Geschätzte Anwesende

Meine mittlerweile 17jährige Erfahrung in der Politik und Ihre bereits 40jährige Erfahrung als erfolgreiche Organisatoren der Expovina vermitteln uns folgende Erkenntnis. Zwei Orte sind es, wo Sie vor allem Politiker antreffen: erstens in den Rathäusern und zweitens an Weinausstellungen. Das legt die Vermutung nahe, das Sprichwort, Politiker würden gerne Wein trinken und dabei Wasser predigen, sei wahr. Dem ersten Teil des Satzes kann ich vorbehaltlos zustimmen: Politiker wissen die vorzüglichen Qualitäten eines guten Weines durchaus zu schätzen. Wenn Politiker einen guten Wein kredenzen, kommt dies Ihnen allen zugute. Denn oft wird völlig grundlos behauptet, Politiker würden lügen – vor allem bei Wahlen. Doch lehrten uns schon die Römer: „In vino veritas“. Wein trinkende Politiker verinnerlichen also viel Wahrheit. Ergo kann es ja nur gut sein, wenn auch Politiker den Bacchus als Gott des Weines kräftig und häufig verehren.
Als Christdemokrat kann ich diese These mit dem neuen Testament auch biblisch untermauern. Welches Wunder hat denn Jesus Christus als erstes gewirkt? Hat er einen Toten auferweckt, einen Aussätzigen geheilt? Nein! Er hat an der Hochzeit zu Kana Wasser zu Wein verwandelt. Und erst noch zu vorzüglichem, wie die Evangelisten lobend hervorheben. Eine zweite Stelle im Neuen Testament bestätigt die Lebensfreude Jesus’. Als ihm die Pharisäer vorhielten, er lasse sich an einem Fest bei Wein und Speis feiern, derweil die Bettler auf der Strasse lägen, hat Jesus unverzagt geantwortet: ‚Die Armen habt Ihr alle Tage, mich aber habt Ihr nicht alle Tage.’ Also ist Wein trinken und gelegentliche Feste feiern geradezu ein göttlicher Auftrag, den wir weiterhin getreu erfüllen wollen. Ein Blick auf 2000 Jahre Kirchengeschichte lehrt uns, dass gute Christen, vor allem die Klöster, dieser Pflicht stets zuverlässig nachkamen. Denn wir wissen, dass die Pracht der Weinkeller jener der Kirchen oft in nichts nachstand.

Sie können aber zynisch argumentieren, das Weinglas in der Hand der Politiker hindere sie bloss, Fehler zu begehen. Ganz von der Hand zu weisen ist diese These nicht. Jedenfalls lehrt die Erfahrung, dass keine Weingesetzgebung oft besser ist, als eifrige Normen. Der empirische Beweis ist möglich: Bis vor gut 12 Jahren behinderte das Schweizerische Weinstatut den Import ausländischer Weine massiv. Dies zum Schutz der Schweizer Weinproduzenten. Ihren Produkten von oft modester Qualität war der Absatz zu guten Preisen garantiert. So erinnern wir uns, wie im Wallis vor rund 20 Jahren nach guten Ernten ganze Schwimmbassins mit Fendant und Johannisberg gefüllt wurden, die wir dann halbliterweise in die Deutschschweiz schöpften. Bis das Volk an der Urne gegen die Politik in Bern rebellierte, das Weinstatut an der Urne verwarf und den günstigen Import ausländischer Weine erzwang. Karl Schweri sei posthum Dank! Und siehe da, es geschah das zweite Weinwunder der Christenheit! Seit keine Regel mehr den Import guter Weine unmässig erschwert, ist die Schweizer Weinqualität innert weniger Jahre exponential nach oben geschnellt. Walliser Assemblages, neue Waadtländer Kreationen, Bündner Spezialitäten – ja bisweilen sogar die Zürcher Zunftweine – sie alle sind heute hoch begehrter Genuss. Wäre Dionysos nicht griechischer Gott auf dem Olymp, sondern Buddhist und würde wiedergeboren, er würde einige der schönsten Jahre seines nächsten Lebens in der Schweiz verbringen. Und Zeus und Athene würden mit dem Götterchor des Olymp täglich die Hymne anstimmen: ‚Kennst du das Land am Rhonestrand… s’isch s’Wallis – s’isch s’Wallis!’ Womit sich eben doch als politische Wahrheit beweist, dass eine ausgebliebene Gesetzgebung oftmals die beste ist.

Doch Nichtstun und nur Wein trinken kann kein wahres politisches Rezept sein. Ich habe gelernt, dass guter Wein Politiker besser macht. Das ist ein Stück politische Wahrheit! Warum aber sind Politiker, die ein gutes Glas nicht verachten, die besseren Politiker? Der Betrieb im Bundeshaus ist oft hektisch, politische Differenzen sind tief. Freundeidgenössische Kompromisse werden zusehends schwieriger. Der Kampf um breit getragene Lösungen wird immer härter. Am Abend erlaubt das Zusammensitzen bei einem Glas Wein, über die Parteigrenzen hinaus freundschaftliche Kontakte zu finden, anregende Diskussionen zu führen und Meinungen auf persönlicher Ebene auszutauschen. Persönliche Kontakte und Wertschätzung sind das Fundament guter Zusammenarbeit. Wer am Abend zusammen sitzt, wird am nächsten Tag in der Sache hart antreten, aber in gegenseitigem Respekt. Und der Bundesrat würde bestimmt zu neuer Harmonie finden, wenn er nach hitzigen Diskussionen häufiger zu einem gemeinsamen Glas Wein finden würde. Denn wie schon der deutsche Dichter Christoph Martin Wieland richtig bemerkte: „Der Wein gibt Witz und stärkt den Magen.“ Und ein starker Magen verdaut politisch schwere Kost viel leichter.

Leider nimmt auch im Bundeshaus die Zahl jener zu, die ein freundschaftliches Glas verschmähen und am Abend lieber unter ihresgleichen die Messer wetzen, mit denen sie am nächsten Tag den politischen Gegner sezieren wollen. Weintrinker sind Geniesser, Asketen haben den Hang zum Fundamentalismus! Hoffen wir, dass bei den nächsten Wahlen die Anzahl Geniesser im Bundeshaus wieder zunehmen wird.

Mein Tipp für die Expovina: Unterziehen sie die Kandidaten – und ebenso die Kandidatinnen –  für die National- und Ständeratswahlen des Jahres 2007 dem Wein- und Genussfähigkeits-Test. Sie leisten einen wichtigen Beitrag an die Schweizer Politik. Denn Politiker sind wie eine Flasche Wein...

 • In lokalen Sektionen wurden die Reben gezüchtet und gepflegt. Die guten Reben gedeihen, die schlechten werfen hingegen wenig ab. Nach der Verarbeitung wird der Wein in Flaschen abgefüllt. Er wird in den Kellern der kantonalen Parteien gelagert. Bei Wahlen werden die Flaschen hervor genommen, einzelne gehen ihren erfolgreichen Weg und erfreuen den Gaumen, andere verschwinden wieder in den Kellern. Ein Teil des Weines wird ebenfalls bei Wahlen an die Zentrale nach Bern gebracht, die damit das Bundeshaus beliefert.
 • Der junge Wein ist, frisch angekommen in den Hallen des Bundeshauses, oft noch zu unausgereift als dass er geniessbar wäre. Er muss zuerst gelagert werden, um im Laufe der Jahre seine besten Qualitäten entwickeln zu können. Aber viele junge Weine schäumen schon am ersten Tag lautstark durch die Ratssäle – wie sollen sie da noch Zeit zur Reife finden?
 • Wurde der Politiker richtig gelagert, so wird er alle überzeugen, durch sein wunderbares Bouquet. Die einen rau und erdig, die anderen fruchtig und temperamentvoll, alle aber mit nachhaltigem Abgang. 
 • Leider ergeht es nicht allen Flaschen im Bundeshaus gleich gut. Die einen werden falsch gelagert, sind schon nach kurzer Zeit ungeniessbar und haben einen unangenehmen Korkengeschmack. Andere hingegen bleiben zu lange liegen, werden bitter und ungeniessbar. 
 • Andere wiederum waren bereits schlecht, als sie geliefert wurden. Nur einen Haken hat die Politik: Sie müssen jede Flasche vier Jahre behalten, bevor Sie sie gegen eine bessere eintauschen können!

Meine Damen und Herren, die Wahrheit im Wein und in der Politik sind sich sehr ähnlich. Damit habe ich meine höchste Aufgabe eines Politikers erfüllt, Ihnen reinen Wein einzuschenken. Warum sollten wir also auf Wasser ausweichen, wo der wahre Wein so reichlich fliesst? Prosit – ein Hoch auf die Expovina!