Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir sind heute in diesem Saal versammelt, um Bundespräsident Adolf Ogi zu verabschieden. Er wird am 31. Dezember sein Amt als Bundesrat niederlegen, das er 13 Jahre lang bekleidet hat.
Adolf Ogis Weg in die Bundespolitik verlief anders als bei den meisten von uns, war er doch nie Mitglied einer Gemeinde- oder Kantonsbehörde.
Vor 21 Jahren wurde er auf der Liste «SVP Emmental Oberaargau», auf der er an dritter Stelle figurierte, auf Anhieb in den Nationalrat gewählt. Vier Jahre später, im Jahre 1983, wurden die vier gleichen Nationalräte dieser Liste wiedergewählt, aber diesmal stand Adolf Ogi an oberster Stelle. Einen triumphalen Erfolg verbuchte er bei seiner Wiederwahl im Jahre 1987, als er auf einer Liste, die merkwürdigerweise das Berner Oberland nicht einschloss, 124'000 Stimmen erntete und somit das beste Wahlergebnis der Schweiz verzeichnete.
Von 1984 bis 1987 war er Präsident der Schweizerischen Volkspartei und in den Jahren 1986 und 1987 präsidierte er zudem die Militärkommission des Nationalrates.
So verlief der ungewöhnliche Weg dieses Mannes, der sich seine Sporen an der Spitze eines grossen Unternehmens abverdient hatte. Mit seiner Dialogfähigkeit und seinem angeborenen Kommunikationstalent hatte er schon als Parlamentarier viel erreicht. Die Bundesversammlung, angetan von seiner heiteren Entschlossenheit, seiner Bescheidenheit, seiner Tatkraft, seinem offenen Geist und seiner bildhaften Sprache, zögerte nicht, ihn in die Regierung zu wählen. Als Bundesrat setzte er sich von Anfang an und mit Erfolg dafür ein, die Beziehungen zwischen Staat und Bürger zu verbessern. Landauf, landab freuten sich die Bürgerinnen und Bürger über diesen offenen und freimütigen Staatsmann. Seine Ausbildungszeit in La Neuveville hatte ihn den Romands näher gebracht, die übrigens voller Interesse auf das Ergebnis der namenskundlichen Nachforschungen warten – heisst er nun Ogi oder Oguey?
Adolf Ogi stand acht Jahre dem Verkehrs- und Energiewirtschafts-departement vor und musste sich dabei mit äusserst komplexen Themen auseinandersetzen. Kaum in seinem Amt, wurde er mit der Koordinierten Verkehrspolitik konfrontiert, die von den Strassenverbänden bekämpft und 1988 vom Volk abgelehnt wurde.
In diese Zeit fallen aber auch verschiedene Abstimmungserfolge. Die «Kleeblatt»-Initiativen gegen den Bau neuer Autobahnabschnitte wurden verworfen; 1990 wurde der neue Energieartikel mit grosser Mehrheit angenommen; die Atomausstiegsinitiative wurde abgelehnt, die Moratoriumsinitiative hingegen angenommen. Ein klares Verdienst des damaligen EVED-Vorstehers war die Annahme des NEAT-Beschlusses im Jahre 1992.
Mit dem Volks-Ja zur Alpeninitiative im Jahre 1994 erschwerten sich die Beziehungen zu unseren Nachbarn. Dass bei den bilateralen Verhandlungen mit der Europäischen Union dennoch eine Lösung für den Schwerverkehr herbeigeführt werden konnte, ist einzig einer tüchtigen Portion diplomatischen Geschicks zu verdanken.
Im November 1995 übernahm Adolf Ogi das Militärdepartement, das 1999 in «Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport» umgetauft wurde.
Bundesrat Ogi stellte im Juni 1999 eine neue Verteidigungspolitik vor: «Sicherheit durch Kooperation». Nach diesem Konzept besteht die Aufgabe der Armee nicht mehr nur in der autonomen militärischen Landesverteidigung, sondern darin, die verschiedenen Bedrohungen gegenüber dem Staat abzuwenden und die Existenz der Bevölkerung zu sichern, wobei die Schweiz sich aktiv an der Friedensförderung der internationalen Gemeinschaft beteiligen soll. In diesem Sinne ist auch die jüngste Revision des Militärgesetzes zu verstehen, die bewaffnete Auslandeinsätze von Schweizer Soldaten vorsieht.
Der jüngste Feldzug Adolf Ogis richtete sich gegen die Initiative zur Senkung der Militärausgaben. Die Mehrheit des Stimmvolkes hat diese Initiative abgelehnt und sich damit für eine glaubwürdige Landes-verteidigung ausgesprochen. Mit den Projekten Armee XXI und Bevölkerungsschutz hat Adolf Ogi seinem Nachfolger den Weg zu den Reformen vorgezeichnet, welche nötig sind, um die sicherheitspolitischen Instrumente auf die heutigen Herausforderungen auszurichten.
Unter Adolf Ogi hat die Schweiz sich stark an der internationalen Friedensunterstützung beteiligt, sei es über die Gelbmützen in Bosnien-Herzegowina, über eine Schweizer Kompanie im Kosovo – die Swisscoy – oder über die Beteiligung an OSZE- und UNO-Einsätzen. In Genf wird zudem ein internationales Zentrum für humanitäre Minenräumung errichtet.
Seit dem Fall der Berliner Mauer steht unsere Neutralität vor einem neuen Hintergrund, der den Beitritt zur «Partnerschaft für den Frieden» rechtfertigte. «Die Schweiz ist ein Partner, auf den Sie zählen können», sagte Bundesrat Ogi dem Generalsekretär der NATO, Javier Solana, als die Schweizer Beteiligung besiegelt war.
Seit kurzem figuriert der Sport in der amtlichen Bezeichnung eines eidgenössischen Departementes, ein Tätigkeitsfeld, das Bundesrat Ogi sicher an seine jungen Jahre erinnert, an die schöne Zeit, als er an den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo als technischer Direktor des Schweiz. Skiverbandes die Schweizer Equipe betreute – unsere Russis, Collombins, Nadigs, und wie sie sonst noch hiessen. Wie gross mussten seine Freude und sein Stolz gewesen sein, als er unlängst in diesem Saal die Medaillengewinner und – gewinnerinnen von Sydney empfangen konnte ! Dass das Wallis mit seiner Kandidatur für die Winterspiele 2006 scheiterte, war eine bittere Enttäuschung für die Schweiz und für Bundesrat Ogi, der sich so sehr für diese Kandidatur eingesetzt hatte.
Unser scheidender Bundesrat war zweimal Bundespräsident. Mit den gleichen Eigenschaften, die ihn im eigenen Land so beliebt gemacht haben, eroberte er auch die Herzen seiner ausländischen Staatsgäste. 1993 empfing er Königin Beatrix der Niederlande, im gleichen Jahr versetzte er Kandersteg ins weltpolitische Rampenlicht, als er dort mit Präsident Mitterand zu Besuch war. Auch dieses Jahr hat er verschiedene Staatsoberhäupter empfangen: die Präsidenten Johannes Rau und Thomas Klestil und vor kurzem Albert II, den König der Belgier. Den UNO-Generalsekretär Kofi Annan und den Kronprinzen von England lud Adolf Ogi ebenfalls nach Kandersteg ein, wo er ihnen zum Zeichen der festen freundschaftlichen Verbundenheit einen Alpengranit überreichte.
Gegenüber diesen hohen Besuchen hat Adolf Ogi immer auf die Besonderheiten unseres politischen Systems und unserer Mentalität hingewiesen. Erlauben Sie mir hier folgendes Zitat:
«Die Berge haben uns geprägt. Auf dem Weg zum Gipfel schreiten wir bedächtig voran. Wir setzen einen Fuss vor den andern. Immer wieder prüfen wir die Route. Eine Politik der kleinen Schritte entspricht unserem Naturell.» (Ende des Zitats)
Adolf Ogi war – nach Hanspeter Seiler - der zweite Schweizer Politiker, der am Jahrtausendgipfel sein Wort an die Generalversammlung der Vereinten Nationen richtete.
Bei all diesen Gelegenheiten hat sich Adolf Ogi stets bemüht, unser Land im besten Licht zu zeigen, denn er hat in seinem ganzen Wirken immer an die Schweiz geglaubt, an ihre einzigartigen politischen Strukturen, aber auch an ihre Fähigkeit, zur Lösung der Probleme dieser Welt beizutragen. Dank seines unerschütterlichen Optimismus konnte er viele Schwierigkeiten überwinden. Und wir erinnern uns, dass er all jenen, die ihm vorwarfen, es dabei zu weit zu treiben, sehr treffend gesagt hat: «Vielleicht seid gerade ihr es, die nicht genug tun».
Mir ist es versagt, Bundespräsident Ogi zur Krönung seiner glänzenden politischen Laufbahn und für seine Verdienste gegenüber der Schweiz eine Goldmedaille umzuhängen - wir kennen ja alle das Verbot einen Orden anzunehmen – doch möchte ich ihm im Namen der Bundesversammlung herzlich danken und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft wünschen.