Sehr geehrte Damen und Herren

Der Älteste der ehemaligen Präsidenten, Max Aebischer, ist am 2. Januar 90 Jahre alt geworden.

Er wird bestimmt in einem Jahrzehnt seinen Hundertsten feiern und am 12. März 2014, am zweiten Mittwoch der Frühjahrssession, immer noch als Alterspräsident unter uns weilen. Mir aber ist das Präsidentenamt nur während eines Jahres vergönnt und ich ergreife deshalb diese Gelegenheit, Max Aebischer ganz herzlich zu gratulieren.

Max Aebischer war von 1951 bis 1971 im Nationalrat und im Jahr 1968/69 Nationalratspräsident. Von 1960 bis 1966 war er Stadtpräsident von Fribourg, dann zehn Jahre lang, also bis 1976, Staatsrat. Er setzte sich in seinem Kanton für die Jugend ein, indem er für den Ausbau der Universität besorgt war. Der Kredit für deren Vergrösserung wurde zwar vom Volk abgelehnt, aber er verstand es, andere Finanzquellen ausfindig zu machen.

Sein Empfang als Nationalratspräsident wurde durch einen unglücklichen Stromausfall auf der Zugstrecke etwas durcheinander gebracht, was zur Folge hatte, dass alle geladenen Gäste das letzte Wegstück auf abenteuerliche Weise zurücklegen mussten. Die Empfänge im Freiburger Land sind aber auch sonst stets mit Umständen verbunden und bürden dem Staatskanzler jeweils viel Arbeit auf; ein Empfang wurde gar um ein Jahr vorverlegt … nicht wahr, Herr Bundespräsident? Ein anderes Mal wurde ein Ständeratspräsident zwischen Schwarzenburg und Bellgarde (Jaun) fast eingeschneit.

Als Vizepräsident hat Max Aebischer im Herbst 1968 nach dem Einfall der Roten Armee in der Tschechoslowakei in einer Rede die Position des Schweizer Volkes auf eindrückliche Weise dargestellt. Aujourd’hui, nous sommes à la veille d’un événement extraordinaire qui se passera dans 50 jours: la République tchèque et la République slovaque vont entrer dans l’Union européenne. Qui aurait pu envisager un telle évolution qui consolide la paix dans notre continent ?

Ein weiteres denkwürdiges Ereignis war die Störaktion bei der Wahl von Bundesrat von Moos zum Bundespräsidenten. An jenem 11. Dezember 1968 stürmte am Morgen gegen Viertel nach neun plötzlich eine Gruppe von etwa 20 jungen Leuten mit Juraflaggen und Spruchbändern in den Saal, und einer von ihnen versuchte lautstark, eine Rede zu halten. Die Demonstranten, eine Gruppe von Béliers, waren auf ihrer Carfahrt nach Bern vom künftigen Nationalrat Gabriel Roy und dem künftigen jurassischen Vizekanzler Jean-Claude Mantavon instruiert worden.

Sie kamen in zwei Gruppen in das Bundeshaus, stürmten die Treppen hinauf und drangen in den Saal die eine Gruppe durch die Osteingangstüre, die andere durch die Türe am Ende des Ganges, der heute die Bankreihen der FDP und der SVP trennt. Im Entscheid des Bundesgerichts steht, dass die Weibel Hohl und Sterchi weggeschubst worden seien und der 79jährige Garderobenmann einen Schock erlitten habe. Präsident Max Aebischer liess die Sitzung unterbrechen. Der Lärm und die Verwirrung waren gross. Die Weibel und die Zivilpolizisten versuchten, diese jungen Leute zum Verlassen des Saales zu bewegen. Nationalrat Jean Wilhelm forderte die Demonstranten auf, den Saal zu verlassen. Die neun Demonstranten wurden zu Bussen und Gefängnis verurteilt.

Diese Zwischenfälle haben der guten Laune von Präsident Aebischer keinen Abbruch getan. Aber Sie verstehen schonl, worauf ich hinaus will: Solche „Invasionen“ wären heute nicht mehr möglich. In den letzten Jahren haben andere Gefahren gedroht und sind andere Zwischenfälle eingetreten. Die Schweiz hat sich verändert, die Welt ebenso, und es mussten Sicherheitsvorkehren getroffen werden. Als Präsident der Verwaltungsdelegation, welche für solche Angelegenheiten zuständig ist, hatte ich die heikle Aufgabe, die Umsetzung dieser Massnahmen zu beaufsichtigen. Ich danke meinen Ratskolleginnen und kollegen, diesen Massnahmen von ganzem Herzen zugestimmt zu haben, auch wenn ihre Bewunderung nicht grenzenlos ist.

Sie fragen sich vielleicht, womit ein ehemaliger Ratspräsident die Zeit verbringt, wenn ihm ein so langer und schöner Ruhestand beschieden ist. Die „Freiburger Nachrichten“ vom 31. Dezember 2003 beantworten uns diese Frage:
Nach der aufreibenden Aktivzeit ist Max Aebischer glücklich, dass er seither viel Zeit für die Kinder und Grosskinder hat. Es sind insbesondere Letztere, die ihn auf Trab halten, sei es beim Spielen, sei es auf Spaziergängen. Lesen gehört ebenfalls zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Das letzte Buch: eine Biografie von Luther. «Darin wird die ganze Tragik der Reformation offen dargestellt», bemerkt er.

Schliesslich war er in den vergangenen 25 Jahren sehr aktiv am Schreiben. Die Tagebücher, umfassend die Jahre 1935-1999, sind in zwei dicken Bänden zusammengefasst. Die Tätigkeit des Vaters als Schulmeister in Rechthalten und Jaun füllt ebenfalls zwei Bände. Schliesslich sind die ungezählten Gedichte, die aus seiner Feder stammen, in drei Bänden zusammengefasst. Der Inhalt des vierten ist bereit. Das letzte Gedichte betrifft den Geburtstag am 2. Januar 2004 und trägt den Titel: «Auch nach 90 sollst du Freud' am Leben haben.»

Das, meine lieben Kollegen und Kolleginnen, ist eine kluge Beschäftigung: Greift zur Feder und schreibt Eure Memoiren!

Ich wünsche Max Aebischer, der auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann, von Herzen alles Gute für die weitere Zukunft. Er hat unserem Bundesstaat auf allen drei Ebenen auf bewundernswerte Weise gedient. Ich erhebe mein Glas auf seine und unsere Gesundheit!