Es gilt das gesprochene Wort!
Rede der Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer Wyss
zum Nationalfeiertag-Vorabend am 31. Juli 2010 (in Rorschach SG) resp.
zum Nationalfeiertag am 1. August 2010 (in Baden AG und Engelberg OW)
„Auf den Schultern eines Riesen“
Werte von Generation zu Generation in die Zukunft tragen
Geschätzte Festgemeinde
Jahr für Jahr wird in unserem Land am 1. August gefeiert – wir feiern die Schweiz, ihre Geschichte und ihre Werte. Über alle Generationengrenzen hinweg kommt man an diesem Tag zusammen, führt sich eine Wurst zu Gemüte, freut sich über das allenfalls stattfindende Feuerwerk oder einen Lampionumzug und hat ganz einfach eine gute Zeit zusammen. Mehr braucht es nicht. Bei uns gibt es zum Nationalfeiertag keine pompöse Riesenfeier in der Hauptstadt, keine Truppenparade, kein Defilée.
Ist das Ausdruck unserer sprichwörtlichen schweizerischen Bescheidenheit? Ich glaube, wir feiern den 1. August ganz einfach gerne so, wie es uns wohl ist – und dort, wo wir uns wohl fühlen. Das mag mit Bescheidenheit zu tun haben, ja; ganz sicher aber auch mit Freiheit und mit Gemütlichkeit. Es geht uns weniger uns Drumherum, es geht uns mehr ums Dran. Und so kommt es also zu diesen charmanten kleinen Feiern in unzähligen Gemeinden zwischen Boden- und Genfersee, zwischen Chiasso und Schaffhausen. Die einzelnen Feiern für sich genommen mögen vielleicht an gewöhnliche Dorffeste erinnern. Die Tatsache und das Bewusstsein aber, dass wir - mit diesem Fest hier – Teil sind einer übergeordneten Feier in diesem Land, macht unser Zusammensein am 1. August zu etwas Speziellem.
Jede Feier darf von statten gehen, wie sie will – und doch gehört sie dazu und trägt zum grossen Ganzen bei. So wie jeder Mensch zu unserer Gesellschaft beiträgt, auf seine ganz individuelle Art. Ich freue mich jedes Jahr darauf, einen kleinen Beitrag an diese Feiern leisten zu dürfen, in diesem Jahr als Nationalratspräsidentin natürlich ganz besonders. Ich bin also sehr gerne zu Ihnen gekommen und danke herzlich für die Einladung.
Erst seit 1891 kennt man die Tradition der Feiern am 1. August. Damals wurde nämlich in Erinnerung an die Gründung der Eidgenossenschaft ein 600-Jahr-Jubiläum organisiert und ein passendes Datum gesucht. Der Bundesrat war es, welcher dafür – für das Fest und gleichzeitig den künftigen Nationalfeiertag - den 1. August ausgesucht hatte. Zu Ehren des Rütlischwurs, dessen Datum wir bis heute nicht genau kennen und in Erinnerung an den Bundesbrief, dessen Datum wir immerhin auf den Monat genau kennen, er datiert von Anfang August 1291.
Jedes Jahr ertönen vor dem oder am 1. August Stimmen, welche in Frage stellen, ob 1291 auch wirklich das richtige Referenzjahr für unseren Nationalfeiertag, den wir ja auch Bundesfeiertag nennen, sei. Diese Frage ist nicht unberechtigt: Viele Werte, Grundrechte und Freiheiten, die wir am 1. August würdigen, gehen tatsächlich im Wesentlichen auf das Jahr 1848 zurück, auf die Gründung des schweizerischen Bundesstaats. Als Ausgangspunkt ist und bleibt aber 1291 zentral, weil eben gerade auch der steinige und teils blutige Weg bis zu einem geeinten Bundesstat zu unserer Geschichte gehört. Ein Weg, auf welchem Friede und Solidarität alles andere als selbstverständlich war, auf welchem Grundrechte erkämpft werden mussten und auf welchem sich die Schweiz zuerst finden musste. Erst dann konnte bittere Zerstrittenheit zu geschätzter Vielfalt werden. Erst dann war die Basis geschaffen für eine Demokratie, die wirklich allen offen steht. Und erst vor gut einem halben Jahrhundert entstand das, was unser politisches System kennzeichnet und stärkt: die Konkordanz. Das Jahr 1291 und die Geschichte unserer Eidgenossenschaft eignen sich deshalb hervorragend als Basis für die heutige Feier. Es ist aber auch richtig und wichtig, dass am 1. August der Bogen gespannt wird ins Jahr 1848 und von dort weiter bis in die Gegenwart, ins Heute.
Und von diesem Heute möchte ich nun gerne noch ein bisschen berichten; nämlich darüber, wie ich die Schweiz in diesem Jahr als Nationalratspräsidentin erleben darf. Die Aufgaben, welche mit diesem wunderschönen Amt verbunden sind, lassen sich in drei Bereiche gliedern: Erstens jene Aufgaben, die sich direkt an den Nationalrat und die Vereinigte Bundesversammlung richten: Sessionen vorbereiten und leiten. Zweitens habe ich das Eidgenössische Parlament national und auch international zu vertreten. Drittens – und das liegt mir besonders am Herzen – geht es mir auch darum, die Brücke aus dem Bundeshaus hinaus in die Bevölkerung zu schlagen. Für diese Kontakte zur Öffentlichkeit, die Gespräche mit den Leuten nehme ich mir besonders viel Zeit. Einerseits, weil es mir Freude macht, andererseits, weil das nach meinem Verständnis zur Aufgabe jeder Politikerin/jedes Politiker dazu gehört – und zu jener der Nationalratspräsidentin ganz besonders. Ich bin der Meinung, die Nationalratspräsidentin soll für die Leute spürbar sein; sich Zeit nehmen, zuzuhören; sich Zeit nehmen, um der Bevölkerung die Politik und das Parlament näher zu bringen.
Der rote Faden durch mein Präsidialjahr ist der Brückenschlag zwischen den Generationen. Der Austausch zwischen Jung und Alt ist mir ein grosses Anliegen. Nicht nur, weil dieser prägend ist für meine eigene Biographie und weil ich den Dialog zwischen den Generationen in meinem Alltag schon früh ganz natürlich und selbstverständlich lebte – und davon enorm profitiert habe. Sondern auch aufgrund meiner Überzeugung, dass es das Verständnis zwischen den Generationen konsequenter zu fördern und die Zusammenarbeit über die Generationen hinweg stärker zu berücksichtigen gilt.
Genau darum bin ich gerne dort, wo sich die Generationen treffen. Wie es Jahr für Jahr an den 1. August – Feiern der Fall ist. Darum unterstütze ich auch viele Projekte, die sich dem Generationendialog widmen. Gemeinsam mit der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft habe ich eine Website ins Leben gerufen, auf welcher sich diese Projekte vorstellen können: www.intergeneration. Die dort präsentierten Projekte besuche ich in allen Landesteilen während meines Präsidialjahres - auch, um bei dieser Gelegenheit für die ehrenamtliche Tätigkeit vieler älterer und auch vieler ganz junger Menschen zu danken.
Wertschätzung für ehrenamtliches Engagement kommt in unserem Alltag oft zu kurz. Darum danke ich an dieser Stelle auch ganz speziell all jenen, welche mitgeholfen haben, diese Feier auf die Beine zu stellen. Ein grosses Dankeschön, das ich sicher auch im Namen der hier anwesenden Gäste, der ganzen Festgemeinde aussprechen darf!
Ich möchte noch einen Moment beim Thema „Austausch zwischen den Generationen“ bleiben, das nicht nur in den erwähnten Projekten, sondern eigentlich ganz generell in unserem Alltag eine wichtige Rolle spielt und mehr Platz, mehr Aufmerksamkeit verdient.
Es gibt eine Redewendung – ein uraltes Gleichnis - die folgendermassen lautet: "Wenn wir heute weiter sehen, dann weil wir auf den Schultern eines Riesen stehen.“
Geschätzte Festgemeinde, dieser Riese, auf dem wir stehen, das ist die Erfahrung der voran gegangenen Generationen. Diese sollten wir nutzen und wertschätzen – noch viel mehr als es heute der Fall ist. Jeder Unternehmer weiss, wie wichtig es für das Überleben einer Firma ist, das Know-How weiterzugeben in die nächste und übernächste Generation. Das sollte nicht nur für die Abläufe im Betrieb gelten, sondern auch für übergeordnete Leitsätze.
Auch in der Politik sollte man sich von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass gewisse Errungenschaften keine Selbstverständlichkeit sind: Die direkte Demokratie oder die Konkordanz sind nicht einfach so vom Himmel gefallen, sondern das Resultat jahrzehntelanger und teils schwieriger Prozesse. Es sind Erfolge, welche die Schweiz auszeichnen und denen wir – das ist zumindest meine Meinung und Überzeugung - Sorge tragen müssen.
Wie kommt es denn eigentlich, dass wir die Macht verteilen - sprachregional, föderalistisch, direktdemokratisch, parteipolitisch? Wie kommt das, wo doch in sehr vielen anderen Ländern die Macht konzentriert wird? Natürlich hängt es mit unserer Vielfalt zusammen. Keine Sprachgrenze definiert unser Zusammensein; keine Kultur vereint uns abschliessend, auch keine religiöse Einheit. Weil trotz dieser Unterschiede ein ziemlich stabiles Gebilde entstanden ist, wird unsere Schweiz auch eine Willensnation genannt. Und unsere Konkordanz, gekoppelt mit direktdemokratischer Mitbestimmung, ist das passende politische Kleid für diese Willensnation.
Auch das mussten unsere Vorfahren zuerst merken. Anlässlich der Gründung der modernen Schweiz sassen allesamt freisinnige resp. liberale Männer in der Regierung – von der Idee einer Konkordanz keine Spur. Auch Referendum und Volksinitiative fanden erst im Laufe der Zeit Eingang in unsere Bundesverfassung; und gerade die direkte Demokratie hat massgeblich dazu beigetragen, dass sich die Regierung mehr und mehr gegenüber den anderen politischen Kräften öffnen musste – im Sinne der Stabilität. Eine Stabilität, die unser Land auszeichnet: in politischer, wirtschaftlicher und auch sozialer Hinsicht.
Und so verfügt die Schweiz heute – mit direkter Demokratie, Konkordanz und ausgeprägtem Föderalismus – über ein alles in allem ziemlich einmaliges Gesamtpaket. Dieses Paket ist fragil. Es bedingt Respekt vor dem Anderen, Offenheit und den Mut, auf das Verbindende zu setzen – statt auf das, was uns unterscheidet und trennt. Das hat die Schweiz der Vergangenheit ausgemacht und daran wird sich die Schweiz der Zukunft messen. Ich für meinen Teil erachte das als wichtige Erkenntnis der vorangegangenen Generationen, die mir als Politikerin sehr wichtig ist und die ich als Staatsbürgerin auch gerne weiter trage.
Ich danke all jenen, die sich mit Interesse an der Politik beteiligen oder sich auf anderem Weg engagiert für unsere Gemeinschaft einsetzen. Es ist schön und wichtig, dass diese Möglichkeit in der Schweiz allen Menschen aus allen Generationen offen steht, die sich einbringen und Mitverantwortung übernehmen wollen. Ich engagiere mich sehr gerne und mit Stolz für dieses Land und es ist mir eine Ehre, das in diesem Jahr als Nationalratspräsidentin tun zu dürfen.
Stossen wir an auf eine Schweiz, in der das Miteinander im Zentrum steht!
Ich wünsche Ihnen, uns allen ein weiterhin tolles Fest.