Es gilt das gesprochene Wort
Geschätzte Damen und Herren
Es war am 29. März 1999. Damals durfte ich in meiner Funktion als Grossratspräsident des Kantons Luzern an Ihrer Generalsversammlung ebenfalls eine Rede halten. Und, ich habe nachgeschaut und sie durchgelesen; damals habe ich auf das gegenseitige Verständnis von Bergbauern und Menschen aus der Stadt hingewiesen. Eigentlich könnte ich Ihnen das gleiche heute auch wieder sagen. Das spricht für Sie und Ihren Beruf. Wären Sie nämlich nicht Älpler, sondern Banker, dann bekämen Sie heute von mir sicher nicht mehr das Gleiche zu hören wie vor 15 Jahren….
Und trotzdem habe ich mich natürlich bemüht, Ihnen auch etwas Neues mitzuteilen. Ich habe mich über die aktuelle Situation der Schweizer Berglandwirtschaft kundig gemacht – mehr theoretisch als praktisch - und da bin ich auf eine interessante Umfrage gestossen. Sie wurde im Rahmen der letztes Jahr beendeten, gross angelegten Standortbestimmung „Alpfutur“ gemacht. Sie zeigt, welchen Stellenwert die Alpwirtschaft in der Bevölkerung hat. Die Resultate der Umfrage sind eindeutig: Kaum jemand könnte sich eine Schweiz ohne Alpwirtschaften und Alpkäsereien vorstellen. Und müssten sie aufgegeben werden, würde dies sehr bedauert. Ein grosser Teil der Befragten sagt auch, die Alpwirtschaft gehöre zur Schweiz, sie habe etwas Faszinierendes an sich, Alphütten und Alpweiden seien typisch schweizerisch. Das Bild, das Dichter, Maler und Philosophen von der noch „romantische“ Bergwelt und seinen Bewohnern im 18. und im 19. Jahrhundert verbreiteten, wirkt bis heute nach. Nun, es ist aber halt auch ein etwas verklärtes/idealisiertes Bild: Ein Bild von Freiheit, Eigenständigkeit, Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit. Oft ist sich nämlich der Wanderer nicht bewusst, wie viel Arbeit hinter der Bewirtschaftung einer Alp steckt¸ wenn er im Bergfrühling und Sommer über die Weiden geht. Zwar haben die Sennen, wenn man an das Volkslied denkt, dank „Käs und Anke guets Blut“, aber sie haben es eben nicht nur lustig und gut“, wie das Lied uns weiss machen will. Heile Welt heisst eben hier auch harte Arbeit: Wie viele andere Branchen, kämpft auch die Berglandwirtschaft und die Alpwirtschaft mit strukturellen und ökonomischen Problemen.
Ich möchte zunächst einen Aspekt hervorheben, der in heutiger Zeit aktueller ist und wichtiger wird denn je – und den ich eben bereits 1999 an Ihrer Delegiertenversammlung in Marbach aufgegriffen hatte: es handelte sich um die Nachhaltigkeit.
Liebe Älplerinnen und Älpler
Wenn Sie den Begriff „Nachhaltigkeit“ in eine Suchmaschine eingeben, so wird Ihr Computer über Millionen Treffer finden. Nachhaltigkeit ist ein Modebegriff geworden: Er kann heutzutage alles bedeuten – oder eben nichts (mehr). Doch der Begriff, der uns so modern erscheint, hat eine Bedeutung, die weit zurück liegt. „Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks“, schreibt der deutsche Autor Ulrich Grober. „Sie ist unser ursprüngliches Weltkulturerbe.“ Grober hat über die Nachhaltigkeit recherchiert und seine Entdeckungen in einem Buch festgehalten. Und weil die Geschichte der Nachhaltigkeit eine so spannende ist, erlaube ich mir zwei, drei Episoden aufzugreifen: Die Nachhaltigkeit als Überlebenskonzept ist im „Sonnengesang“ des Franz von Assisi genauso zu finden wie bei den griechischen Gelehrten sowie den Philosophen der Aufklärung, die im 18. Jahrhunderts wirkten. Da, wo man die „Rückkehr zur Natur“ predigte und in der die ersten Werke über unser Berg- und Hirtenland Schweiz entstanden.
Das Wort Nachhaltigkeit stammt übrigens auch aus dem 18. Jahrhundert: Ein sächsischer Adliger namens Hans Carl von Carlowitz war dermassen besorgt über den Raubbau am Wald und die kahlgeschlagenen Hügel des deutschen Erzgebirges, dass er 1713 das Konzept einer "nachhaltenden Nutzung" entwarf. So wurde vor 300 Jahren die „Nachhaltigkeit“ zum Leitbegriff und bezeichnet seither die Verpflichtung, Reserven für künftige Generationen „nachzuhalten“. Nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und soziale Sicherheit - haben die Schweizer Bergbauern und Älpler seit jeher, seit Jahrhunderten gelebt. Raubbau und Übernutzung gab es zwar vereinzelt auch hierzulande, sie wurden aber mit vernünftigen Regeln eingedämmt, sodass die Lebensgrundlagen nicht verloren gingen.
Wir sind heute – nicht nur in unserem Land - an einem Punkt angelangt, wo wir ungebremstes Wachstum hinterfragen. Dieser Aspekt wird bei der Abstimmung vom 9. Februar mitgespielt haben. Der Mensch in den industrialisierten Ländern besinnt sich wieder vermehrt auf seine Lebensgrundlagen, ist sich der Bedeutung der natürlichen Ressourcen bewusst. Bewusstsein alleine reicht nicht, es braucht den Willen dazu, mit den Ressourcen haushälterisch umzugehen. Deshalb hoffe ich, dass all die Trendforscher, die das Ende von der Wegwerf- hin zu einer Recycling-Gesellschaft voraussagen, für einmal Recht bekommen werden... - auch wenn ich zugegebenermassen skeptisch bin.
Das, was unsere Älpler über Jahrhunderte als selbstverständlich betrachtet haben, die Pflege der Landschaft mittels vernünftiger Bewirtschaftung, wird plötzlich zu einem hohen Gut, wird zum Politikum, wird zum Argument für die Alpwirtschaft. Es gilt, dieses wertvolle Pfand zu erhalten, nicht unbedacht aus der Hand zu geben. Dazu braucht es eine vernünftige Einstellung zur Ökologie. Oder noch besser gesagt, ein Verhalten, welches eben den Ausdruck „nachhaltig“ verdient. Es ist eine vordringliche Aufgabe von Gesellschaft und Politik, die wenigen intakten Lebensräume unseren Nachkommen zu erhalten. Das erfordert den schonenden Umgang mit diesen Lebensräumen. Dazu hat sich die offizielle Schweiz auch international verpflichtet: Am Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro setzte sich die Schweiz dafür ein, die Anliegen der Bergregionen im Schlussdokument zu verankern. Mit Erfolg: Die Armutsbekämpfung und die Erhaltung von Ökosystemen in Berggebieten waren Teil des Minimalkompromisses, auf den sich die Teilnehmerstaaten einigen konnten.
Meine Damen und Herren
Wir sind uns wohl einig, dass das Einkommen der Bergbauern in Zukunft sicher nicht über die Erzeugung von Massenprodukten erzielt werden kann. Dazu sind die Produktionsbedingungen trotz technologischem Fortschritte nach wie vor zu schwierig. Und gleichwohl wollen wir, dass die Berggebiete landwirtschaftlich bewirtschaftet werden. Die Infrastrukturen dazu sind inzwischen weitestgehend vorhanden. Dabei hat die öffentliche Hand mit Hilfestellungen in Form von Finanzierungen und Planungshilfen mitgeholfen. Es geht nun darum, mit diesen Infrastrukturen im veränderten Umfeld das Richtige machen. Tatsache ist aber, dass der Erfolg weiterhin über die Begriffe Qualität, Spezialproduktion, regionale Spezialitäten, Gütesiegel, Direktvermarktung, überbetrieblicher Zusammenarbeit zu suchen sind. Diese Strategie zahlt sich ganz offensichtlich aus: Noch vor zehn Jahren wurden 20 Prozent weniger Alpkäse abgesetzt als heute. Mit der Agrarpolitik 2014 – 2017 haben Bundesrat und Parlament erneut ein Zeichen gesetzt, indem sie Beiträge zugunsten der Berglandwirtschaft umverteilte: Mit den Alpungs-, Hang-, Versorgungssicherheits-, Biodiversitäts- sowie den Landschaftsqualitätsbeiträgen soll die Bewirtschaftung der Alpen attraktiver gemacht werden. Nun gilt es erst einmal abzuwarten, wie die neue AP wirkt. Selber bin ich hier allerdings eher skeptisch. Das Parlament hat es vermutlich ja schon gut gemeint. Aber, ich befürchte, dass das Ganze in einer noch grösseren Kontrollitis und einem noch grösseren Formularkrieg endet. Aus den Erfahrungen wird man dann lernen, allenfalls sind zu einem späteren Zeitpunkt Anpassungen vorzunehmen.
Nur wenn Menschen bereit sind, die Arbeit der Bewirtschaftung der Alpen zu übernehmen, wird die Bergregion auch für Mensch, Flora und Fauna attraktiv bleiben. Jährlich werden Sömmerungsweiden mit einer Fläche des Walensees zu Wald, weil sich die Bewirtschaftung von weniger rentabler Weiden nicht mehr lohnt. Damit geht nicht nur Kulturland verloren, sondern auch die Artenvielfalt. Hier muss ein Paradigmenwechsel einsetzen: Während man früher vor allem an den Schutz des Waldes dachte, geht es heute in umgekehrter Richtung darum, Kulturland zu schützen. Wald im Berggebiet sollte nicht noch mehr an Fläche zunehmen. Schafe und Ziegen sollen mithelfen, die Weiden zu putzen. Doch wo Schafe sind, sind auch Luchs und Wolf nicht weit weg. Als passionierter Jäger bin ich in dieser Frage, wie Sie, Partei. Nur, die Folgen für die Alpwirtschaft sind natürlich weit grösser als für uns Jäger. Es geht mir nicht um die paar Kilo Wildbret, die wir am Ende des Jahres weniger haben. Was mich viel mehr stört, ist die völlig neue Situation, die wir täglich im Revier antreffen. Früher konnte man Reh und Gams durchs ganze Frühjahr und über den Sommer regelmässig beobachten und sich ein gutes Bild über den Bestand und dessen Verfassung machen, bevor die Jagd begann. Heute sind die Tiere überaus rastlos und scheu geworden. Bereits vor vier Jahren habe beide Räte eine Motion überwiesen, die zulässt, den Wolf zu jagen, damit damit sein negativer Einfluss auf andere Arten in Grenzen gehalten werden kann und starke negative Auswirkungen auf Nutztiere, auf alle anderen Güter und auf Jagd und Tourismus verhindert werden können. Leider scheint es das zuständige Departement mit Auftrag des Parlaments nicht allzu eilig zu haben, wir warten immer noch… Aber Politik braucht bekanntlich einen langen Schnauf/Atem. Wir sind geduldig.
Liebe Älplerinnen und Älpler
Ein letzter Punkt. Mir scheint wichtig, dass die Bergbevölkerung, also Sie, nach wie vor mit der Bevölkerung aus Stadt und Agglomeration gut vertragen. Ein gegenseitiges freundliches Gespräch, ein aufmunterndes Wort zu einem Mitmenschen aus der Stadt kostet nichts, schafft aber unendlich viel Sympathie. Und auf diese Sympathie, auf die Wertschätzung ihrer Arbeit sind Sie angewiesen.
Es sind - wie ich aufzuzeigen versuchte - verschiedene Faktoren für eine erfolgreiche Zukunft der Alpwirtschaften verantwortlich. Es braucht Augenmass und gesunder Menschenverstand. Wir wollen nicht nur Heimatschutz betreiben, sondern den Bergbauernfamilien und Älplern eine gute Lebensgrundlage garantieren. In diesem Bewusstsein erwartet unsere Gesellschaft von den Bergbauern keine Hochleistungs-Agrarwirtschaft. Sie erwartet auch nicht, dass die Berglandwirtschaft ausschliesslich über ihre Produkte zu einem ausreichenden Einkommen kommt. Unsere Gesellschaft erwartet heute von Ihnen vielmehr eine ausgewogene Bewirtschaftung, eine sinnvolles Neben- und Miteinander von Nutzen und Schützen.
Einleitend habe ich gesagt, kaum jemand könnte sich eine Schweiz ohne Alpkäsereien vorstellen. Die Alpwirtschaft gehört zur Schweiz, sie hat etwas Faszinierendes, die Hütten, Weiden, Kühe und Rinder sind typisch schweizerisch. Würde in einigen Jahren eine ähnliche Umfrage gemacht, wären die Resultate die gleichen. Daran zweifle ich nicht. Denn ohne Alpwirtschaften würde unserem Land ein grosses und schönes, vielleicht sogar das schönste Stück Schweiz verloren gehen. Das wollen wir sicher nicht. Deshalb braucht die Schweiz auch in Zukunft Älplerinnen und Älpler und Bergbauern.
Ich danke Ihnen für Ihr Engagement und wünsche Ihnen alles Gute in Haus, Hof, Stall und auf der Weide und einen guten Alpsommer.