Gruppe “Kleinstberufe“ anlässlich der Swiss Skills am 18. September 2014 – Bern Expo
Es gilt das gesprochene Wort
Grusswort von Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger
Als ich angefragt wurde, heute an Ihrem Anlass eine Grussbotschaft zu überbringen, habe ich spontan zugesagt. Dafür gibt es mehrere Gründe.
Zum einen bin ich als Schreinermeister mit vielen von Euch berufsverwandt, weil Sie ebenfalls mit dem nachwachsenden, erneuerbaren Rohstoff Holz zu tun haben wie ich.
Zum zweiten gehören Frau Nationalrätin Maya Graf, die hier anwesende Präsidentin der Parl. Gruppe zur Förderung der Kleistberufe und ich ebenfalls einem Kleinstberuf an; und zwar dem kleinsten aller Kleinstberufe in der Schweiz, dem Beruf des Nationalratspräsidenten. Dort gibt es nämlich alle Jahre nur eine einzige Lehrstelle; die Lehre dauert zwei Jahre, und dann ist man Nationalratspräsident, nicht etwa auf Lebzeiten, sondern bekanntlich genau ein Jahr.
Im Bundeshaus hat der Präsident ein eigenes, schönes Büro mit prächtigen Nussbaumausbauten. Genau darunter, einen Stock tiefer, gibt es eine ganz besondere Kammer. Sie begeis-terte einst ein Weltpublikum. Es handelt sich um das „Brienzer Zimmer“, ein mit geschnitztem Täfer und Figuren/Skulpturen ausgestatteter Raum, der nach seiner Präsenz an der Weltaus-stellung in Paris von 1900 seinen endgültigen Platz im Bundehaus fand. Geschaffen wurde die Schatzkammer von der Schnitzerwerkstatt Brienz, der heutigen Schule für Holzbildhauerei.
Das Brienzer Zimmer ist nur ein Beispiel besten Schweizer Handwerks, dass im Bundeshaus zu finden ist. Nie zuvor und nie mehr seither ist die demokratische "Idee Schweiz" materiell und künstlerisch in einem Bauwerk auf ähnliche Weise umgesetzt worden. Architekt Hans Wilhelm Auer wollte in seinem Bau "die ganze Schweiz" auch physisch darstellen. Umgesetzt hat er dies, indem er Materialien aus sämtlichen Schweizer Regionen eingesetzt und Handwerker aus diesen Regionen für die Ausführung beauftragt hatte. Sollten Sie einmal das Bundeshaus besuchen, schauen sie genau hin: denn vermeintlich unscheinbare Dinge bedingen oftmals grosse Handwerkskunst.
Vor drei Jahren liess das Bundesamt für Kultur das traditionelle Handwerk in der Schweiz untersuchen (Interface Politstudien Forschung Beratung). Dies, weil sich unser Land verpflichtet hat, seinem immateriellen Kulturerbe Sorge zu tragen (Unesco). Das Fazit der Studie ist interessant, macht aber auch nachdenklich: Die Forscher fanden 307 Handwerke, 137 davon sind Berufe nach Berufsbildungsgesetz. Sie stellten auch fest, dass das Überleben der traditionellen Handwerke nur teilweise gewährleistet ist: Den die Industrialisierung und die Globalisierung veränderten unsere Lebens- respektive Produktionsweise schneller als jemals zuvor in der Geschichte.
Was früher alltäglich war, ist heute oftmals schon in Vergessenheit geraten. Kaum jemand kann sich noch vorstellen, wie man vor 100 Jahren lebte und arbeitete. Vieles, was die Entwicklung unserer Kultur prägte, droht dadurch verloren zu gehen. So ist ein Viertel der erfassten handwerklichen Tätigkeiten heute gefährdet, 23 Berufe sind in der Schweiz bereits ausgestorben. Diese Entwicklung tut mir als Schreinermeister natürlich im Herzen weh. Einige der gefährdeten Berufe haben mit dem Werkstoff Holz zu tun: Denken Sie an den Drechsler, Weissküfer, Küfer, Korb- und Flechtwerkgestalter oder den Instrumentenbau.
Nichtsdestotrotz entdecken parallel dazu die Forscher positive Trends, die auch an unsereins nicht unbemerkt vorbei gehen. Dem traditionellen Handwerk kommt neben der unbestrittenen kulturpolitischen Rolle immer stärker auch eine marktwirtschaftliche Bedeutung zu. Es be-steht auf der ganzen Welt eine steigende Nachfrage nach qualitativ hoch- und höchstwertigen Konsumgütern. Das traditionelle Handwerk zur Erhaltung und Pflege der historischen Infrastruktur.
Diese wertvollen Kulturgüter müssen sorgfältig gepflegt und individuell unterhaltet werden. Anders als bei der Arbeit für moderne Bauten, sind bei älteren Bauwerken besondere Handfertigkeiten sowie Kenntnisse im Umgang mit früheren Werkzeugen und traditionellen Materialien gefragt. So wurden bei der Renovation des Bundeshaus zwischen 2006 und 2008 zum Beispiel Tapeten rekonstruiert und die Stühle in den Ratssälen bekamen ein neues Geflecht. Stuckmarmor wurde repariert und die Innenwände in traditioneller Manier verputzt.
Und schliesslich kann das Handwerk auch eine Pionierrolle bei Nachhaltigkeit ausgerichteten Wirtschaftsformen einnehmen. Im In- und Ausland der Schweiz zugeschriebene Werte wie Authentizität, Genauigkeit, Langlebigkeit, Hochwertigkeit und Verlässlichkeit bieten dem tradi-tionellen Handwerk zusammengefasst unter dem Schlagwort „Swissness“ einiges an Marktpotenzial. Als Präsident von Swisslabel weiss ich um den Wert der Marke Schweiz.
Traditionelles Handwerk soll und darf sich den Techniken von heute bedienen, solange der Charakter der Traditionsverbundenheit des Handwerks im Kern bewahrt bleibt. Ziel muss es sein, diese traditionellen Berufe in die Zukunft zu führen. Das Bekenntnis dazu und die Freude daran reichen nicht. Es braucht Taten: indem handwerkliches Wissen über die Berufsaus- und Weiterbildung gesichert wird. Das ist der entscheidende Faktor. Endlich nimmt auch der Bund sich dem vernachlässigten „Stiefkind“ höhere Berufsausbildung an. Ab 2017 sollen deren Lehrgänge mit bis zu 100 Millionen Franken pro Jahr unterstützt werden.
Die Möglichkeit sich weiterbilden zu können und nicht in der Sackgasse landen zu müssen, ist heute ein entscheidendes Kriterium für die Wahl des Berufs. Und es gibt heute mit Sicherheit mehr junge Menschen, die eine Karriere über die Handwerkslehre einer akademischen vorziehen würden, wären sie und ihre Eltern über die Möglichkeiten und Chancen besser infor-miert. Da besteht Handlungsbedarf – an den Schulen, bei den Eltern und den Berufsbildungsstellen.
Meine Damen und Herren
Die Schweiz hat auf kleinem Raum sehr viel zu bieten: Die abwechslungsreiche Landschaft und Vegetation, die lebendige Volkskultur, die vielen Eigenarten, Sprachen, Dialekte, die bunte Politiklandschaft und die breitaufgestellte Wirtschaft ergeben zusammen ein prächtiges Mosaik. Die Handwerkskunst ist ein Teil dieser schweizerischen Identität. Verschwinden immer mehr traditionelle Berufe, so ist das zwar Bild der Schweiz aus der Ferne betrachtet immer noch ein schönes, aus der Nähe es ist aber eben nicht mehr ganz so prächtig.
Irgendwann wird das Parlamentsgebäude erneut renoviert werden müssen. Ich hoffe, dass es hiesige Handwerker sein werden, die das Bundeshaus mit ihrem Können wieder in jenem Glanz erstrahlen lassen werden wie bei der Einweihung anno 1901 und der Wiedereröffnung im Jahr 2008.
Ich wünsche Ihnen alles Gute, viel Freude und Erfolg in ihrem Beruf. Sie haben die Unter-stützung aus dem Bundeshaus: Eine Gruppe von Parlamentarierinnen und Parlamentarier unter der Leitung der Nationalratspräsidentin 2013 Maya Graf hat sich bereit erklärt, sich dafür zu engagieren. Ein wichtiges Ziel ist der Aufbau eines tragenden Netzwerkes für Kleinstberufe. Liebe Maya Graf, für Euer Engagement danke ich Euch herzlich – ich tue dies auch in meiner Funktion als Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbandes sgv.
„Unser Reichtum sind nicht die Mundwerker, sondern die - Handwerker“, hat einst der deutsche Politiker Alfred Dregger weise gesprochen. Deshalb schweigt sogleich der Mundwerker, der in diesem Handwerker steckt und sagt nur noch: Dankeschön!