Es gilt das gesprochene Wort

 

 

Sehr geehrte Frau Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf,

Knapp acht Jahre ist es her seit dem 12., respektive dem 13. Dezember 2007, als Sie zur Bundesrätin gewählt wurden. Es waren zwei prägende Tage für die Schweizer Politik und mit Sicherheit auch turbulente Tage für Sie. Heute verabschieden wir Sie – nachdem Sie am 28. Oktober Ihren Rücktritt per Ende Jahr erklärt haben – am selben Ort, im Rahmen der Vereinigten Bundesversammlung.

Es wurde oft gesagt und geschrieben, dass die Politik Eveline Widmer-Schlumpf in die Wiege gelegt worden sei, weil bereits ihr Vater Leon Schlumpf Bundesrat war. Diesen Einfluss einer politischen Familie hat es sicher gegeben, aber alle, die in der Politik Karriere machen, tun das letztendlich selber, aus eigener Kraft, sie gehen einen eigenen Weg. Für Frauen in der Politik gilt das in besonderem Mass. So ist auch Eveline Widmer-Schlumpf ihren Weg gegangen, von der Kreispräsidentin zur Kantonsrätin, vom Regierungsrat bis in den Bundesrat. Als überzeugter Familienmensch immer getragen und beraten von ihren Nächsten, aber auch geprägt und unterstützt von ihrer Heimat, dem Kanton Graubünden und ihrer Gemeinde Felsberg.

Als ausgebildete Juristin, notabene Rechtsanwältin, Notarin und Doktorin der Rechte, als Regierungsrätin, Finanzdirektorin des Kantons Graubünden und Präsidentin der Kantonalen Finanzdirektorenkonferenz brachte Eveline Widmer-Schlumpf bei ihrem Amtsantritt Anfang 2008 viel politische Erfahrung und ein grosses Rüstzeug mit. Und doch war es für sie kein einfacher Beginn. Als EJPD-Vorsteherin musste sie sich in komplexe Dossiers einarbeiten, ein belastetes Departement führen, sich mit der Arbeitsweise des eidgenössischen Parlamentes vertraut machen und schwierige politische Entscheide fällen. Das alles im oft eisigen Gegenwind, doch gleichzeitig mit grosser Unterstützung ihrer Familie, von verschiedener Seite des Parlaments sowie aus der breiten Bevölkerung. Mit grossem Arbeitseinsatz und starkem Willen ging Eveline Widmer-Schlumpf einen steinigen Weg, der ihr als Berglerin nicht unbekannt war. Und sie ging ihren Weg - konsequent und beeindruckend unbeirrt!

Als Stellvertreterin des damaligen Finanzvorstehers und dann ab November 2010 als Chefin des Finanzdepartementes spielte Eveline Widmer-Schlumpf eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Finanz- und Bankenkrise und der Weiterentwicklung des Finanzplatzes Schweiz. In einer Zeit, in der der Finanz- und Bankenplatz mit einer Hiobsbotschaft nach der anderen konfrontiert wurde, in einer Zeit massiven Drucks von aussen und in einer Zeit harter innenpolitischer Auseinandersetzungen um die Ausrichtung und Ausgestaltung des Finanz- und Bankenplatzes Schweiz, in exakt dieser schwierigen Zeit spielte Eveline Widmer-Schlumpf ihre Stärken aus: Ihre Dossiersicherheit, ihre rasche Reaktionsfähigkeit, ihre Ausdauer und Beharrlichkeit, aber auch ihr Respekt vor unserem politischen System und der Sinn für das Machbare zeichneten sie aus. Dass daneben noch der Bundeshaushalt im Lot gehalten wurde, ist für einige vielleicht eine Fussnote, im aktuellen internationalen Kontext aber äusserst beachtenswert. Die nachfolgenden Generationen, darunter ihre Kinder und Enkel, werden es ihr danken. Es ist eine grosse Arbeit, die Eveline Widmer-Schlumpf erbracht hat, eine Leistung nicht für sich und nicht für eine Partei, nicht für einen Wirtschaftszweig und nicht für Interessengruppen, sondern eine Leistung für die ganze Schweiz, für unser Land.

Wie Eveline Widmer-Schlumpf es geschafft hat, wissen wir nicht genau. Aus der Zusammenarbeit in den Kommissionen und im Rat wissen wir um ihre detailreiche Dossierkenntnis und ihre Debattierfreudigkeit. Aber auch hier: Dossierkenntnis und Debattierfreudigkeit alleine machen keinen guten Bundesrat. Und Eveline Widmer-Schlumpf war eine bemerkenswert gute Bundesrätin. Es war mehr, es war ihr politischer Instinkt, ihre Nehmerqualitäten, die Fähigkeit, anderen zuzuhören und mit ihnen zusammen zu arbeiten. Und es war wohl vor allem eines: die Leidenschaft für tragfähige Lösungen, Lösungen auch über politische Grenzen hinweg. Geholfen hat sicherlich aber auch ihre ganze eigene Art: „Humor ist in Bundesbern überlebenswichtig“, sagte sie einmal. Wie recht sie doch hat. Ich bin sicher, dass wir ihren feinen, trockenen und auch selbstironischen Humor noch vermissen werden.

Neben der Aufarbeitung all dieser schwierigen Dossiers setzte sich Eveline Widmer-Schlumpf in den acht Jahren als Bundesrätin, und vor allem 2012, in ihrem Jahr als Bundespräsidentin, immer auch für ein anderes übergeordnetes Ziel ein: Für den Respekt in der Politik, für eine Kultur des Ausgleichs. In der 1. Augustrede, die sie diesen Sommer hielt, hat sie es so formuliert: „Ausgleich lohnt sich. Der sogenannte „return on investment“ ist hoch, und er hat einen Namen: sozialer Friede, politische Stabilität, friedliches Zusammenleben“.

Eveline Widmer-Schlumpf hat sich nach acht Jahren in der Landesregierung entschieden zurückzutreten und sich mehr Zeit für ihr Privatleben zu nehmen. Ein Privatleben, das sie in ihrer Zeit als Bundesrätin von ihrem öffentlichen Amt bewusst trennte, ein Privatleben, das notgedrungen zu kurz kam. Etwas, was ihr als Familienmensch, Mutter und Grossmutter mit Sicherheit nicht leicht fiel.

Auch in den letzten Wochen hielt sich Eveline Widmer-Schlumpf bedeckt, was ihre Zukunftspläne angeht. Einzig, dass sie sich öfter um ihre Enkel kümmern wird, wissen wir. Nicht nur beim Kinderhüten, sondern bei allen weiteren Projekten und Aufgaben, die Eveline Widmer-Schlumpf künftig anpackt, wünsche ich ihr im Namen der Vereinigten Bundesversammlung von Herzen viel Erfolg und Freude.

Vor allem aber danke ich Ihnen, Frau Bundesrätin, für all das, was Sie in acht Jahren im Bundesrat für unser Land geleistet haben. Ich danke Ihnen für Ihre grosse Arbeit und Ihren unermüdlichen Einsatz und ich danke Ihnen für Ihre Leidenschaft für die Lösung von Problemen und für den Respekt in der Politik.