Grusswort der Nationalratspräsidentin Christa Markwalder
Es gilt das gesprochene Wort
Sehr geehrte Damen und Herren
Es ist wieder Museumsnacht – und mit ihr beginnt für mich wie jedes Jahr der Frühling. Die Menschen zieht es aus ihren Wohnungen. Berns Gassen und Plätze sind voll, die Leute flanieren, bleiben stehen, schwatzen mit Bekannten und Unbekannten, stehen geduldig Schlange, um eines der offenen Häuser nachts zu entdecken.
Schön, dass Sie da sind. Herzlich willkommen im Parlamentsgebäude. Begrüssen möchte ich ganz besonders auch die Studierenden der Ecole professionelles des art contemporains (EPAC) de Saxon, la première école de bande dessinée et de Game Art en Suisse. Sie sorgen in dieser Nacht dafür, dass die Drei Eidgenossen in ungewohntem Licht erscheinen. Gemeinsam mit den Parlamentsdiensten haben EPAC-Studierende mit dem «fantastischen Parlament» ein crossmediales Werk kreiert, das aus einem Comicband und einer Webseite besteht. Die Studierenden werden die ganze Nacht hier sein, ihr Werk signieren und zu Ihrer Arbeit Red‘ und Antwort stehen.
Meine Damen und Herren
Das Bundeshaus ist kein Museum. Aber wie ein Museum, ist es auch ein Ort, wo Dinge bewahrt und aufbewahrt, wo sie mit anderen Augen betrachtet, neu analysiert und interpretiert werden können: Mythen - zum Beispiel. Sie werden in diesem Haus einigen begegnen können.
Mythen versuchen außergewöhnliche Ereignisse zu erklären. Sie berichten in Form von Statuen und Fresken von etwas, das zu erzählen sich lohnt. Mythen verdichten Ereignisse zu Geschichten, die die Menschen berühren. Sie schaffen Identifikation und Identität. Sie erklären die Welt nicht wissenschaftlich, sondern auf ihre eigene Art und Weise - und dabei muss auch nicht alles stimmen. Mythen geben einfach eine Antwort darauf, wie etwas gewesen sein könnte – oder eher: Wie man sich wünscht, wie etwas es gewesen sein könnte.
Die Studierenden der Kunsthochschule EPAC haben sich an eine Neuinterpretation der Schweizer Mythen herangewagt: Unter ihren Zeichenstiften begannen sich die mythologischen Figuren der Schweiz und ihrer Bundesversammlung zu regen. Es entstand eine Welt, die fortan «Das fantastische Parlament» genannt wurde. In dieser Welt mit Bergen und Seen überwinden die Figuren aus Mythen und Legenden mit übernatürlichen Kräften die Ängste ihrer Vorfahren. In 14 Geschichten und ebenso vielen Illustrationen beschreibt und veranschaulicht das fantastische Parlament die Entwicklung der Schweiz von der alteidgenössischen Zeit bis hin zum modernen Bundesstaat. 14 fantastische Geschichten und ebenso viele Rätsel, die von der Entstehung des Rechtsstaates in der Schweiz erzählen und die Funktionsweise des Parlaments erläutern. 14 Meilensteine auf dem langen Weg zur Rechtsgleichheit für alle.
Meine Damen und Herren.
Die hier im Haus versammelten Schweizer Mythen haben gute Dienste geleistet. Heute würde man von einer erfolgreichen PR-Strategie sprechen. Tell, Winkelried, Stauffacher & Co. trugen ihren Teil dazu bei, dass der Bund zu einem Staat zusammenwuchs. Die Bedeutung dieser Figuren hat sich über die Jahre relativiert. Und doch wäre es sinnlos, die Mythen abschaffen zu wollen. Was man hingegen tun sollte, ist, sie aus dem heutigen Zeitgeist heraus betrachten. Unsere Vorfahren taten genau das Gleiche übrigens auch. Und vielleicht werden Sie dies bei Ihrem Rundgang durch das Haus auch tun: Nicht nur die drei starken Männer wirken in Farbe anders, die anderen Figuren und Symbole hinterlassen in diesem besonderen „museumsnächtlichen" Ambiente ebenfalls einen anderen Eindruck.
Ich wünsche Ihnen einen vergnüglichen Abend – hier in Parlamentsgebäude – aber auch beim anschliessenden Museums-Hopping.
Gerne gebe ich das Wort nun weiter, an meinen Ratskollegen Alex Tschäppet, dem Stadtpräsidenten von Bern.