In Deutschland und Österreich stürzten die Kaiser, und die Zeichen standen auf Revolution. In der Schweiz verursachten Engpässe in der Lebensmittelversorgung und eine massive Teuerung während des Ersten Weltkriegs in weiten Teilen der schweizerischen Arbeiterschaft Unzufriedenheit und Not. Mit Streiks und Protesten brachte sie ihren Unmut zum Ausdruck.
Das Truppenaufgebot
Als die Sozialdemokratische Partei zu einer Feier zum ersten Jahrestag der Russischen Oktoberrevolution aufrief, fürchtete der Bundesrat gewaltsame Ausschreitungen und erliess ein Truppenaufgebot.
Truppenaufgebot; Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv
Truppen auf dem Waisenhausplatz in Bern;
Quelle
Die Präsenz des Militärs in verschiedenen Schweizer Städten heizte die Stimmung weiter auf.
Der Aufruf zum Generalstreik
Am 11. November 1918 rief das Oltener Aktionskomitee, das den Streik organisierte, zu einem unbefristeten landesweiten Generalstreik auf. Die Ankündigung veranlasste den Bundesrat zur unverzüglichen Einberufung der Bundesversammlung auf den kommenden Tag.
Einberufung der BundesversammlunG (PDF)
Quelle:
www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch
Als am 12. November die Bundesversammlung zusammentrat, bewachten mit Gewehren bewaffnete Soldaten den Eingang zum Bundeshaus und beobachteten aufmerksam die streikende Menschenmenge auf dem Bundesplatz.
Soldaten beim Eingang des Bundeshauses;
Quelle
Das Parlament «billigt die Massnahmen des Bundesrates»
Zum Auftakt der dringlich einberufenen Parlamentssitzung wählte Bundespräsident Calonder in seiner Rede vor der Bundesversammlung deutliche Worte: «Schon seit einiger Zeit waren skrupellose Hetzer und namentlich Vertreter des' bolschewistischen Terrors in verschiedenen Gegenden der Schweiz am Werke, um den Boden für aufrührerische Bewegungen vorzubereiten. (…) Die Demokratie ist die Regierung des Volkes durch das Volk. Sie ist das Fundament aller unserer Einrichtungen. Ohne die Demokratie müsste die Schweiz untergehen. » In der anschliessenden Debatte stärkte das Parlament dem Bundesrat den Rücken. Der freisinnige Nationalrat Furrer brachte die Unterstützung deutlich zum Ausdruck: «Die freisinnig-demokratische Fraktion erklärt ihre volle und rückhaltlose Zustimmung zu dem Bericht und Antrag des Bundesrates. Sie billigt nachdrücklich die Massnahmen des Bundesrates und erwartet von ihm, dass er diese ruhig und besonnen, aber mit unbeugsamer Energie aufrechterhalte und durchführe, nicht nur gegen die Irregeführten, sondern vor allem auch die revolutionären Irreführer und Hetzer. »
Ultimatum des Bundesrates
Derart gestärkt, forderte der Bundesrat am 13. November den bedingungslosen Streikabbruch und setzte dem Oltener Aktionskomitee ein Ultimatum.
Ultimatum des Bundesrates (PDF)
Quelle:
www.amtsmtsdruckschriften.bar.admin.ch
Am letzten Streiktag kam es beim Einsatz der Armee gegen Streikende in Grenchen zum schweizweit schwersten Zwischenfall: drei junge Uhrmacher wurden von Soldaten erschossen. Am 14. November kapitulierte das Oltener Aktionskomitee bedingungslos, und am Tag darauf wurde die Arbeit fast überall wiederaufgenommen.
Von den ursprünglich neun Forderungen konnten lediglich zwei durchgesetzt werden: die Neuwahl des Nationalrates auf Grundlage des Proporzes und die 48-Stunden-Woche.
Ausschnitt aus dem Aufruf des OAK mit den 9 Forderungen (PDF)
Quelle: Archiv SGB
In seinem Aufruf zum allgemeinen Landesstreik listete das Oltener Aktionskomitee insgesamt neun Forderungen auf. Die sofortige Neuwahl des Nationalrates nach dem Proporzwahlrecht stand dabei an erster Stelle.
Ausstellung «100 Jahre Proporz» im Parlamentsgebäude
2018 jährt sich die Einführung des Proporzwahlrechts auf nationaler Ebene zum 100. Mal. Am 13. Oktober 1918 stimmte das Volk im dritten Anlauf einer Volksinitiative über die Proporzwahl des Nationalrates mit 66,8% Ja-Stimmen deutlich zu. Die Einführung des Verhältniswahlrechts war für das politische System sehr bedeutend. Das zeigten die vorgezogenen Nationalratswahlen, die ein Jahr später, im Oktober 1919 stattfanden. Die parteipolitische Zusammensetzung des Nationalrates veränderte sich infolge der Wahlen massiv.
Mit der Ausstellung «100 Jahre Proporz», welche die Zeitspanne von der Annahme der Volksinitiative bis zur erstmaligen Durchführung der Proporzwahl fast genau ein Jahr später beleuchtet, erinnern die Parlamentsdienste an folgenreiche Ereignisse wie das Ende des Ersten Weltkriegs oder den Landesstreik und bieten dabei einen spannenden Einblick in die Lebensumstände der damaligen Zeit.
Die Ausstellung ist bis am 20. Oktober 2019 zu sehen.
Informationen zu Inhalt und Besuch