​Es gilt das gesprochene Wort

Grusswort von Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger

Ihre Veranstaltung steht unter dem Titel: „Fest der Freiwilligen“. Freiwilligenarbeit hat sehr viel zu tun mit Solidarität. Oder noch präziser ausgedrückt: Fast jede Art von freiwilligem Einsatz ist in ihrem Grundgedanken auch ein Akt der Solidarität. Und diese Solidarität ist in der Präambel der Bundesverfassung verankert.

Sie beginnt mit folgendem Wortlaut: Im Namen Gottes des Allmächtigen! Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.

Solidarisch sein kann man auf ganz unterschiedliche Art und Weise: es gibt staatlich regulierte Solidarität – darunter gehören zum Beispiel die AHV, die IV oder der kantonale Finanzausgleich. Es gibt eine ideelle Solidarität in Form eine Kundgebung auf dem Bundesplatz. Wir können uns solidarisch zeigen, indem wir nach einer Überschwemmung die Betroffenen beim Aufräumen tatkräftig unterstützen. Wir können Erdbebenopfern Geld spenden. Oder wir engagieren uns in einer gemeinnützigen Organisation wie Pro Senecute eine ist. All diesen Aktivitäten ist eines gemeinsam: Sie tun Gutes und dienen dazu, Situationen von Einzelnen oder Gemeinschaften zu verbessern.

Solidarität ist kein Gnadenakt, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit innerhalb einer Gemeinschaft. Sie ist Selbstzweck oder besser gesagt: der Kitt unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft aus Egoisten und Ignoranten ist nicht überlebensfähig.

Leistungen für das Gemeinwohl haben in der Schweiz eine lange Tradition. Die Geldspende ist dabei die beliebteste Form für gesellschaftliche Solidarität und bürgerschaftliches Engagement. Gemäss dem Zentrum für philanthropische Studien der Universität Basel spenden Schweizer Bürger verhältnismässig viel und häufig. Interessant ist dabei die Aussage, wonach die Menschen vielfach lieber Geld als Zeit für gemeinnützige Zwecke spendeten. Wieso das so ist? Geldspenden werden als eine Art „Freikauf“ von gemeinnütziger Tätigkeit verstanden. Personen, die nur ungern Freizeit opfern, aber sich dennoch engagieren möchten, spenden lieber einen Geldbetrag als Zeit.

Aber es gibt sie, die vielen Bürgerinnen und Bürger, die sich persönlich engagieren wollen – bei Pro Senectute zum Beispiel. Bei der Luzerner Sektion leisten 1300 Frauen und Männer 50‘000 Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr, angefangen bei der Frau Präsidentin Ida Glanzmann bis zu den lokalen Vereinigungen in den Gemeinden. Sie sind die Bindeglieder zwischen der älteren Bevölkerung in den Gemeinden und den regionalen Beratungsstellen. Sie machen Besuche bei betagten Menschen, helfen beim Ausfüllen von Steuererklärungen, bringen Mahlzeiten vorbei, erteilen unentgeltlich Rechtsauskünfte. Freiwillige helfen mit bei der Mittelbeschaffung, indem sie von Tür zu Tür gehen, um Spenden für die Altersarbeit zu sammeln.

Einen grossen Stellenwert haben auch diese rund 400 Personen, die im ganzen Kanton im Auftrag und Namen von Pro Senectute Sportangebote für die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger anbieten. Stiftungsrat und Stiftungsversammlung helfen, die Pro Senectute Luzern zu einem erfolgreichen Kompetenzzentrum zu mache. All diese freiwilligen Hilfeleistungen – ob klein oder gross - stellen einen unerlässlichen Beitrag für eine funktionierende Gesellschaft dar. Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement ganz herzlich – und das auch im Namen des eidgenössischen Parlaments.

Ohne Freiwilligenarbeit, meine Damen und Herren, kann kein Land existieren. Unvorstellbar die finanziellen Folgen, die unsere Volkswirtschaft bewältigen müsste, gäbe es keine kostenlosen Dienstleistungen von engagierten Bürgerinnen und Bürgern. Die enorme Bedeutung der Freiwilligenarbeit lässt sich am besten mit einer Frage sichtbar machen: Was wäre, wenn es keine Freiwilligenarbeit gäbe? Unser Sozialstaat würde kollabieren, das politische System würde auseinanderbrechen, die Sport- und Musikvereine verschwänden und das kulturelle Leben läge darnieder. Kurzum: Es herrschte das Chaos.

Dabei wird unsere Zivilgesellschaft zunehmend auf gemeinnützige Arbeit angewiesen sein. Die demografische Entwicklung lässt nichts anderes zu. Wer heute pensioniert wird, hat gemäss Statistik noch gut 15, 20 Lebensjahre vor sich – Tendenz steigend. Diese Perspektive gibt Raum für eine Neuorientierung. Wollen wir unser Gemeinwesen auf bisherigem Niveau aufrechterhalten, sind wir auch zunehmend auf die Unterstützung der jungen, fitten Pensionärinnen und Pensionären angewiesen. Ich nehme mich da nicht aus. Ich gehöre, rein AHV technisch, ab dem nächsten Jahr auch zu dieser dritten Generation; oder, ich sage zuweilen an einem Schützenfest den Jungschützen, ich sei bei den Senioren in der Juniorenabteilung.

Es ist vermutlich angenehm, nach der Pensionierung mehr Zeit für sich und weniger Verpflichtungen zu haben. Aufgeschobene Dinge werden erledigt. Und wenn man dann alles erledigt hat, was man wollte, kommt nicht selten eine Leere. Das Gefühl „gebraucht zu werden“ fehlt.  Man fühlt sich längst nicht „alt“, sondern „reif“ und „lebenserfahren“. Mit diesem Hintergrund gibt es weit mehr Betätigungsfelder als nur die klassischen Freizeitaktivitäten.

Aktives Altern hört nicht mit dem Ruhestand auf, es geht über den Rahmen einer Beschäftigung hinaus. Warum sollte ein ehemaliger Unternehmer einem Jungunternehmer nicht zur Seite stehen? Wissen und Erfahrungen, die während einer jahrzehntelangen Berufskarriere angesammelt hat, sind nicht von einem auf den anderen Tag wertlos. Erfreulicherweise gibt es inzwischen verschiedene Initiativen und Projekte, die auf das Wissen und Können pensionierter Freiwilliger zurückgreifen. Ein solches Projekt gibt es auch bei Pro Senectute: „Seniorinnen und Senioren im Klassenzimmer“ läuft bereits seit einigen Jahren erfolgreich. Ich bin überzeugt: in diesen Schulstunden kann man oft in zufriedene Gesichter blicken. Da profitieren letztlich beide Seiten, beide Seiten sind gefordert. Das schafft Verständnis, Respekt und Toleranz.

Meine Damen und Herren – es sagt viel über eine Gesellschaft aus, wie sie mit den älteren Generationen umgeht. Wenn Seniorinnen und Senioren Aufgaben übertragen werden, sie mitgestalten können, kurzum: sie als unverzichtbarer Teil der Gemeinschaft angesehen werden, so wird – davon bin ich überzeugt – die Motivation „sich nützlich zu machen“ weitaus grösser sein. Denn auch die „jungen Alte“ wollen Perspektiven.

Das Ziel einer Gesellschaft muss es sein, glücklich zusammen zu leben. Man sollte unsere Gesellschaft im Grunde nicht in Generationen teilen, sondern soll sie als Ganzes sehen. Als Basis für das Handeln aller Art. Das Handeln aller muss ineinandergreifen, weil man Rücksicht auf die anderen nehmen muss. Solidarisch sein – Mitgefühl, Anteilnahme, Verständnis zeigen – sind Eigenschaften, die wir in unserer individualisierten, hektischen und auch zum Teil egoistischen Zeit wieder stärker pflegen müssen. Wir tragen Verantwortung auch gegenüber der Gemeinschaft. So wie dies Pro Senectute seit bald 100 Jahren (gegründet 1917) tut. Der Staat kann bei Weitem nicht alles leisten. Freiwilliges Engagement lohnt sich nicht nur für einen Staat, sondern auch für jeden der sich engagiert. Denn, so sagte einst Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer: „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt“.

Geschätzte Damen und Herren – ich wünsche Ihnen ein schönes Fest. Es ist Ihnen gewidmet und Sie haben es sich reichlich verdient. Ich wünsche Ihnen für Ihre Tätigkeit weiterhin viel Freude und sage nochmals: Dankeschön!