Es gilt das gesprochene Wort

  

Wir haben heute in diesem Rat zum letzten Mal Herrn Bundesrat Hans-Rudolf Merz unter uns. Hier in diesem Saal hat vor 14 Jahren Ihre steile politische Karriere begonnen, Herr Bundesrat. Sie haben Ihr Mandat zwei Jahre später angetreten als ich, Sie haben mich aber dann in rasantem Tempo überholt und sind in den Bundesrat entschwunden – von dort aus haben Sie uns erfreulicherweise immer wieder besucht, um Ihre Anliegen hartnäckig und mit viel Elan vorzutragen.

"Ach, reines Glück geniesst doch nie, wer zahlen soll und weiss nicht wie." Sie können sich vielleicht noch an dieses Zitat erinnern. Der damalige Ratspräsident Fritz Schiesser wünschte Ihnen bei Ihrem ersten Besuch in Ihrer neuen Funktion als Bundesrat im Sinne Wilhelm Buschs viele Momente wahren, reinen Glücks. Wir hoffen natürlich, dieser Wunsch habe sich in Ihren sieben Bundesratsjahren zumindest hie und da erfüllt. Geld allein macht ja bekanntlich nicht glücklich – zufrieden vielleicht. Und zufrieden stellen wir heute fest, dass sich während Ihrer Amtszeit der Schuldenberg um stolze 20 Milliarden Franken verringert hat – dies mit dem erfreulichen Effekt, dass die Bundesfinanzen gesund sind wie in kaum einem anderen Land.

Dafür haben Sie hart kämpfen müssen, und Ihnen wird dabei wohl öfter die Thronsaalszene aus Goethes "Faust II" eingefallen sein:

"Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt.
Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn."

Es gibt allerdings zwischen Ihnen, lieber Herr Finanzminister, und den Würdenträgern der Kaiserlichen Pfalz einen entscheidenden Unterschied: Sie haben die Hilfe Mephistos, der als eigentlicher Erfinder des Papiergeldes auftritt, nicht in Anspruch nehmen müssen. Wie viel einfacher wäre es doch für Sie gewesen, die Löcher mit neugepressten Noten zu stopfen, statt in mühseligen Spardebatten harte Überzeugungsarbeit leisten und uns Ständerätinnen und Ständeräte kraft Ihrer Argumente immer wieder vom Sinn und Zweck des Sparens überzeugen zu müssen!

Goethe selbst musste sich ja sein Leben lang über Geld keine Gedanken machen; er lebte finanziell sorgenfrei. Trotzdem hat er, wie der deutsche Literaturwissenschafter Jochen Hörisch feststellt, "über kaum etwas anderes – Gott und Teufel, Natur und Liebe eingeschlossen – so intensiv nachgedacht wie über das Geld". Es ist daher wenig erstaunlich, dass Sie Inspiration in Goethes Hauptwerk finden, das Sie seit Jahren überallhin begleitet und Ihren politischen Alltag bereichert.

Lieber Hans-Rudolf Merz, wir wissen, dass Sie auch von anderen gedruckten Noten angetan sind: Die Musik nimmt in Ihrem Leben einen wichtigen Platz ein. Musik und Politik haben vieles gemeinsam: Beides kann nur gelingen, wenn sich divergierende Interessen und Emotionen in ein harmonierendes Ganzes zusammenfügen. Für Exzesse und unrealistische Forderungen und Wünsche hat es keinen Platz. Auf dem politischen Parkett läuft es wie auf der musikalischen Bühne: Es gibt Politiker und Interpreten mit Talent, solche mit hitzigem Gemüt, andere sind bescheiden und zurückhaltend, es gibt die Aktiven, die Gewissenhaften, die Tauben, die Schwätzer und die Dilettanten. In der Politik wie in der Musik gibt es Startenöre, Primadonnen, einige Diven und wenige geniale Improvisatoren. Und es gibt einen Dirigenten, der versucht, aus der latenten Anarchie ein kohärentes, melodiöses Ensemble zu machen. Im Gegensatz zu uns haben Sie latente Anarchien aus verschiedenen Perspektiven miterleben und beobachten können. Dissonanzen lassen sich beim besten Willen nicht vermeiden; Harmonien sind uns wie Ihnen aber zu guter Letzt alleweil lieber als zu viele schräge Töne.

Lieber Hansruedi, um Deine Zukunft müssen wir nicht bangen: Du hast Deine nächste Karriere als Alleinunterhalter vorletzten Montag im Nationalrat erfolgreich eingeleitet. Bei Deinem Auftritt in der Fragestunde lachten nicht nur der Nationalrat und die ganze Schweiz, sondern sogar ganz Europa, ja die halbe Welt begeistert mit.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die geleistete Arbeit und für Deine grossen Verdienste für unser Land und seine Bevölkerung. Wir wünschen Dir von ganzem Herzen alles Gute für die Zukunft und hoffen, dass Du Dich beim Klang von einer der 22 Opern Mozarts mit Freude und – wer weiss – vielleicht auch mit ein wenig Wehmut an die vielen Stunden in unserem Rat erinnern wirst. Wir danken Dir nochmals von ganzem Herzen!