Im Januar 2003 haben Fritz Schiesser und ich an der 50-Jahr-Feier des indischen Parlamentes teilgenommen und war berührt, mit welcher Selbstverständlichkeit - ja, mit welchem Selbstbewusstsein - die Inder ihre Flagge und ihre Nationalhymne in diesen Festanlass integriert haben. Es war beeindruckend zu sehen und zu hören, wie der damalige Ministerpräsident Herr Vajpayee zusammen mit der Oppositionsführerin Frau Sonia Gandhi im Chor und unter den Porträts von Nehru und Gandhi die Nationalhymne gesungen haben. Damals habe ich mir gesagt: Von diesem gesunden Patriotismus möchte ich auch etwas in mein Präsidialjahr einbauen. Und so ist es denn auch gekommen: Schon der Start in die neue Legislatur mit der Schweizer Fahne und dem Singen der Hymne im Nationalratssaal hat zu reden und schreiben gegeben.
Am 1. August hatte ich das Vergnügen, an der Einweihung des neuen Bundesplatzes teilzunehmen. Zugegeben, an diesem gelungenen Anlass erklang keine Landeshymne, aber das Plätschern des neuen Wasserspiels gefällt mir durchaus auch und hat mich sofort an Aufgabe und Arbeit des Parlamentes erinnert: Genauso wie das Wasser gelegentlich sprudelt, sprudelt es hin und wieder auch im Parlament. Manchmal plätschert der Ratsbetrieb nur leise, um dann in einem wilden Tosen zu enden. Dann und wann versickert auch in den Räten etwas. So wie das Wasser jedoch immer nach unten fliesst, so muss auch das Parlament - zusammen mit den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern, zusammen mit der Bevölkerung - immer wieder versuchen, eine gemeinsame Richtung zu finden, in welche sich die Schweiz in Zukunft bewegen soll. Ich danke dem ehemaligen Ständeratspräsidenten Arthur Hänsenberger dafür, dass er seine Jury dazu gebracht hat, sich für dieses aussergewöhnliche Projekt zu entscheiden. Das Wasserspiel können Sie übrigens heute ab 14 Uhr bewundern.
Fast schon traditionellerweise organisierten die Parlamentsdienste am Nationalfeiertag einen Tag der offenen Türen. In dessen Rahmen stellten sich mein Kollege, Ständeratspräsident Fritz Schiesser, und ich den Fragen des Publikums. Sie glauben es kaum: Der Nationalratssaal war voll, und die Gäste waren ruhig, so wie ich mir eigentlich den idealen Ratsbetrieb vorstelle. Als sich all die Leute im Saal beim Erklingen der Nationalhymne von sich aus erhoben, war ich wirklich berührt.
Am 17. März 2004 jährte sich die Weimarer Uraufführung von Schillers Willhelm Tell zum 200. Mal. Durch Goethes Vermittlung, der den Tell-Stoff am Vierwaldstättersee entdeckte, hat Friedrich Schiller in Weimar ein Schauspiel geschrieben, das dem legendären Urner Helden und der Landschaft der Urschweiz ein literarisches Denkmal setzen sollte. Die Aufführung des Deutschen Nationaltheaters auf dem Rütli, auf dieser historischen Stätte, mitten in dieser imposanten Landschaft, hat mich enorm beeindruckt.
Was will ich damit sagen? Die erwähnten Ereignisse hatten alle einen durchaus patriotischen Charakter. Sie waren Publikumsmagnete und haben die Medien zu umfangreicher und in aller Regel erst noch positiver Berichterstattung inspiriert. Also kann ein normales Mass an Patriotismus so schlecht nicht sein. Auch in diesem Sinne bin ich überzeugt, dass wir in einem Land leben, zu dem wir stehen dürfen. Und das sollten wir eigentlich mit etwas mehr Selbstbewusstsein tun – so wie die Inder.