26. Januar 2012

Es gilt das gesprochene Wort 

 

Grusswort von Ständeratspräsident Hans Altherr

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

 

Ich begrüsse Sie herzlich! Es ist schön, auch alt bekannte Gesichter wieder einmal hier in Bern zu sehen. Sie verfolgen mit Sicherheit aktiv das Geschehen im Bundeshaus und ich kann Ihnen versichern, wir sind gut in die zweite Session der 49. Legislatur gestartet. Die neuen Ratsmitglieder scheinen sich eingelebt und ihren Platz gefunden zu haben. Eine Bilanz wäre noch etwas verfrüht, aber es wird interessant zu sehen sein, wo das neue Parlament in den nächsten vier Jahren seine Schwerpunkte setzen wird.

Für mein Präsidialjahr habe ich das Motto „Small ist beautiful“ gewählt. Nun, die Wahl mag Sie nicht wirklich erstaunen: Bin ich doch Mitglied der kleinen Kammer und komme aus einem Kanton mit überschaubaren 243 Quadratkilometern. Das kleine Ausserrhoden ist Teil einer kleinstrukturierten, jedoch wundervollen und vielseitigen Schweiz. Der Österreicher Leopold Kohr (1909 – 1994), der Begründer der small is beautiful-Philosophie“, sagte einmal über unser Land: Die Grösse der Schweiz bestehe darin, dass, sogar wenn sie von Dummköpfen regiert würde, sie nicht untergehen könne, so gesund und grossartig sei ihre kantonale Struktur, die das Grosse aufteilt in Kleines, innerhalb dessen Grenzen man alles überblicken könne.

Man mag jetzt vielleicht einwenden, Kleinräumigkeit führe zu Engstirnigkeit, sei provinziell, rückständig, altmodisch. Man kann das auch ganz anders sehen: Die kurzen Distanzen zu Gemeinde-, Regions-, Kantons- oder zur Landesgrenze machen es einem ganz einfach, einen Blick darüber zu werfen, um zu sehen, was sich beim Nachbarn tut. Während des Besuchs des Präsidenten des Deutschen Bundesrates (Horst Seehofer) vor wenigen Wochen, sagte mir der Gesandte der Deutschen Botschaft (Eberhard von Schubert): Er sei immer wieder erstaunt darüber, wie gut die Schweizer über sein Land Bescheid wüssten.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

Die Welt ist auf Kleinem aufgebaut. Darauf verwies bereits im Altertum der Philosoph Protagoras und er ersann die Formel: „Der Mensch ist das Mass aller Dinge; der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden das sie nicht sind“. Oder einfacher ausgedrückt: Der Mensch ist das Mass aller Dinge, auf den alles zugeschnitten sein muss. Die logische Folge davon ist, dass Probleme auf der untersten möglichen Ebene gelöst werden sollten: in der Familie, im Quartier, in der Gemeinde, im Kanton, beim Bund und letztlich auf internationaler Ebene. Aus diesem Verständnis von Subsidiarität erwächst die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass small auch beautiful bleibt.

Leopold Kohrs Plädoyer „von der richtigen Grösse“ ist mittlerweile über 50 Jahre alt – und vermutlich aktueller denn je. Er glaubte, wo immer etwas fehlerhaft sei, sei es zu gross. Man kann sich deshalb durchaus die Frage stellen, ob das ungebremste Streben nach Wachstum von Wirtschaft und Politik nicht für Probleme und Krisen verantwortlich sind, in der viele Länder (die Welt) heute stecken. Vielleicht hat nicht zu geringes Wachstum diese Krisen verursacht, sondern zu viel davon. Auch in der Schweiz musste ja diesbezüglich korrigierend eingegriffen werden (Too big to fail-Vorlage, neue Strategie der UBS).

Der Lebensraum und die harten Lebensbedingungen haben unsere Vorfahren geprägt. Sie mussten sich in Voraussicht und Bescheidenheit üben. Daraus hat sich eine schweizerische Art von „Understatement“ entwickelt. Und damit sind wir bis anhin gut gefahren. Angesichts global wirkender Kräfte entzieht sich natürlich vieles den Gestaltungsmöglichkeiten unseres Landes. Die Schweiz nimmt sich jedoch dieser Herausforderungen an und trägt das ihre zur Lösung weltweiter Probleme bei.

 

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

Die Schweiz soll ihre Vielfalt auf engstem Raum wahren, stärken und weiterentwickeln können. Unsere kulturell-pluralistische Willensnation hat ihren Ursprung in einem Bündnis von Gleichgesinnten. „Der Grund ihrer Solidarität war nicht die kollektive Macht, sondern die Autonomie jedes Einzelnen“: ein passendes Schlusswort des Neuenburger Philosophen Denis de Rougemont.

 

Ich freue mich nun auf anregende Gespräche mit Ihnen und wünsche einen guten Appetit. Danke.