Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Kinder, liebe Jugendliche, liebe Erwachsenen
Ich weiss nicht, ob Ihr wisst, was der Nationalratspräsident machen muss.
Hat jemand eine Idee?
Man nennt den Nationalratspräsidenten auch den „höchsten Schweizer“, weil er während einem Jahr das Volk vertritt. Aber das höre ich eigentlich nicht so gerne. Das tönt so wichtig. Und ich bin ja nicht der Chef der Schweiz. Für mich ist es vielmehr eine grosse Ehre und Freude, ein Jahr lang den Nationalrat präsidieren zu dürfen. Nach mir kommt dann Nationalrätin Maja Graf an die Reihe. Ich kehre wieder zurück in die Sitzreihen und bin einer unter vielen.
Vier Mal im Jahr sitze ich während dreier Wochen auf einem Podest und dem grössten Stuhl im Bundeshaus. Aber wisst Ihr was? Er ist zwar gross und schön verziert, aber so bequem ist er nicht. Das ist vielleicht absichtlich so gemacht, damit man nicht ewig auf diesem Stuhl sitzen bleiben will. Von dort leite ich die Sitzung des Nationalrates und schaue, dass die 200 Ratsmitglieder die Regeln einhalten – fast wie ein Schiedsrichter auf dem Fussballrasen. Zwischendurch muss ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen schimpfen/sie ermahnen. Im Ratssaal wird nämlich nicht immer zugehört, was am Mikrofon gesagt wird: da wird geschwatzt, telefoniert, mit der Zeitung geraschelt oder in Äpfel gebissen. Wenn es zu laut wird, greife ich nicht zur Trillerpfeife sondern zur Glocke, die meinem Pult steht. Ich habe sie schon ein paar Mal gebrauchen müssen.
Im Bundeshaus empfange ich wichtige Leute aus anderen Ländern. Erst gerade war Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi da – ihr habt das vielleicht in der Zeitung gelesen oder im Fernseher gesehen. Sie interessierte sich sehr für unsere Berufslehren und Berufsschulen. Die gibt es nämlich in Burma nicht. Andern Gästen erkläre ich manchmal die Spielregeln, nach denen unser Land funktioniert. Und ich als Nationalratspräsident darf in der ganzen Schweiz herum reisen, zwischendurch holt mich ein Chauffeur mit einer dunklen Limousine auf meinem Bauernhof ab, aber meistens nehme ich den Zug. Auf meiner „Tour de Suisse“ treffe ich kleine und grosse Menschen und lerne viele neue Sachen kennen. Und wenn man mich fragen würde, was das schönste ist an meiner Aufgabe als Nationalratspräsident ist, dann würde ich sagen: Es sind die vielen Einladungen, die ich bekomme. Darum habe ich mich auch sehr auf den heutigen Tag gefreut und ich bin richtig neugierig darauf, was alles passiert. Herzlichen Dank für die Einladung!
Zwar bin ich oft in Brugg, weil ich hier beim Bauernverband ein Büro habe, am Jugendfest war ich aber noch nie. Volksfeste sind eine wichtige Sache. Ihr werdet Euch immer wieder daran erinnern, auch wenn Ihr vielleicht nicht mehr hier in Brugg wohnen werdet. In Volksfesten leben die Geschichten und viele Geschichten kann man an Volksfesten erleben. Nach einem strengen Schuljahr habt Ihr Euch das Jugendfest reichlich verdient – auch weil Ihr bei den Vorbereitungen viel mitgeholfen habt. Ihr habt Euch herausgeputzt wie ich sehe: schwarze Hose, weisses Hemd, hübsche Blumenkränze im Haar. Und vermutlich sind einige unter Euch auch ziemlich aufgeregt.
Liebe Kinder und Jugendliche
Glaubt mir, ich hatte vorhin auch ein wenig Lampenfieber. Kinder und Jugendliche sind nämlich die kritischsten Zuhörerinnen und Zuhörer. Wenn Ihr Euch langweilt, dann gebt ihr das uns Erwachsenen ziemlich schnell zu verstehen. Gerade was Politiker sagen, tönt in Euren Ohren sicher oft nach viel „Blabla/Gschwätz“ und nicht nach einer spannenden Harry-Potter-Geschichte. Wir reden im Bundeshaus in Bern tatsächlich kompliziert und gebrauchen furchtbare Wörter wie Differenzbereinigungsverfahren oder Nichteintreten. Dass ihr da lieber weghört, kann ich gut verstehen.
In der Politik ist es aber nicht viel anders als im Sport. Der Fussball zum Beispiel hat auch seine eigene Sprache: Dort gibt es den „Fallrückzieher“, das „Offside“ oder die Bananenflanke. Wörter, mit denen viele auch gar nichts anfangen können. Man muss zuerst die Begriffe und die Regeln lernen, bevor man das Spiel versteht. Wer die Regeln nicht kennt, der findet Fussball langweilig und der sieht nur Leute, die auf dem Rasen hin und her rennen. Dabei ist das, um was es geht im Fussball, ziemlich einfach: es geht darum, möglichst viele Tore zu schiessen, die Fussballmannschaft will gewinnen. In der Politik wollen die Mannschaften – wir sagen Parteien dazu – auch gewinnen: Politikerinnen und Politiker brauchen dafür nicht geschickte Füsse und schnelle Beinen, sondern vor allem gute Ideen, mit denen sie andere überzeugen können. Darum müssen sie auch so viel reden.
Frage: Wer von Euch war denn schon einmal im Bundeshaus? Hebt mal die Hand hoch!
Einen „Bundespalast“ hat der Architekt vor 110 Jahren in Bern gebaut – mit Gold auf den drei Kuppeln. Andernorts baute man Paläste für Kaiser, Könige und Prinzessinnen. In der Schweiz gehört der Palast dem Volk – also uns allen. In unserem Land sagt nämlich das Volk, wo es lang geht. Die Schweiz ist eine Demokratie. Und Demokratie heisst übersetzt: „Herrschaft des Volkes“. Im Bundeshaus hat natürlich nicht das ganze Volk Platz, sondern nur 246 Frauen und Männer – 200 Sitzen im Nationalrat, 46 im Ständerat. Die Politikerinnen und Politiker werden von Euren Eltern, Lehrerinnen, Tanten oder bereits von euren älteren Geschwistern gewählt. Einmal gewählt, vertreten sie in Bern das Volk – deshalb nennt man sie Volksvertreterinnen und Volksvertreter.
Demokratie ist eine Art des Zusammenlebens. Um Politik zu machen, braucht es Regeln. Die wichtigsten Regeln lernt man eigentlich schon ganz früh – ¬in der Familie zum Beispiel: Der Bruder will ins Kino, die Schwester lesen, die Mutter wandern und der Vater ins Museum gehen. Gemeinsam muss man Programm finden, das allen passt, sonst gibt’s Streit. Gleiches gilt für den Kindergarten und die Schule: In Gruppenspielen müssen auch Kinder mitmachen, die lieber etwas anderes machen würden. Auch das gehört zur Demokratie: die Mehrheit entscheidet und die Minderheit akzeptiert den Entscheid. Glücklicherweise gehören wir alle einmal zur Mehrheit, ein anderes Mal zur Minderheit.
So lernen wird, dass Wünsche und Ideen der Anderen genau so viel Wert haben wie unsere eigenen. Zugegeben: Für ein Kind hat das noch nicht viel mit Politik zu tun. Nachgeben, mithelfen, Lösungen zu finden, andere respektieren und Rücksicht nehmen ist wichtig, damit die Demokratie funktioniert und wir alle friedlich zusammen leben können. Wie das ja bei uns in der Schweiz glücklicherweise der Fall ist.
Liebe Kinder, Jugendliche und Erwachsenen
Der Bundespalast in Bern ist ein offenes Haus. Bürgerinnen und Bürger jeden Alters können auf der Tribüne dabei sein, wenn das Parlament Gesetze berät, dem Bundesrat kritische Fragen stellt, Nationalratspräsidenten und die höchsten Richter wählt. Ihr seid immer willkommen auf den Besuchertribünen. Und wer weiss, vielleicht kommt die eine oder der andere unter Euch in einigen Jahren dann wieder ins Bundeshaus als Nationalrätin, als Ständerat – oder gar als Bundesrat. Politik macht nämlich Spass, ehrlich!
Jetzt wünsche ich Euch und Ihnen allen viel Spass an diesem tollen Fest, schöne, erholsame Ferien und im August einen guten Start im neuen Schuljahr, in der Lehre oder in einer weiterführenden Schule.
Danke fürs Zuhören.