tief greifende Reform der Bundesverwaltung zu leiten. Bundeskanzler Couchepin ging es dabei nicht nur darum, Verwaltungseinheiten von einem Departement zum andern zu verschieben; ihm war vor allem auch daran gelegen, dem öffentlichen Dienst eine neue Philosophie zu verleihen.
Ebenfalls zu erwähnen ist die Rolle der Bundeskanzlei bei der Revision des Bundesgesetzes über die politischen Rechte und beim neuen Regierungs- und Verwaltungsorganisationsgesetz. Bundeskanzler Couchepin hat vor unseren Räten seine Vorlagen immer mit Klarheit und Überzeugung vertreten, und nachdem das Volk sich gegen die Einführung neuer Staatssekretäre ausgesprochen hatte, setzte er sich dafür ein, eine befriedigende Ersatzlösung zu finden.
François Couchepin lässt eine reorganisierte Bundeskanzlei zurück, die in der Lage ist, ihre wichtige Aufgabe innerhalb der Bundesverwaltung und im Dienste des Bundesrates besser wahrzunehmen.
Er wird der letzte Bundeskanzler gewesen sein, der unter dem Gebot der heutigen Bundesverfassung waltete, deren Artikel 105 besagt, dass die Kanzleigeschäfte der Bundesversammlung von der Bundeskanzlei zu besorgen seien. Wir sind ihm dankbar, dass er bereit war, die Parlamentsdienste von der Exekutive abzunabeln und ihnen somit vollständige Autonomie zu verschaffen.
Unser scheidender Bundeskanzler - ein stiller Schaffer hinter den Kulissen, der nie nach Beifall heischenden Auftritten trachtete - hat ein beachtliches Werk hinterlassen, das viel zum Wohle unseres Landes beiträgt.
Wie er selbst geschrieben hat, "war es der Schweiz dank ihres Regierungssystems seit 1848 möglich, Lösungen zu finden, welche der harmonischen Entwicklung des Landes, dem Frieden zwischen den verschiedenen Sprach- und Religionsgemeinschaften und der Entfaltung des Volkes - alles ureigene Aufgaben einer Regierung - gedient haben".
Unser allzu früh verstorbener Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, dem er nahe stand, sagte von François Couchepin, dass sein Kopf und sein Herz von der offenen Neugier eines Entdeckers erfüllt seien. Er habe ein wachsames Auge und zeichne sich durch geistige Spontaneität und sprühende Intelligenz aus.
So haben auch wir den elften Bundeskanzler der 152-jährigen Geschichte des Bundesstaates erlebt.
Herr Bundeskanzler, ich danke Ihnen im Namen der Bundesversammlung herzlich für Ihren Einsatz, den Sie bei der Ausübung Ihres hohen Amtes stets an den Tag gelegt haben. Ich entbiete Ihnen und Ihrer Familie unsere besten Wünsche für eine gute und glückliche Zukunft.