Das gesprochene Wort gilt
Sehr geehrte Frau Präsidentin
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Bundes-, Kantons- und Gemeindebehörden
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Kantonalverbände und der Rettungsorganisationen
Werte Freiwillige
Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Eröffnungsfeier
Geschätztes Publikum
Vor 150 Jahren haben sich Schweizer Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Militär im Ständeratssaal zusammengefunden, um das Schweizerische Rote Kreuz zu gründen. Dieser Saal war damals im Bundeshaus West angesiedelt, da es das Parlamentsgebäude noch gar nicht gab. Heute, liebe Freiwillige und Angestellte des Schweizerischen Roten Kreuzes, sind Sie nach Bern gekommen, um die Feierlichkeiten zum 150-Jahr-Jubiläum dieser Gründung zu eröffnen.
Das 1866 gegründete Schweizerische Rote Kreuz hatte eine Hauptmission, nämlich schweizerische Wehrmänner und deren Familien in Kriegszeiten zu unterstützen. Der Gründungsakt des SRK und die Anerkennung dieser humanitären Organisation durch den Bund schufen von Beginn weg eine besondere und enge Beziehung zwischen dem SRK und unserem Land, eine Beziehung, die bis heute anhält. Über seinen Rotkreuzdienst erfüllt das SRK immer noch seine ursprüngliche Mission und unterstützt den Sanitätsdienst der Armee.
Der erste Einsatz leistete das SRK allerdings nicht für Schweizer Wehrmänner, sondern für die Soldaten der französischen Ostarmee, der sogenannten Bourbaki-Armee. Behörden, Armee und Rotes Kreuz bündelten ihre Kräfte und internierten im Februar 1871 mehr als 87'000 Soldaten in der Schweiz – dies entspricht rund drei Prozent unserer damaligen Bevölkerung. Die erschöpften, schlecht ausgestatteten, oftmals kranken, unterernährten und vom Krieg gezeichneten Soldaten wurden im ganzen Land untergebracht, verarztet, verpflegt und mit Kleidern versorgt. Die Bevölkerung beteiligte sich an dieser Aktion, indem sie diesen Menschen ihre Türen öffnete und sich grosszügig zeigte.
Schauen Sie die das Rundgemälde von Edouard Castres im Bourbaki-Panorama in Luzern,die Bilder von Auguste Bachelin oder von Albert Anker zu diesem Krieg. Entdecken Sie den neuen, im vergangenen Jahr in Les Verrières eröffneten didaktischen Rundgang. Dann werden Sie sich sicherlich bewusst, wie sehr der Zustand dieser notleidenden Soldaten, dieser ersten Kriegsopfer, Mitleid erregen musste. Diese Gemälde verewigen zwar den ersten humanitären Grosseinsatz unseres Landes und seines Roten Kreuzes, führen uns aber gleichzeitig auch vor Augen, was für eine Tragödie der Krieg ist. So erinnert uns die Kunst daran, wie wichtig es ist, den Menschen zu achten und mit den Schwächsten solidarisch zu sein.
Auch heute noch werden wir mit den Kriegsgräueln und dem unbeschreiblichen Leid der Opfer konfrontiert. Geändert hat sich jedoch, dass die heutigen Konfliktopfer vor allem Zivilisten sind, die ihres Heimes, ihrer Lebensgrundlage und sämtlicher Perspektiven beraubt werden. Nicht geändert hat sich, dass das Rote Kreuz und der Rote Halbmond weiterhin alles dafür tun, um deren Leid zu lindern. Auch das Schweizerische Rote Kreuz trägt dazu bei, Personen, die ihre Hoffnung in unsere Grosszügigkeit setzen, Sicherheit und menschliche Lebensbedingungen zu gewährleisten. Es tut dies wie bereits in den zwei Weltkriegen oder bei der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer in engem Kontakt mit den Behörden oder gar in deren Auftrag, es tut dies mit Respekt gegenüber seinen Partnern, die für die notleidenden Personen Verantwortung übernehmen.
Das Schweizerische Rote Kreuz, vor 150 Jahren auf Anregung von General Dufour und Bundesrat Dubs gegründet und von hochrangigen Vertretern unseres Landes getragen, hatte eine schwierige Anfangsphase. Nach dem erfolgreichen Hilfseinsatz zur Versorgung der Bourbaki-Armee verfiel die Organisation in eine längere Lethargie, bis sie 1882 – diesmal von der Basis her – zu neuem Leben erweckt wurde. Mit dieser Neugründung wurde das Fundament für den dauerhaften Erfolg des Schweizerischen Roten Kreuzes gelegt: In der ganzen Bevölkerung verankert, von unzähligen Freiwilligen unterstützt, konnte es seinen Wirkungskreis weit über die ursprüngliche Soldatenhilfe hinaus erweitern.
Im Laufe der Zeit hat sich Schweizerische Rote Kreuz landesweit entwickelt. Seine föderalistische Struktur gleicht in vielerlei Hinsicht der Struktur unseres Bundesstaates. Das hat zur Folge, dass es dort einspringen kann, wo der Staat Lücken aufweist, wie dies anfänglich etwa bei den Samariterkursen oder bei der Krankenpflege-Ausbildung der Fall war. Das Schweizerische Rote Kreuz ist somit zu einer Organisation geworden, die im Dienste der ganzen Bevölkerung, im Dienste der Schwachen und Armen in der Schweiz und im Ausland steht und die gleichzeitig eine unerlässliche Partnerin der Behörden bei der Erfüllung ihres humanitären Auftrags geblieben ist. Das Schweizerische Rote Kreuz ist in den Bereichen Gesundheit, soziale Integration, Rettung und Entwicklung tätig und hat es immer wieder verstanden, sich den neuen Anforderungen und Bedürfnissen anzupassen, und es stellt immer wieder unter Beweis, wie nützlich, ja unerlässlich es ist.
Alle, die am heutigen 2. April hier auf dem Bundesplatz versammelt sind, stehen für das, was das Schweizerische Rote Kreuz und seinen Sinn und Zweck ausmacht. Es sind dies Frauen und Männer, junge und weniger junge, die sich einsetzen für Schutz- und Betreuungsbedürftige, für Menschen, die gesundheitlich geschwächt sind, für Menschen, die um ihr Leben bangen müssen, für Menschen, deren Würde gefährdet ist. Alle, die hier versammelt sind, wirken im Sinne von Henry Dunant, leben tagtäglich die Prinzipien der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. Sie leben dieses Rote Kreuz, das nach den Worten von Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen «das schönste Geschenk ist, das die Schweiz der Völkergemeinschaft gemacht hat».
Ohne das Engagement der Freiwilligen des Roten Kreuzes wäre unser Land ärmer – es gäbe weniger menschliche Wärme, weniger Sicherheit und weniger Sinn fürs Gemeinwohl. Alle – die Fahrer im Transportdienst, die Jungen, die sich um ältere Personen oder um Asylsuchende kümmern, die Samariter, die Retter, die Ausbildenden, die Mitglieder des Militärsanitätsverbandes, die Such- und Rettungshundeführer, die Freiwilligen, die sich in den Dienst der Betagten, der Menschen mit Behinderung oder der Familien stellen, und natürlich auch die Mitglieder der Vorstände – sie alle stellen ihre Zeit, ihr Wissen, ihr Wohlwollen dem Mitmenschen zur Verfügung, ohne dafür die geringste Belohnung zu erwarten oder zu verlangen.
Die Bundesbehörden sind sich sehr wohl bewusst, welche Bedeutung und welcher Wert dieser Arbeit zukommen. Ohne die Hilfsbereitschaft ihrer Bevölkerung wäre die Schweiz nicht das, was sie heute ist. Ohne ihre humanitären Werte hätte sie keine Strahlkraft in der Welt. Das Schweizerische Rote Kreuz war schon immer ein Eckpfeiler der humanitären Schweiz.
In Anbetracht der Krisen und Kriege die Millionen von Menschen zur Flucht treiben, sollte die Schweiz eine Botschaft des Friedens und der Menschlichkeit aussenden. Wir Schweizer und Schweizerinnen haben eine moralische Verpflichtung gegenüber denjenigen, die das Rote Kreuz vor anderthalb Jahrhundert gegründet haben: wir müssen unsere humanitäre Tradition leben, ohne uns zu verschliessen oder uns von der Angst leiten zu lassen. Wir müssen unsere Vorfahren ehren, in dem wir die Idee einer offenen und grosszügigen Schweiz fortführen. Ich wünsche mir, dass die Schweiz und das Rote Kreuz weiterhin diese humanitären Werte hochhalten und so Leuchttürme bleiben, in einer Welt in welcher die Dunkelheit gelegentlich Überhand zu nehmen droht.
Lang lebe das Schweizerische Rote Kreuz! Ein Hoch auf seine Freiwilligen und seine Fachkräfte!