4. bis 7. Mai 2015

Ständeratspräsident Claude Hêche (SP/JU) weilte von 4. bis 7. Mai 2015 zu einem offiziellen Besuch in Rom. Er kam dort mit dem Präsidenten des italienischen Senats, Pietro Grasso, zusammen und führte Gespräche mit mehreren Senatoren, darunter der im Auslandswahlkreis gewählte und in der Schweiz wohnhafte Claudio Micheloni. Ausserdem besuchte er das Schweizerische Institut sowie die Schweizer Schule und wohnte der Vereidigung der neuen Rekruten der Schweizergarde im Vatikan bei. Bei der päpstlichen Generalaudienz am Mittwoch, 6. Mai, konnte der Ständeratspräsident ein paar Worte mit Papst Franziskus wechseln. Er lud ihn bei dieser Gelegenheit in die Schweiz ein.

Das Treffen mit Senatspräsident Pietro Grasso fand am Montag, 4. Mai, in sehr freundschaftlicher Atmosphäre statt. Grasso kennt die Schweiz aus seiner Zeit als Richter und als Dozent an der Universität der italienischen Schweiz (USI). Dabei ist ihm die hervorragende Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Italien bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität in Erinnerung geblieben.

Claude Hêche nutzte das Treffen, um zu betonen, wie wichtig die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind. Mit der Abstimmung von 9. Februar 2014 sei die Lage der Schweiz etwas komplizierter geworden. Einerseits sei der Wille des Volkes zu respektieren, andererseits sei es unerlässlich, mit der EU über verschiedene aktuelle Themen (Energie-, Verkehrs- und Steuerpolitik) im Gespräch zu bleiben. Der Abschluss eines Abkommens über die Besteuerung der Grenzgängerinnen und Grenzgänger noch vor dem Sommer wäre für die Bürgerinnen und Bürger beispielsweise ein deutliches Signal. Die Schweiz habe enorme Anstrengungen unternommen, um die in der Schweiz verbreitete Haltung gegenüber dem Bankgeheimnis grundlegend zu ändern.

Im Bereich der Verkehrspolitik und der Kultur pflegen die Schweiz und Italien sehr enge Beziehungen. Der Bau der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale, die im Juni 2016 eröffnet wird, zeige, so Hêche, wie viel die Schweiz im Herzen Europas für den Eisenbahnkorridor Rotterdam-Genua leiste, insbesondere in wirtschaftlicher und umweltpolitischer Hinsicht.

Ständeratspräsident Hêche zeigte sich zudem betroffen über die Flüchtlingsdramen, die sich derzeit im Mittelmeer abspielen. Tagtäglich träfen in Süditalien zahlreiche Migrantinnen und Migranten ein. Es sei wichtig, dass die EU einen Plan für eine gezielte und gemeinsame Aktion aller EU-Mitgliedsstaaten vorlege.

Das Thema Migration stand auch im Mittelpunkt des Gesprächs mit Pier Ferdinando Casini, dem Präsidenten des III. Ausschusses (auswärtige Angelegenheiten, Migration) des italienischen Senats. Es bestand Einigkeit darüber, dass es wichtig ist, in die Bildung und in die Integration der Jugendlichen in ihren Herkunftsländern zu investieren. Laut Claude Hêche sei man sich dessen in der EU wie auch in der Schweiz aber noch nicht ausreichend bewusst. Casini erklärte, dass auch im Bereich der Sicherheit zusätzliche Investitionen notwendig seien, namentlich im Bereich der Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Diese zeichne oft für die dramatischen Mittelmeerüberquerungen der Flüchtlinge verantwortlich.

Ständeratspräsident Hêche traf auch die Vizepräsidentin des Senats, Valeria Fedeli, und Senator Claudio Micheloni zu einem Gespräch. Nach einem kurzen Austausch über die Themen, die für beide Länder von Bedeutung sind, sprachen die drei Politiker über die politische Situation Italiens, namentlich über die Lage des Partito Democratico, der 2007 gegründeten Mitte-Links-Partei, und über den ebenfalls dieser Partei angehörenden italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Als Micheloni Hêche die aktuelle Reform des italienischen Senats erläuterte, zeigte sich der Ständeratspräsident überrascht, dass ein Land wie Italien auf ein echtes Zweikammersystem und insbesondere auf die Budgetkompetenz des Senats verzichtet. Dies sei, so Hêche, ein starkes politisches Signal.

Die Schweizer Botschaft in Rom organisierte am Abend des 4. Mai eine Konferenz zum Thema «Wie sind direkte Demokratie und EU-Politik miteinander vereinbar?». Diese Konferenz stand Studierenden, Politikerinnen und Politikern sowie Botschafterinnen und Botschaftern offen. Nach einer allgemeinen Einführung des Schweizer Botschafters in Italien, Giancarlo Kessler, präsentierte Professor Alexander Trechsel vom Europäischen Hochschulinstitut kurz die Grundlagen und die Praxis des politischen Systems der Schweiz. Ständeratspräsident Claude Hêche erläuterte anschliessend die politische Vision der Schweiz und sprach über den kommenden Wahlkampf in seinem Land. Der italienische Senator Claudio Micheloni schloss die Konferenz mit einem Vergleich des politischen Systems der Schweiz mit jenem Italiens. In der Fragerunde war das zentrale Thema, ob es notwendig ist, der direkten Demokratie Grenzen zu setzen.

Ferner besuchte Claude Hêche das Schweizerische Institut in Rom (Istituto Svizzero di Roma; ISR). Dort betonte er, wie wichtig Kunst und Kultur für die politische Bewusstseinsbildung sind. Für Hêche ist dieses Institut, das über eine eigene Bibliothek verfügt und an dem Studierende forschen können, der ideale Inspirationsort.

Auch die Schweizer Schule in Rom (SSR) hat den Ständeratspräsidenten empfangen. Thomas Schädler, seit 2012 der Direktor der Schule, orientierte über verschiedene aktuelle Probleme der Schule. So müssen unter anderem neue Räumlichkeiten für die Sekundarstufe gefunden werden. Die SSR liegt im Zentrum von Rom und ist eine von Italien anerkannte Privatschule mit 500 Schülerinnen und Schülern zwischen 3 Jahren und dem Maturitätsalter.  Diese werden nach einem Schweizer Lehrplan, d. h. den Richtlinien des Kantons St. Gallen, unterwiesen, wobei der Unterricht auf Deutsch und Italienisch erfolgt. In den Augen von Hêche ist dies ein schönes Beispiel für Multikulturalität und die Vielfalt der Schweiz.

Zum Abschluss seines Besuchs wohnte Ständeratspräsident Hêche am 6. Mai der Vereidigung der neuen Rekruten der Päpstlichen Schweizergarde bei. Es war dies ein bewegender Anlass, an dem universelle Begriffe wie Friede und Hoffnung verschiedentlich zur Sprache kamen. Die Verneigung vor dem Papst während der Generalaudienz auf dem Petersplatz, der so genannte «Ringkuss», war für Claude Hêche ein aussergewöhnlicher Moment. Er lud den Pontifex bei dieser Gelegenheit in die Schweiz und in den Jura ein.

Der Besuch in Italien, einem wichtigen Handelspartner der Schweiz, förderte das Bewusstsein für das, was die beiden Länder verbindet, d. h. die Sprache, die Kultur und die gemeinsamen demokratischen Werte. Ziel dieses Besuchs war es, die zahlreichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte zwischen den beiden Ländern auszubauen.

Der Ständeratspräsident wurde begleitet vom Schweizer Botschafter in Rom, Giancarlo Kessler, sowie vom Schweizer Botschafter beim Heiligen Stuhl, Pierre-Yves Fux.