Die Krise zeige Verletzlichkeit auf, sagte Cassis zunächst. Aber gerade in einer Zeit der Verletzlichkeit und einer drohenden Polarisierung, "müssen wir uns darauf besinnen, was uns verbindet, was den nationalen Zusammenhang ausmacht". Jede Krise helfe auch, sich selber besser zu verstehen und auf andere zuzugehen.
"Wir wissen es gut, unsere Kohäsion ist eine permanente Herausforderung", sagte Cassis in Anspielung an die unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Religionen im Land. "Aber diese Herausforderung ist unser Motor, unsere Raison d'être." Diese Pluralität sei kein Luxus, aber ein "grosser Reichtum", sagte Cassis. Vielfalt schaffe Ideenreichtum, durch Pluralität entstehe Innovation. Es sei kein Zufall, dass die Schweiz eines der innovativsten Länder sei, sagte der Tessiner.
Was für das Individuum gelte, gelte auch für das Land. Vielfalt erfordere Energie, Engagement, Frustrationstoleranz. Aber auch die Fähigkeit, sich immer wieder in die Haut des anderen zu versetzen und bereit zu sein, auf etwas zu verzichten. "Damit sich auch das Gegenüber bewegt."
"In Achtung der Vielfalt zu leben - das ist ein ständiger Willensakt der Schweiz", sagte Cassis. Im Laufe der Jahrhunderte habe dies Sicherheit, Wohlstand und Unabhängigkeit gesichert. "Ich wünsche mir, dass dieser Akt des Willens auch nächstes Jahr gelebt wird", sagte der Bundespräsident des Jahres 2022.