Wie schon 2019 mit dem Angriff von Regula Rytz auf Ignazio Cassis haben die Grünen beschlossen, mit dem Freiburger Nationalrat Gerhard Andrey eine Kampfkandidatur zu lancieren. Damit wollen sie einen der zwei FDP-Sitze ergattern, weil die Freisinnigen nach Meinung der Grünen im Bundesrat überrepräsentiert sind.
Einen amtierenden Bundesrat zu stürzen, ist jedoch äusserst selten. Seit 1848 ist dies nur vier Mal vorgekommen. Zwei Fälle gehen gar auf das 19. Jahrhundert zurück: 1845 wurde der Berner Ulrich Ochsenbein nicht wiedergewählt. 1872 traf es den Genfer Jean-Jacques Challet-Venel.
Wahl und Nichtwiederwahl Blochers
Weniger lange her ist der Fall von CVP-Bundesrätin Ruth Metzler, die 2003 von SVP-Übervater Christoph Blocher aus ihrem Amt gedrängt wurde. Damals deuteten die Wahlerfolge der SVP darauf hin, dass eines der beiden CVP-Regierungsmitglieder bei der Wiederwahl scheitern würde.
Die Partei war gerade unter 15 Prozent Wähleranteil gefallen, während die SVP 2003 zum ersten Mal die stärkste Partei unter der Bundeshauskuppel wurde und im Namen der Konkordanz einen zweiten Sitz beanspruchte.
Blocher hingegen wurde vier Jahre später selbst nicht wiedergewählt. Der Plan wurde vom rot-grünen Lager mit Unterstützung der CVP ausgeheckt. Der Zürcher war wegen seiner mangelnden Kollegialität in der Regierung umstritten und verlor mit 115 zu 125 Stimmen gegen Eveline Widmer-Schlumpf. Das Ereignis führte zu einer Krise innerhalb der SVP.
SVP-Sprengkandidaturen nach 2008
Die Svp und ihre beiden gewählten Bundesratsmitglieder trennten sich daraufhin. Die Bündnerin und der Berner Samuel Schmid wechselten unter das Banner der BDP. Von Juni bis Dezember 2008, als Schmid zurücktrat, war die SVP, die fast 29 Prozent der Wählerschaft im Parlament vertrat, nicht im Bundesrat repräsentiert.
Die Wahl von Ueli Maurer in den Bundesrat reichte nicht aus, um diese Wunden zu heilen. Die SVP forderte immer wieder die nicht mehr eingehaltene Zauberformel ein. Im September 2010 griff die Partei mit dem ehemaligen Nationalrat Jean-François Rime (FR) die beiden von Moritz Leuenberger (SP) und Hans-Rudolf Merz (FDP) frei gewordenen Sitze an.
Im Dezember 2011 versuchte es die SVP erneut mit demselben Kandidaten, nachdem es ihr nicht gelungen war, Eveline Widmer-Schlumpf aus dem Amt zu drängen. Rime kämpfte um mehrere Sitze von amtierenden Bundesräten. Aber jedes Mal ohne Erfolg. Nach dem Rücktritt von Widmer-Schlumpf kehrte das Parlament 2015 schliesslich zu einer getreueren Darstellung der Wählerstärke der Parteien zurück.
SP-Frauen unter Beschuss
Weitere Angriffe von Parteien gegen offizielle Kandidierende gab es in der jüngeren Geschichte bei Frauen-Kandidaturen. Vor allem die Rechte zögerte nicht, gegen Frauen der SP vorzugehen.
Im Jahr 1993 wurde die Genfer Gewerkschafterin Christiane Brunner, die offizielle Kandidatin der SP, von ihrem Parteikollegen Francis Matthey aus Neuenburg überholt. Letzterer verzichtete schliesslich eine Woche später auf seine Wahl - auch dies eine Seltenheit in der Geschichte des Landes.
Zehn Jahre zuvor war es die Zürcher SP-Politikerin Lilian Uchtenhagen, die als erste Frau für den Bundesrat kandidierte und dabei den Kürzeren zog. Sie war bei der Rechten unbeliebt und wurde zugunsten des konsensorientierteren Solothurners Otto Stich verdrängt. In diesem Zusammenhang wurde übrigens die "Nacht der langen Messer" zum ersten Mal in der Schweiz erwähnt.