Mein Vater erzählte kaum aus jener Zeit.
Was ich weiss ist, dass er Pole war, er kämpfte in Frankreich gegen die Wehrmacht. Dann erreichte seine Einheit die Schweizer Grenze und wurde interniert.
Mein Vater hatte Glück. Er überlebte einen mörderischen Krieg. Er fand in einem friedlichen Land Zuflucht. Er konnte studieren, er verliebte sich, er gründete eine Familie.
Doch über seine Gefühle von damals, seine Sehnsüchte, über seine Ängste und seine Freuden in den Kriegsjahren erzählte mein Vater wenig.
Mein internierter Vater war Pole, andere Internierte waren Spahis.
Wir wissen, sie kamen aus Algerien und Marroko und sie kämpften in Frankreich gegen die Wehrmacht. Wir wissen, einige erreichten die Schweizer Grenze und wurden interniert.
Wir wissen, sie hatten Glück und überlebten einen mörderischen Krieg. Eine Handvoll Internierter fand hier in Triengen Unterschlupf.
Über ihre Gefühle, Sehnsüchte, Ängste und Freuden wissen wir wenig.
Auch über das, was die Triengener Frauen, Männer und Kinder damals fühlten und erlebten wissen wir wenig. Da kamen Männer, Soldaten mit dunklem Gesicht und fremder Sprache, Reste einer geschlagenen Armee. Der rote Burnus, das Képi, der Schimmel – viel mehr Vorstellungen wird es vorher in Triengen über die Kavalleristen aus Nordafrika kaum gegeben haben.
Vielleicht können wir es uns vorstellen - Die Schweizer Männer im Dienst, die Angst vor dem Krieg in allen Köpfen und die drückende Mühsal eines strengen Alltags, und trotzdem nahm man die internierten Fremden auf.
Wir wissen, die Skepsis war gross, die Behörden warnten ausdrücklich davor „Umgang zu pflegen“ mit den Internierten, sittlich und in gesundheitlicher Beziehung seien diese nicht einwandfrei... Wir wissen aber auch, dass Männer, Frauen und Kinder den Fremden so begegneten, wie das Menschen halt tun. Misstrauisch und neugierig am Anfang; rasch aber selbstverständlich, mitfühlend und freundlich.
Die Episode ging rasch vorüber, vergessen ging sie aber nie. Heute ist das Interesse am Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wieder gross. Historiker, Filmemacher und Nachfahren haben sich der Spahis, der Internierten erinnert. Auch in Triengen werden Bruchstücke von Erinnerungen zusammen geklaubt, wir versuchen zu verstehen und uns vorzustellen was damals war und wie unsere Väter und Mütter diese Zeit erlebten.
Wir lernen, dass in jenen Jahren der Gefahr, neben unmenschlicher Bürokratie, auch persönliche Menschlichkeit gedieh. Wir lernen, dass man den geschlagenen Fremden, auch in Zeiten eigener Not, eine sichere Bleibe bot. Wir lernen ein Land, ein Dorf und Menschen kennen, die Ängste, Vorurteile und Vorbehalte hatten; wir lernen ein Land, ein Dorf und Menschen kennen, die fähig waren ihre Ängste, Vorurteile und Vorbehalte beiseite zu legen. In Triengen entstanden Freudschaften, es wurde musiziert, Theater gespielt, die Spahis waren bald zur Dorfattraktion geworden
Vielleicht hat mein Vater, haben alle unsere Väter und Mütter zu wenig erzählt aus jener Zeit vor gut sechzig Jahren. Was wir heute erfahren und lernen, ist es wert nicht vergessen zu gehen. Selbst Sohn eines Internierten freut es mich ganz besonders, dass die Gemeinde Triengen heute von den Kindern der Spahig die Ehrenmedaille des Burnous verliehen bekommt: Als Zeichen gegen das Vergessen und als Dank für Menschlichkeit!