Im Nationalratssaal spriessen die Pflanzen nicht nur im Frühling, sondern das ganze Jahr. Auf den Sitzen der Ständeräte findet man kunstvoll geschnitzte Pflanzen, die oft einen Bezug zum jeweiligen Kanton haben.

Si le printemps éclot fin mars, c’est toute l’année qu’il fleurit dans la salle du Conseil national. Les sièges des conseillers aux Etats y sont chacun ornés de plantes sculptées dans le bois, et évoquant des éléments spécifiques au canton. 

​Kanton Graubünden (GR)

Auf dem linken Ständeratssitz sehen wir eine Tränenkiefer, an deren Fuss eine sich windende Schlange (Kreuzotter?) vom Steinadler gepackt wird. Den rechten Sitz ziert eine nicht identifizierbare Föhren-Art, eventuell die Gemeine oder eine Bergföhre mit sehr kleinen Zapfen im Vergleich zur Nadellänge. An deren Grund faucht in der linken unteren Ecke eine Schlange einen schönen Braunbären an.

Um 1900, als diese Darstellungen geschaffen wurden, war der Bär in Graubünden weitgehen ausgerottet; das allerletzte Tier wurde 1904 im Val S-charl erlegt, im Gebiet des heutigen Nationalparks. Auch der Steinadler war um 1900 wegen intensiver Bejagung stark gefährdet. 1904 wurde die Gründung des Schweizerischen Nationalparks angeregt und 1914 verwirklicht; dank dieser Schutzmassnahme hat der Steinadler im Gebiet überlebt.
Das Motiv des Adlers, der eine Schlange besiegt, wurde aus vorchristlicher Zeit in die christliche Symbolik des Abendlandes übernommen; es bedeutet den Sieg Christi (des Himmels, des Guten) über das Böse auf Erden.

 

Links: Tränenkiefer (Pinus wallichiana)
Rechts: Föhren-Art (hier: Wald-Föhre, Pinus sylvestris)

Kanton Luzern (LU)

Die Luzerner Ständeratssitz werden von der Ahornblättrigen Platane, einem Platanengewächs, und der Gemeinen Esche, einem Ölbaumgewächs, geschmückt. Im Geäst der Platane offeriert ein Singvogel seiner Angebeteten einen Wurm, scharf beobachtet von eine am Boden lauernden Hauskatze. Von einem Zweig der Esche aus beäugt ein Kolkrabe die Kleinsäuger, die sich unter ihm am Boden tummeln.

Die Ahornblättrige Platane ist um 1650 in England entstanden, als im riesigen Garten von John Tradescant dem Jüngeren, einem passionierten britischen Botaniker, die beiden von verschiedenen Kontinenten stammenden Elternarten bastardieren konnten. Nach der französischen Revolution wurden vielerorts Platanen als Freiheitsbäume gepflanzt, idealerweise solche mit drei Hauptästen, um damit die neugewonnene Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu feiern. Eine besondere Beziehung zum Kanton Luzern gibt es aber nicht. Die Esche ist einer der ökologisch wichtigsten Laubbäume Europas.

Das zähe, biegfeste Eschenholz wird seit der Jungsteinzeit für vielerlei Zwecke genutzt; davon zeugen wunderbar erhaltene, ca. 6000 Jahre alte Holme von Steinäxten und Griffe von Erntemessern aus dem luzernischen Ergolzwil, der wichtigsten der fünf luzernischen Pfahlbausiedlungen, die im UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen wurden.

 

Links: Ahornblättrige Platane (Platanus x hispanica), Malve (Malva moschata) und Haselwurz (Asarum europaeum)
Rechts: Esche (Fraxinus excelsior), Tüpfelfarn (Polypodium vulgare), Sauerklee (Oxalis corniculata) und Isländisch Moos (Cetraria islandica)

Canton de Neuchâtel (NE)

Des merles sous une rose musquée ou églantine, pour l’un, une rose canine et un plant de pivoine de culture: les ornements floraux des sièges des conseillers aux Etats neuchâtelois parfument haies et jardins.

La Suisse compte quelque 25 sortes de rosiers sauvages et d’églantiers indigènes. Leurs fruits rouges vifs brillent sous le soleil. Ces baies, appelées cynorrhodons, en référence à leurs vertus supposées contre les morsures de chien enragés, contiennent 20 fois plus de vitamines que le citron. Sans oublier leur teneur en provitamine A, en sels minéraux et en oligoéléments, particulièrement en galactolipides. Ces nutriments ont un effet antioxydant et antiinflammatoire et ils contribuent à stabiliser les membranes synoviales, en cas d’arthrose ou d’arthrites.

 

Gauche: Rose musquée ou églantine (ici: Rose canine, Rosa canina)
Droite: Pivoine commune (Paeonia officinalis; en haut: pivoine sauvage; en bas: forme cultivée foisonnante)

Kanton Sankt Gallen (SG)

Unter einer üppig früchtetragenden Stieleiche ist ein Wildschwein auf Nahrungssuche; die schönen Hutpilze interessieren es scheinbar nicht. Im Geäst sitzt ein Eichhörnchen. Unter einem Dickicht aus Brombeeren tummelt sich ein Rotfuchs; auch er scheint die Hutpilze am Boden nicht zu beachten.

Seit der Antike ist Eichenlaub Symbol der Souveränität und Solidität. Deshalb schmückt Eichenlaub Fürstenkronen und Siegerkränze von Heroen der Antike bis zum heutigen Schwingerkönig. Gestickt ziert Eichenlaub hohe militärische Rangabzeichen, gedruckt Banknoten, geprägt Münzen. So schmückt ein Kranz aus Eichenlaub die 10 Rappen Stücke, je ein halber Kranz mit Eichenlaub und Eicheln, respektive Alpenrosen die 50 Rappen, 1 und 2 Franken Stücke.

Wilde Brombeeren: ein Albtraum, wenn es darum geht, eine genaue Artbestimmung vorzunehmen; nur wenigen Spezialisten gelingt dieses Vorhaben. Der hoch angesehene Zürcher Botaniker Elias Landolt führte für die Stadt Zürich und angrenzende Gebiete 41 Arten auf. Als Allesfresser bedienen sich Füchse hier gerne. In Kotanalysen von Zürcher Stadtfüchsen wurde ein Obstanteil von ca. 20% festgestellt.

 

Links: Stiel-Eiche (Quercus robur), Hutpilze
Rechts: Brombeere (Rubus-Arten), Hutpilze

Kanton Schaffhausen (SH)

Den einen Sitz der Schaffhauser Ständeräte ziert eine grossblütige Clematis-Sorte, eine um 1900 sehr beliebte, aus Ostasien stammende Zierpflanze, nebst einer Gruppe von fünf Speisezwiebeln, den anderen ein prachtvoller, mit Trauben reich behangener Rebstock.

Obwohl er den nördlichsten Zipfel der Schweiz bildet, ist der Kanton Schaffhausen Weinbauregion, die zweitgrösste in der Deutschschweiz nach Zürich. Der Rebbau kam mit den Römern in die Region, stagnierte aber nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches. Am Ende des Mittelalters waren es die Klöster, die den Rebbau förderten und optimierten; über ihr weit verzweigtes Beziehungsnetz tauschten sie interessantes Pflanzenmaterial untereinander aus, darunter auch Pfropfreiser von Reben und anderen Obstsorten.

Hübsch sind die Speisezwiebeln anzusehen, die Huttenlocher unter der Clematis platziert. Ob ihm mal eine Schaffhauser Zwiebelwähe, im lokalen Dialekt «Bölletünne» serviert wurde, zu einem Glas guten Weines aus dem Schaffhauser Anbaugebiet?

 

Links: Clematis-Zuchtformen (oben: C. montana aus dem Himalaya, unten: C. x jackmanii, eine Hybride von C. Lanuginosa und C. viticella, 1862 in England gezüchtet, die erste sehr grossblütige Clematis-Sorte); Speisezwiebel (Allium cepa; hier: ‘Rote Wädenswiler Selektion’)
Rechts: Weintraube (Vitis vinifera subsp. vinifera; hier: Sorte ‘Blauburgunder’)

Kanton Schwyz (SZ)

Dem Kanton Schwyz hat Huttenlocher einerseits ein Alpenveilchen, zusammen mit einer stark stilisierten Nelke zugeordnet, andererseits Wasser- und Sumpfpflanzen, die damals und heute im Kanton zu finden sind: die Teichrose, die Seerose und der Breitblätterige Rohrkolben. Eine Libelle schwebt über den Wasserpflanzen.

Der gebräuchliche Gattungsname «Alpenveilchen» ist etwas irreführend: keine der 15 in Europa heimischen Arten gedeiht auf der subalpinen oder gar alpinen Stufe (also über 1500 m. ü. M.). Wohl aber gedeiht das in der Schweiz heimische Europäische Alpenveilchen, vielerorts «Hasenöhrli» genannt, am Genfer-, Thuner- und Vierwaldstättersee, im Neuenburg- und Bielerseegebiet, in Föhntälern wie dem Churer Rheintal, Puschlav und stellenweise im Tessin oft an Orten, von wo man einen wunderbaren Blick auf die Alpen hat.

See- und Teichrosen, zu den Seerosengewächsen gehörend, werden auch als Schwimmblattpflanzen bezeichnet. Sie wurzeln mit Rhizomen im Flachwasser am Ufer von Seen und Teichen und entwickeln alljährlich neue Blätter und Blüten.

 

Links: Alpenveilchen (hier: Europäisches Alpenveilchen, Cyclamen purpurascens) und Nelke (hier: Stein-Karthäuser und Bart-Nelke, Dianthus sylvestris, carthusianorum, barbatus). Unten: austreibende Knolle des Alpenveilchens mit Blüten- und Blattknospen.
Rechts: Teichrose (Nuphar lutea), Seerose (Nymphaea alba) und Rohrkolben (Typha latifolia)

Kanton Solothurn (SO)

Der Efeu, das neben dem sehr seltenen Gemeinen Wassernabel einzige einheimische Araliengewächs und die Gemeine Jungfernrebe, eine Vertreterin der Weinrebengewächse, schmücken die Sitz des Standes Solothurn.

Der Efeu ist in der abendländischen Kultur einerseits Symbol für Treue, nicht zuletzt wegen seiner Anschmiegsamkeit, andererseits für Unsterblichkeit wegen seines schönen, immergrünen Laubes. Efeublüten duften nicht sehr angenehm wegen einer Verbindung, die schon in geringster Menge wahrnehmbar ist und alle anderen Duftstoffe des Efeus übertönt: 1- Pyrrolin, ein Abbauprodukt von Prolin (Aminosäure) und Putrescin (Poyamin). Letzteres kommt in Pflanzen und Tieren vor, auch bei der Fleischfäulnis; dessen Gehalt zeigt Lebensmittelchemikern den Frischegrad von Fleisch an.

Die ursprüngliche Heimat der Gemeinen Jungfernrebe sind die östlichen USA. Während wir hier in Europa die Ausbreitung der Gemeinen Jungfernrebe im Auge behalten müssen, wurde der in Europa heimische Efeu willentlich als Zierpflanze in Nordamerika, Australien und Neuseeland eingeführt, wo er sich stellenwese als invasiver Neophyt breitmacht. Im US Bundesstaat Oregon wird er heute rigoros bekämpft, der Verkauf neuer Pflanzen ist verboten.

 

Links: Efeu (Hedera helix)
Rechts: Gemeine Jungfernrebe (Parthenocissus inserta)

 

Quelle/Source: Rosmarie Honegger, Berner Bundeshausbotanik, Die Ständeratssitze im Nationalratssaal, Neujahrsblatt der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich NGZH, 220. Stück, 2018, 200 S.

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