Es gilt das gesprochene Wort
Sitzung des Ständerates vom 30. September 2011
Sehr geehrter Ständeratspräsident, lieber Hansheiri Inderkum,
Wir müssen uns heute auch von Dir verabschieden. Wir - und hier darf ich zweifellos den Plural verwenden - tun das gar nicht gerne. 16 Jahre als Ständerat sei eine lange Zeit, jetzt sei der richtige Zeitpunkt zum Aufhören, sagtest Du. Diesen Entscheid können wir zwar nachvollziehen, bedauern ihn aber gleichwohl sehr. Wir verlieren nicht nur einen wunderbaren Ratskollegen, sondern mit Dir auch einen "Stammhalter einer aussterbenden Spezies" wie der "Tages-Anzeiger" treffend vor Deiner Wahl zum Ständeratspräsidenten festhielt. Lieber Hansheiri Inderkum, ja, Du bist die Personifikation unserer Ratskammer. Du hast all die Jahre wesentlich dazu beigetragen, den Ruf des Ständerates als Chambre de Réflexion zu festigen und zu verteidigen.
Auf Fragen von Journalisten, was denn das Besondere am Ständerat sei, gabst Du jeweils Folgendes zu Papier: "Der Ständerat ist die Kammer der nationalen Kohäsion. Er muss die Landesinteressen über die Parteipolitik stellen." Würde der Ständerat dies nicht tun, und zu einem kleinen Nationalrat werden, könne er seine staatspolitische Rolle nicht mehr erfüllen und schaffe sich selbst ab. Diese Botschaft hast Du gerade auch im Präsidialjahr vehement vertreten. Ich bin sicher, Du wirst sie uns in Erinnerung rufen, sollten wir versucht sein, unseren Stil zu ändern. Immerhin hast Du versprochen, "die Politik weiterhin mit einem wachsamen Auge" zu verfolgen. Ich darf persönlich anfügen: Es könnten auch zwei wachsame Augen sein.
Hinter Hansheiri Inderkum liegt eine politische Bilderbuchkarriere oder umgangssprachlich ausgedrückt: die klassische Ochsentour. Sie begann im Kanton Uri mit dem Gemeindepräsidium in Altdorf, und sie setzte sich fort im Landrat und mit dem Präsidium desselben. Sie führte ihn 1995 in den Ständerat und sie wird nun mit dem Ständeratspräsidium, dem Präsidium des schönsten Rates der Welt, abgeschlossen. Als Ständerat war Hansheiri Inderkum in zahlreichen Kommissionen tätig. So war er Präsident der Finanzkommission, der Staatspolitischen Kommission, der Begnadigungskommission und der Spezialkommission für die Neugestaltung des Finanzausgleiches. Er war Mitglied der Aussenpolitischen Kommission, der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie sowie der Kommission für Rechtsfragen.
Hansheiri Inderkum hat zahlreiche Verfassungs- und Gesetzesvorlagen entscheidend geprägt. Wir erlebten unseren Kollegen als das "juristische Gewissen des Ständerates". Als Politiker, der mit hohem Intellekt und sichtbarer Freude an der Juristerei Sachpolitik betreibt. Die Faszination für staatsrechtliche Fragen und die Lust an der gehaltvollen Debatte haben Hansheiri Inderkum in seiner Tätigkeit als Ständerat immer begleitet. "Laute Töne oder markige Sprüche sind seine Sache nicht - er ficht mit der feinen Klinge und mit differenzierten Voten", charakterisierte ihn etwa die "NZZ".
Seine "Arena", das ist der Rat. Ich persönlich werde mich immer sehr gerne an unsere gemeinsame Zeit als Stimmenzähler erinnern. Was wir miteinander philosophiert, beobachtet und ausgetauscht haben, würde wahrscheinlich ein ganzes Buch füllen. Vielleicht ist es gut, dass es auch Bücher gibt, die nicht geschrieben werden.
Seit der Frühjahrssession wissen wir aber auch, dass Hansheiri Inderkum den Ratssaal bisweilen auch als Thronsaal oder königliches Arbeitszimmer versteht, fällte er in einer einzigen Woche doch gleich dreimal den Stichentscheid. Hansheiri Inderkum habe geschafft, wovon alt Bundesrat Pascal Couchepin nur geträumt habe, schrieb das "St. Galler Tagblatt": "Le roi, c'est moi." Hansheiri I., König von Bern. Und dies, lieber Ständeratspräsident, wird Dir keiner so schnell nachmachen!
Es heisst, Du wollest in Deiner "postparlamentarischen" Zeit öfter als bisher nach Wien reisen. Wenn Du im Fiaker auf dem Weg zu den Philharmonikern am österreichischen Parlament vorbeifährst, wirst Du bestimmt eine gewisse Ähnlichkeit mit unserem Bundeshaus feststellen. Der Architekt Hans Wilhelm Auer leitete nämlich zuvor die Wiener Grossbaustelle, und er übernahm von dort die hübsche Idee, Steine und Marmor aus allen Landesteilen zu verwenden, um dadurch deren Verbundenheit mit dem Parlament zum Ausdruck zu bringen. Aber vielleicht lockt nach dem Präsidialjahr eher die Hofburg, sie befindet sich gleich schräg gegenüber dem Parlament ...
Mit Bestimmtheit wirst Du die dazugewonnene Freizeit vermehrt in der majestätischen Umgebung Deines Heimatkantons verbringen können: Dort, wo die Menschen nicht überheblich, aber selbstbewusst, nicht utopisch, aber offen, nicht überschwänglich, aber liebenswürdig, nicht emotional, aber gemütvoll, nicht stur, aber beharrlich, nicht altmodisch, aber wertverbunden sind.
Lieber Hansheiri, so haben wir Dich über all die Jahre erlebt. In der neuen Legislatur werden sich einige unter uns an Dich erinnern - am meisten dann, wenn Dein Wort so nötig wäre. Für Deinen Nachfolger oder Deine Nachfolgerin hast Du die Messlatte sehr hoch gelegt. Deine präzise, faire und speditive Sitzungsführung auf Deutsch, Französisch und Lateinisch wird uns in vorbildhafter Weise in Erinnerung bleiben.
Alles Gute!