Für die beiden Ratssäle wurden Gesteine aus allen drei grossen Sprachregionen der Schweiz verarbeitet. Dank der gekonnten Inszenierung und der Zugänglichkeit von allen Seiten kommen die verschiedenen Gesteinsarten in der grossen wie in der kleinen Kammer hervorragend zur Geltung.

​Die mehrsprachige Schweiz kommt nicht nur in den Voten der Ratsmitglieder zum Ausdruck, auch in den Ratssälen verbaute Gesteinsarten erinnern daran.

Nationalratssaal

Auf Saalniveau stehen zwei Pfeiler und zwei mit senkrechten Rillen versehene Säulen aus Kalkstein von Solothurn, Typus Lommiswil, in intensivem Gelb. (Siehe auch Teil 1 unserer Sommerserie 2019).

In den Bundeshäusern und generell in der Stadt Bern ist der Lommiswiler Kalksteintypus neben dem Berner Sandstein die bedeutendste Gesteinsart.

Herkunft: Steinbruch Lommiswil am Jurasüdhang, nordwestlich der Stadt Solothurn (in Blau auf der Karte).

Die Gesimse an der Längswand bestehen aus Brocatello d’Arzo. Das Brocatello-Gestein ist eine fossilreiche Brekzie, es besteht also aus verkitteten, kantigen Gesteinstrümmern. Der bioklastische Kalkstein enthält zahlreiche Armfüsser, Seelilien, Kalkschwämme und Ammoniten. Ab dem 16. Jahrhundert fanden diese farbigen «Marmore» vor allem Verwendung in Sakralbauten. Im Tessin und in Norditalien sind über tausend Kirchen mit Arzo-Marmor bekannt. Die Anwendungen im Parlamentsgebäude gehören zu den bedeutendsten auf der Alpennordseite.

Herkunft: Steinbrüche bei Arzo (TI) im Mendrisiotto, in Betrieb bis 2009 (in Grün auf der Karte).

Im Vordergrund: Pfeiler aus Kalkstein von Solothurn. Im Hintergrund: Gesimse aus dem rötlichen Brocatello D’arzo.

Die Säulen und Bogen auf der Zuschauergalerie bestehen aus gelbem Jurakalkstein von Cernier (NE), einem homogenen Gestein mit Fossilbruchstücken, das zum Typ Roc du Jura gehört und heute unter der Bezeichnung Roc de Cernia gehandelt wird.

Herkunft: Steinbruch von Cernier (NE) im Val de Ruz an der Vue des Alpes (in Rot auf der Karte).

Die Säulen und Bogen auf der Zuschauergalerie

Illusionistische Fortsetzung

Ständeratssaal

Auf der Westseite der kleinen Kammer gibt es eine interessante Kombination rötlich-violetter Marmorsorten zu entdecken. Die Säulen und Halbpfeiler aus Brocatello d’Arzo (in Rot auf der Karte) mit Carrara-Kapitellen finden auf dem Wandbild eine illusionistische Fortsetzung (Geschichte zum Wandbild).

Aus Kalkstein von Arvel gefertigt sind die Sockel der Säulen und Pfeiler sowie die Rückwand und der Unterbau der Besuchergalerie.

Kalkstein von Arvel (siehe Sommerserie 2019, Teil 2) präsentiert sich in verschiedenen Schnittlagen ganz unterschiedlich. Im Ständeratssaal sind die abwechslungsreichen Strukturen sehr gut zu erkennen – dank der Zugänglichkeit von allen Seiten und der hervorragenden Verarbeitung, der schönsten dieser Art in der Schweiz.

Herkunft: Steinbrüche am Mont d’Arvel oberhalb von Villeneuve (VD) (in Gelb auf der Karte).

Für den untersten Sockelteil kam wiederum Collombey-Marmor zum Einsatz, auf den wir bereits in Teil 2 unserer Sommerserie eingegangen sind.

Herkunft: Steinbrüche in der Umgebung von Collombey (VS) (in Grau auf der Karte).

Die Säule und ihrer Sockel

Damit ist der kleine Rundgang durch das Parlamentsgebäude beendet, auf dem der Fokus auf den Reichtum an Gesteinen war, die zusammen ein vielfältiges und beeindruckendes Ensemble bilden – eine nationale Gesteinsschau, die immer wieder aufs Neue erkundet werden kann.

Quelle: Toni P. Labhart, Steinführer Bundeshaus Bern, Schweizerische Kunstführer GSK, BBL. Nur auf Deutsch.

Legende: Blau – Steinbruch Lommiswil; Grün – Steinbrüche bei Arzo; Rot – Steinbruch von Cernier; Gelb – Steinbrüche am Mont d’Arvel; Grau – Steinbrüche in der Umgebung von Collombey