(sda) Am heutigen Mittwoch kämpfen der Stadtbasler Beat Jans und der Bündner Jon Pult um den zweiten Bundesratssitz der SP. Fast auf den Tag genau vor achtzig Jahren, am 15. Dezember 1943, zogen die Sozialdemokraten nach der Wahl des Zürchers Ernst Nobs ein erstes Mal in die Landesregierung ein.

Seit der Gründung der Sozialdemokratischen Partei (SP) der Schweiz 1888 in Bern wurde über eine sozialdemokratische Beteiligung im Bundesrat diskutiert. 1929 schliesslich forderte die SP erstmals offiziell einen Sitz im Bundesrat.

Eine Regierungsbeteiligung wurde jedoch erst ab Mitte der 1930er-Jahre ernsthaft in Betracht gezogen. Mit der Einführung des Proporzsystems im Jahr 1919 konnte die SP ihre Präsenz in den Parlamentskammern nach und nach ausbauen. Im Jahr 1935 eroberten die Sozialdemokraten fünfzig Sitze im Nationalrat und wurden damit zur stärksten Fraktion in der Volkskammer.

Dieser Erfolg reichte jedoch nicht aus, um gegen einen geeinten bürgerlichen Block anzukommen. Der linke Flügel der SP war zudem davon überzeugt, dass die Teilnahme an einer von den bürgerlichen Parteien dominierten Landesregierung die SP zu unannehmbaren Kompromissen zwingen würde, die ihre Glaubwürdigkeit untergraben.

In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre änderte sich die Lage durch die Bedrohung des deutschen Nationalsozialismus und des italienischen Faschismus rasch. Die Blöcke in der Schweizer Regierung näherten sich an, ohne dass jedoch die bürgerliche Mehrheit eine sozialdemokratische Beteiligung in der Regierung akzeptierte.

Wendepunkt 1943

Die Wende im Zweiten Weltkrieg 1942/1943 und die absehbare Niederlage Nazi-Deutschlands belebten in der Schweiz Diskussionen über Sozialreformen und politische Machtverhältnisse. Die SP setzte sich für die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) ein, was sich bei den Nationalratswahlen im Oktober 1943 auszahlte. Mit 56 Sitzen im Nationalrat und sechs Sitzen im Ständerat erreichte die Vertretung der SP in den Räten einen Höchststand.

Die bürgerlichen Parteien stimmten daraufhin dem Einzug eines Sozialdemokraten in die Landesregierung zu. Innerhalb der SP kam es zu Diskussionen zwischen Befürwortern, hauptsächlich Gewerkschafter, und Gegnern, vor allem in der Parteiführung. Die Parlamentsfraktion entschied sich schliesslich für die Kandidatur des Zürcher Stadtpräsidenten Ernst Nobs.

Mann des gesellschaftlichen Ausgleichs

Nobs war bereits 1918 für seinen Aufruf zum Generalstreik, der ihn ins Gefängnis brachte, bekannt geworden. In den 1920er-Jahren lockerte er seine Positionen, bis er zum Mann des gesellschaftlichen Ausgleichs wurde. Wegen des Aufstiegs des Faschismus suchte er die Zusammenarbeit mit einem Teil der gewählten bürgerlichen Politiker.

Am 15. Dezember 1943 wurde Nobs mit 122 von 181 gültigen Stimmen in den Bundesrat gewählt und trat die Nachfolge des Zürcher Freisinnigen Ernst Wetter aus Winterthur an. Ein Sozialdemokrat mit einer grundlegend anderen Auffassung sitze nun im Bundesrat, der ab jetzt einen Gegner in seinen Reihen habe, kommentierte die sozialdemokratische Zürcher Tageszeitung "Volksrecht".

Nobs gehörte dem Bundesrat während zwei Legislaturperioden an. Seine Amtszeit war geprägt von der Einführung der AHV im Jahr 1947. Sein SP-Nachfolger Max Weber, ebenfalls aus Zürich, trat 1953 zurück, nachdem er eine Volksabstimmung über die neue Finanzordnung des Bundes verloren hatte.

Zwei Sitze dank "Zauberformel"

Den freigewordenen Sitz eroberten die Katholisch-Konservativen. Die SP musste sich bis zum Dezember 1959 gedulden, um wieder einen Sitz im Bundesrat zu erhalten. Damals erhielt sie zwei Sitze. Es war der Beginn der "Zauberformel".

Trotz Krisen - wie jener 1993, als das Parlament den Neuenburger Francis Matthey der offiziellen Parteikandidatin Christiane Brunner aus Genf vorzog - und regelmässigen Aufforderungen, in die Opposition zu gehen, blieb die SP immer mit zwei Sitzen in der Regierung. Insgesamt waren bisher 15 Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Bundesrat vertreten.