Sehr geehrte Preisträger und Gäste aus Goms
Sehr geehrter Herr Grossratspräsident, sehr geehrte Herren Regierungsräte
Sehr geehrter Herr Nationalrat und Herr Ständerat
Sehr geehrte Spitzenvertreterinnen und Spitzenvertreter der
Wald- und Forstwirtschaft
Sehr geehrter Herr Stiftungsratspräsident
Meine Damen und Herren
Vielen Dank für die Einladung, beim höchstdotierten Umweltpreis der Schweiz eine Rede zu halten. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Weil auch mir den Wald sehr wichtig ist, besonders auch der Schutzwald, und weil ich seit vielen Jahren die jährliche Preisübergabe der Binding Stiftung interessiert und erfreut mitverfolge. Es ist fantastisch, dass es eine Stiftung gibt, die diesem wichtigen, überlebenswichtigen Oekosystem Wald immer wieder mit einem hohen Preisgeld für Projekte und Engagement und Innovation Anerkennung gibt.
Mit dem Wald bin ich seit frühester Kindheit verbunden, ich bin direkt neben dem Waldrand aufgewachsen. Das Holzen im eigenen Wald gehörte auf unserem Hof immer dazu, wir heizen und bauen mit unserem eigenen Holz, schon seit vielen Generationen. Und ich möchte Ihnen nicht ohne Stolz sagen, dass auch unsere 4 ha „Bauernwald“ zusammen mit fast der ganzen Waldfläche im Baselbiet schon lange FSC-zertifiziert ist. . Der Wald ist meine grosse Liebe, bin ich zuhause, vergeht kein Tag, wo ich mich nicht im Wald aufhalte. Vielleicht fasziniert er mich auch so, weil es für uns in der Schweiz die letzte Wildnis ist, die nicht total kontrolliert und verändert durch Menschenhand wurde. Nur nachhaltig genutzt wird unser Wald– wir kommen darauf zurück. Sowohl das warme Ofenbänkli des Holzofens im Winter wie auch das kühle Laubdach des Sommerwaldes strahlen ein Gefühl der Geborgenheit aus.
Geborgenheit empfinden auch viele andere Menschen, wenn sie in den Wald gehen. Eine wichtige Rolle spielen hier die Lichtverhältnisse. In vielen Wäldern – sofern es nicht gerade dunkle Fichten-Monokulturen sind – herrscht ein gedämpftes Bestandeslicht. Dieses trägt laut dem bekannten ETH-Professor Hans Leibundgut zur Erholungswirkung des Waldes bei, zur „Empfindung des Natürlichen“. Genau das brauchen wir vielleicht heute immer mehr in unserer durchtechnisierten und durchgeplanten Welt! Der Wald schützt aber nicht nur vor grellem Sonnenlicht und vor Stress.
In vielen Bergtälern der Schweiz wäre ein Gefühl der Geborgenheit, ein Sich-sicher-fühlen der Menschen nicht möglich ohne den Schutzwald. Schutzwälder sind lebenswichtig, nicht nur im Goms oder in Graubünden. Viele Gebiete in der Schweiz wären ohne Schutzwälder unbewohnbar, nicht nur in den Alpen und im Jura. Auch im Mittelland, entlang der Flüsse, wäre das Leben unsicherer. Tausende von Kilometern von Eisenbahnen und Strassen in der Schweiz wären dauernd von Naturgefahren bedroht, ohne die Schutzwälder. Und nicht nur die Verkehrswege, auch mehr als 130‘000 Gebäude wären nicht sicher.
Wenn wir heute relativ selten von grossen Lawinenschäden erfahren, so heisst das, dass die Schutzwaldpfleger in der Schweiz ihre Arbeit (grösstenteils) gut machen. Denn ein Schutzwald ist dann gut, wenn nichts passiert. Noch sind nicht ganz alle Betriebe so fortschrittlich wie Forst Goms, vom diesjährigen Binding Waldpreisträger können andere viel lernen. So ist es der vorbildlichen Schutzwaldbewirtschaftung von Forst Goms und den Vorgängerbetrieben zu verdanken, dass in den letzten Jahren die Lawinenschäden trotz teilweise enormer Schneemengen nicht grösser waren.
Wenn wir zurückblicken, war die Schutzwaldbewirtschaftung in der Schweiz nicht immer vorbildhaft. Im 19. Jahrhundert gab es in der Schweiz im Mittelland Überschwemmungen, wie wir sie uns heute kaum mehr vorstellen können. Der Schweizerische Forstverein forderte den Bundesrat bereits 1856 auf, den Zustand der Wälder im Gebirge im Hinblick auf mögliche Zusammenhänge mit den Hochwassern untersuchen zu lassen. Darauf folgende Berichte der ETH zeigten, dass die Hochwasser auch auf die Abholzung und die Ausplünderung der Wälder zurück zu führen waren. Die Untersuchungen legten den Grundstein für das eidgenössische Forstpolizeigesetz von 1876. Ein Gesetz, das Sie hier im Saal bestens kennen. Dieses schrieb nicht nur das Rodungsverbot fest, sondern ermöglichte auch die Aufforstung von Schutzwäldern. Und wenn wir es auf den Punkt bringen, dann war dies in der Schweiz auch die Geburtsstunde des Begriffs der Nachhaltigkeit. Heute steht die Förderung der nachhaltigen Entwicklung in unserer Bundesverfassung.
Von dieser Weitsicht damals profitieren wir immer noch: Wälder mit Schutzfunktion machen heute rund die Hälfte der Waldfläche in der Schweiz aus. Auf 36 Prozent der Waldfläche, das sind über 400 000 Hektaren, hat der Schutz vor Naturgefahren eine Vorrangfunktion. Diese Wälder haben eine grosse ökonomische Bedeutung. Sie durch technische Verbauungen zu ersetzen, könnten wir uns schlicht nicht leisten. Denn sie wären zehn- bis zwanzigmal teurer als die Schutzwaldbewirtschaftung. Wenn der Bund heute sechzig Millionen Franken pro Jahr für die Schutzwälder ausgibt, ist das, man muss fast sagen: ein Schnäppchen: Viel Sicherheit für wenig Geld. Dafür kriegt man gerade mal ein Viertel von einem Gripen-Kampfflugzeug. Und ob man dafür mehr Sicherheit kriegen würde, ich überlasse Ihnen die Antwort...
Dem Preisträger des Binding Waldpreises 2013, Forst Goms, gelingt es in vorbildlicher Weise, ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Ziele der Schutzwaldbewirtschaftung unter einen Hut zu bringen. Dieser Forstbetrieb kann ein Vorbild sein, wenn es darum geht, künftige Herausforderungen im Schutzwald zu meistern. Den Betriebsleitern wie auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möchte ich herzlich gratulieren zur Auszeichnung mit dem Binding Waldpreis, dem „Oscar der Waldwirtschaft“.
Ob wir uns in Zukunft auch weiterhin sicher fühlen können unter Schutzwäldern, hängt auch davon ab, wie es uns gelingt, auf den Klimawandel zu reagieren. In der Schweiz steigen die Temperaturen kontinuierlich an, um durchschnittlich 0,12 Grad pro Jahrzehnt in den letzten gut hundert Jahren, wie das Bundesamt für Umwelt BAFU errechnet hat. Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Zusammensetzung der Baumarten aus, speziell im Schutzwald. Davon gehen etwa die Forscher der WSL aus. Die Waldfläche hat in den letzten Jahren im Gebirge stetig zugenommen, und die Dichte der Wälder nimmt ebenfalls zu, was sich teilweise positiv auf die Schutzwirksamkeit auswirkt.
Die höhere Baumdichte kann aber auch Gefahren bergen: Waldbrände oder grossflächiger Borkenkäfer-Befall könnten in Zukunft zunehmen, insbesondere auch der Windwurf nach grossen Stürmen. Die Rückversicherungsgesellschaft SwissRe rechnet mit einer Zunahme der Schäden um durchschnittlich ca. 45 Prozent bis im Jahr 2085. Die Anforderungen an die Schutzwaldpflege werden steigen, wenn ein Teil dieser Schäden verhindert werden soll. Sie muss dazu beitragen, die Resistenz des Waldes zu verbessern, etwa durch eine stetige Verjüngung oder eine stärkere Förderung der Baumartenvielfalt.
Die neuen Anforderungen an den Wald durch den Klimawandel sind auch ein wichtiger Grund, warum der Bund kürzlich eine Ergänzung des Waldgesetzes in die Vernehmlassung gegeben hat. So lautet der vorgeschlagene neue Artikel 28a des Waldgesetzes: „Der Bund und die Kantone ergreifen Massnahmen, welche den Wald darin unterstützen, seine Funktionen auch unter veränderten Klimabedingungen dauernd und uneingeschränkt erfüllen zu können.“ Konkret soll der Bund die Kantone insbesondere bei der Jungwaldpflege ausserhalb des Schutzwaldes stärker unterstützen, aber auch die Schutzwaldpflege selbst, in beiden Fällen mit rund 10 Millionen Franken.
Die Wald- und Forstbranche kann aber nicht nur auf den Klimawandel reagieren, sie kann auch dazu beitragen, diesen zu vermindern. Wird Holz als Baustoff verwendet, bleibt das CO2 während der Lebensdauer der Bauten im Holz gebunden. Holz benötigt für die Herstellung im Gegensatz zu Beton kaum „graue Energie“. Bei Neubauten sollten deshalb sowohl die öffentliche Hand wie auch Private mehr Holz einsetzen. Denn die vermehrte Verwendung von Holz ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer „Grünen Wirtschaft“, die der Bundesrat auch durch eine Änderung des Umweltschutzgesetzes stärken will. Hier setzt der Aktionsplan Holz des Bundes an, dessen Wirkung durch die Revision des Waldgesetzes noch verstärkt werden soll.
Als Präsidentin des Nationalrates möchte ich den Preisträgern von Herzen gratulieren und Ihnen für Ihren grossen Einsatz, Ihr Engagement und Ihr Können danken. Auf für unsere nachfolgenden Generationen werden wir in der Schweiz vorbildliche Schutzwälder brauchen. Sie ermöglichen in der Vergangenheit und sie werden es genau so in der Zukunft ermöglichen, in Sicherheit vor Naturgefahren zu leben und sich geborgen fühlen.
Ich danke Ihnen und wünsche Ihnen noch eine Wunderschöne Feier!