Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Damen und Herren Mitglieder der Knesset
Sehr geehrter Herr Botschafter
Meine Damen und Herren
Sie sind in die Schweiz gekommen, um unsere neue Verfassung näher kennen zu lernen, welche unseren Föderalismus und unser Bekenntnis zur direkten Demokratie festigt und unsere Grundrechte festschreibt. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unserem erneuerten Grundgesetz.
Wir alle wissen nur zu gut, wie tragisch die Geschichte Ihres Landes und Ihres Volkes ist. Von 1993 an musste das jüdische Volk unsägliches Leid ertragen. Nazideutschland, unterstützt von zahlreichen Mittätern, ermorderte sechs Millionen europäische Juden und Jüdinnen, während fast die ganze Welt stumm zuschaute. Wie Churchill geschrieben hat, handelt es sich hier zweifellos um das schlimmste und grässlichste Verbrechen, das je an der Menschheit verübt worden ist. Die schreckliche Tragödie der Shoah hatte zur Folge, dass sich nach dem Sieg der Alliierten international ein radikaler Wandel in Bezug auf die Judenfrage vollzog: Am 29. November 1947 nahm die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Plan zur Teilung Palästinas an.
Bald darauf, am 14. Mai 1948, verlas Ben Gurion unter dem Porträt Theodor Herzls die Unabhängigkeitserklärung, in der es unter anderem heisst: «Der Staat Israel wird auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden im Sinne der Propheten Israels gründen. Er wird all seinen Bürgern unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht völlige Gleichberechtigung gewähren. Er wird Freiheit in Religion, Erziehung und Kultur gewährleisten.»
Dieses edle Programm, Herr Präsident, hat Ihr Staat zugunsten der Einwanderer und Einwandererinnen umgesetzt, die von überall her kamen und mit ihrem Pioniergeist eigenhändig einen Staat aufbauten und eine echte Demokratie schufen.
Israel hat mit seinen arabischen Nachbarn die Herausforderungen von Krieg und Frieden erlebt. Nach vier Kriegen kam die Zeit der Versöhnung und der Hoffnung. Diese wurde mit der unvergesslichen Rede Präsident Sadats vor der Knesset in Jerusalem im Jahre 1977 eingeleitet und fand ihren Höhepunkt im hoffnungsvollen Abkommen, das 1993 vor dem Weissen Haus in Washington unterzeichnet wurde.
Die Schweiz hat mit Israel immer ausgezeichnete Beziehungen gepflegt und sie schätzt den Weitblick und die Weisheit der israelischen Staatsführung, welche den Versöhnungsprozess mit den Palästinensern anbahnte, Yitzhak Shamirs, der den Weg zur ersten Verhandlungsrunde ebnete, sowie der drei ersten Premierminister Begin, Peres und Rabin, die für ihre Bemühungen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Yitzhak Rabin sagte am 13. September 1993 zu Yasir Arafat: «Euch, dem Volk der Palästinenser, möchte ich dieses sagen: Wir sind dazu bestimmt, zusammen auf demselben Grund und Boden zu leben, wir sind Leute wie Ihr, Leute, die ein Haus bauen und einen Baum pflanzen möchten, um nebeneinander in Würde und Verbundenheit als freie Menschen leben zu können.» Wir werden Yitzhak Rabin, der seinen Einsatz für den Frieden mit dem Leben bezahlen musste, nie vergessen. Unsere Anerkennung gebührt auch den unablässigen Bemühungen von Premierminister Barak.
Wie der ganzen internationalen Staatengemeinschaft ist dieser Friedensprozess auch der Schweiz ein tiefes Anliegen und sie ist beunruhigt über die derzeitige Entwicklung. Sie hat in die Abkommen von Oslo grosse Hoffnungen gesetzt. Heute treten aber ernsthafte Schwierigkeiten auf und wir hoffen, dass sie überwunden werden können, dass die beiden Seiten sich einig werden über den Status des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens und dass sie für die drei Kernfragen – das Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge, der Status Jerusalems und die Zukunft der jüdischen Siedlungen in diesem Gebiet – eine Lösung finden. Ihr Volk wird aus seinem Lebenswillen die geistige Kraft und den Mut schöpfen, um auf beiden Seiten Leid in Freude und Angst in Hoffnung zu wandeln.
Ich möchte dem Staate Israel die freundschaftliche Verbundenheit der Schweiz, ihres Parlamentes und Volkes bezeugen. Es freut mich, Sie in unserer Bundesstadt und meinem Kanton Bern, dem schönsten in der Schweiz, zu empfangen und mit Ihnen und den Vertretern des israelischen Volkes dieses freundschaftliche Zusammensein erleben zu dürfen.