Verehrte Frau Wenger
Verehrte Familie Wenger
Sehr geehrter Herr Bundesrat
Sehr geehrte Trauergemeinde

Es ist mir heute schwer gefallen, nach Stein am Rhein zu fahren. Und ich bin mir sicher, meinen Kolleginnen und Kollegen des Ständerates und des Nationalrates ist es gleich gegangen. Denn wir sind heute hier, um mit Ihnen zusammen Rico Wenger, unserem Ratskollegen, das letzte Geleit zu geben.

Doch wie viel schwerer muss es für Sie sein, verehrte Frau Wenger, Fräulein Doris und Herr David Wenger, von Ihrem Ehemann und Vater Abschied zu nehmen. Im Namen der Mitglieder des Ständerates und des Nationalrates spreche ich Ihnen und allen Verwandten unser tiefempfundenes Beileid aus.

Die meisten der Kolleginnen und Kollegen haben Rico Wenger erst im Herbst 1999 kennengelernt. Das Schaffhauser Volk hatte ihn am 24. Oktober 1999 als neuen Ständerat gewählt - als Nachfolger von Bernhard Seiler - und ihm das Vertrauen ausgesprochen. Am 6. Dezember 1999 wurde Rico Wenger als Ratsmitglied vereidigt.

Sehr schnell hat er sich in Bern einen Namen gemacht. Er wurde Mitglied der Sicherheitspolitischen und der Staatspolitischen Kommission, der Kommission für Rechtsfragen und der Finanzkommission. Vor allem in der Finanzkommission hat er seine grosse Erfahrung als langjähriger kommunaler und kantonaler Politiker, als Unternehmer und als Vizepräsident der Schaffhauser Kantonalbank einbringen können.

So erstaunt es kaum, dass Rico Wenger bereits nach zwei Jahren Zugehörigkeit zum Ständerat Präsident der Finanzdelegation wurde. Sie ist wegen ihrer Kompetenzen eines der wichtigsten Organe des Parlaments. Er hat dieses Amt wie alle anderen mit grossem Engagement und mit viel Sachverstand ausgeübt. Alle diese Tätigkeiten zeugen deutlich davon, dass Rico Wenger in unserem Rat von Anfang an einen bedeutenden Platz einnahm. Noch vor zwei Wochen sagte er in einem Interview in den Schaffhauser Nachrichten, dass für ihn das Ständeratsmandat etwas Faszinierendes sei.

Rico Wenger hatte die Finanzdelegation eingeladen, die Sommer-Sitzung in Stein am Rhein abzuhalten. Noch im letzten Interview brachte er zum Ausdruck, wie sehr er sich auf diese Sitzung freue. Es stimmt uns alle sehr traurig, dass diese Sitzung nun ohne ihren Präsidenten stattfinden muss. Aber es passt zu Rico Wenger, er hatte gar den Wunsch ausgesprochen, dass die Sitzung in Stein stattfinden sollte, selbst wenn er aus Gesundheitsgründen daran nicht teilnehmen könne.

Obwohl Rico Wenger ein besonderes Flair für Wirtschafts- und Finanzfragen hatte, war er auch in anderen Bereichen politisch engagiert. Ich denke zum Beispiel an die Aussenpolitik. Als Mitglied der Efta-EU-Delegation und der OSZE-Delegation hat er an Konferenzen dieser Organisationen teilgenommen. Rico Wenger zögerte nicht, zuweilen gegen den Strom zu schwimmen. Wie es sich in einer Demokratie geziemt, vertrat er politische Ansichten, die nicht alle mit ihm teilten. Dies gilt vor allem für die Aussenbeziehungen unseres Landes. Er war gegen den Beitritt der Schweiz zu den Vereinten Nationen und hatte eine sehr kritische Haltung gegenüber dem europäischen Integrationsprozess. Er verstand es allerdings, seine Meinung bestimmt, manchmal angriffig, aber nie verletzend, zu vertreten. Als unser Rat am vergangenen Donnerstag über den Europabericht der aussenpolitischen Kommission, der Rico Wenger angehörte, debattierte, blieb seine Stimme stumm. Für ihn sprach sein Sitznachbar, unser Kollege Hans Hofmann mit den Worten:

"Rico Wenger hätte als APK-Mitglied zu diesem Bericht mit Bestimmtheit das Wort ergriffen. Er hätte uns in seiner ihm eigenen ruhigen, kollegialen und stets sachlichen Art und Weise glasklar seine Meinung in Sachen Integrationspolitik kundgetan."

Ausserhalb des Ratssaales konnten wir mit Rico auch über viele andere Fragen sprechen. Er setzte hohe ethische Ansprüche an sich selbst und an andere. Daneben spürte man seinen feinen Humor, seine Freundlichkeit, sein Interesse an andern Menschen.

Wir haben mit Rico Wenger einen hoch geschätzten Kollegen verloren, der dem Kanton Schaffhausen viel Ehre machte. Ein feinfühliger, zuverlässiger und in der Freundschaft immer treuer Mensch hat uns für immer verlassen. Er spürte sein Leiden - war sich dessen bewusst - und wollte es bezwingen. Der Schöpfer hat seinem Leben einen andern Lauf gegeben.

Wir alle trauern mit Ihnen, verehrte Frau Elisabeth Wenger, Fräulein Doris und Herr David Wenger. Wir werden unserem geschätzten und lieben Kollegen Rico Wenger ein ehrendes Andenken bewahren.