Es gilt das gesprochene Wort

 

Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Dorfbewohnerinnen, liebe Dorfbewohner
Geschätzte Autorinnen und Autoren (mehrere?)

Warum schreiben wir Geschichte? Darauf gibt es natürlich verschiedene Antworten. Eine wohl ganz allgemein gültige lautet: Weil wir die Vergangenheit kennen müssen, um die Gegenwart besser begreifen zu können. Die persönliche Vergangenheit, die, der Familie, des Dorfes, des Kantons und Landes sind sozusagen Erklärstücke. Sie sind Teil unserer Identität, sie sind unsere Wurzeln und geben uns Halt.

Wer sich mit der Geschichte befasst, setzt ein Puzzle zusammen. Die passenden Teilchen müssen gesucht und richtig zusammengefügt werden. Dazu braucht es viel Geduld. Die so neu zusammengesetzten Bilder entsprechen neuen, vielleicht ganz unerwarteten Erkenntnissen. Chronistinnen, Chronisten verfolgen wohl nicht in erster Linie das Ziel, mit ihrer Arbeit der Wissenschaft zu dienen. Ich vermute vielmehr, sie wollen sich mit ihren Ergebnissen vor allem an die Bewohnerinnen und Bewohner ihres Dorfes wenden. Die Autorinnen, Autoren helfen mit ihren Recherchen, den Dörfern und seinen Menschen einen Platz in der Vergangenheit zuzuweisen; Identität zu schaffen und zu stärken.

Aber es wäre natürlich schade, die Wissenschaftler an den Universitäten würden die Erkenntnisse der Heimatforscher nicht nutzen. Denn Dorfgeschichten sind ebenfalls Puzzleteilchen. Zusammengesetzt ergeben auch sie neue Bilder, neue Zusammenhänge, es lassen sich Parallelen erkennen. Oder anders ausgedrückt: Viele Einzelteile geben ein Ganzes. Vor einem globalen Hintergrund betrachtet sind Chroniken wie die „Neue Balgacher Dorfgeschichte“ zwar ein unbedeutender Beitrag an das Verständnis der Weltgeschichte. Doch je enger der geografische Fokus gezogen wird, desto grösser wird Bedeutung der Lokalgeschichte. Und vielleicht ist gerade Balgachs Vergangenheit das entscheidende, gesuchte Teilchen. Und wir wissen es alle: Wem ein Puzzleteil fehlt, wird sich immer darüber ärgern, - auch wenn das Bild erkennbar ist.

Meine Damen und Herren
Bereits seit einigen Jahren widmet sich die Geschichtswissenschaft auch Aspekten der Alltagsgeschichte, der Kulturgeschichte und der Sozial-geschichte. Wenn Sie schauen, wie viele Publikationen sich mit den Lebensumständen unserer Vorfahren auseinandersetzen, so darf man sagen, dass die Ortsgeschichtsschreibung liegt im Trend. Es sind nicht aber mehr Dorfchroniken dessen, was einmal war, die heute entstehen. Es sind auch nicht mehr – wie beispielsweise der Berner Historiker Claude Longchamp bemerkte – Heimatkundebücher oder publizierte Familienalben, die auf den Buchmarkt kommen. Es sind vielmehr historische Werke, die sich an der zeitgenössischen Geschichtsschreibung orientieren. So entsteht eine Sicht von aussen, die nichts mit freundlicher Hofberichterstattung, dafür viel mit einer historischen Informationsschrift zu tun hat.

Ich glaube, genau das ist den Autorinnen und Autoren „Der neuen Balgacher Ortsgeschichte“ gelungen. Sie haben mit ihrem Werk wortwörtlich Geschichte geschrieben. Dazu gratuliere ich Ihnen herzlich.

 

06.05.2009