1) Berlin: Aufbruch, Umbruch, Zwischenhalt

Vor etwas mehr als Monatsfrist hatte ich Gelegenheit, im Rahmen des jährlichen Treffens von ehemaligen Nachdiplom-Absolventen der Columbia University in New York, Berlin, die alte und wieder neue Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland zu besuchen. In guter Erinnerung bleiben mir eine abendliche Rundfahrt mit einem alten Flussdampfer auf der Spree, eine architektonisch geprägte Stadtführung durch Potsdam sowie ein festliches Abendessen auf dem Dach des Reichstages. Von allen Beobachtungsebenen, also aus der Froschperspektive der Spree, vom Gang durch die Häuserschluchten der Innenstadt wie schliesslich aus der Vogelperspektive des Reichtagsgebäudes sahen wir unzählige Baugruben, Kräne, emsiges Treiben ....: Berlin, eine Stadt mitten im Aufbruch, im Umbruch, aber auch eine Stadt mit spürbarem Bedarf der alteingesessenen Bevölkerung nach einem Zwischenhalt, nach einer Auseinandersetzung mit den eingetretenen Veränderungen, nach Angewöhnung an das Neue.

Berlin, eine wichtige Tür zum Osten, stellt eine Zäsur, einen Merkpunkt in einem wichtigen Stück Weltgeschichte dar. War bis 1989 die trennende Mauer schmerzlicher Ausdruck dieser Zäsur, so ist Berlin heute Scharnier und einladender Drehpunkt zwischen West und Ost, vor allem im Zusammenhang mit der geplanten Osterweiterung der Europäischen Union.

Berlin ist heute auch wieder Sitz der Botschaften und damit Stadt der Botschafter und Botschafterinnen (oder Botschaftersgattinnen). Das renovierte Schweizer Botschaftgebäude steht dabei mit dem oft gelobten und zugleich kritisierten Versuch einer Symbiose von Alt und Neu im Mittelpunkt des Interesses, und das vielleicht nicht nur immer wegen des Botschaftsgebäudes.


2) Matura: Aufbruch, Umbruch, Zwischenhalt

Liebe Maturandinnen und Maturanden

Ihr habt nach langer und intensiver Vorbereitung, am Ende einer mehrjährigen Ausbildungphase, die Maturaprüfung erfolgreich bestanden und werdet heute das Reifezeugnis erhalten. Ich gratuliere Euch von Herzen zu diesem verdienten Erfolg, über den Ihr Euch uneingeschränkt freuen dürft. Ich beglückwünsche aber auch uns Eltern, die wir mit heimlichem Stolz über den Erfolg unserer Söhne und Töchter zur Maturafeier gekommen sind.

Berlin und die Matura: beide stehen für Aufbruch, Umbruch, aber auch für Zwischenhalt. Wenn ich an meine Maturafeier im Juni 1968 in Einsiedeln zurückdenke, so erinnere ich mich, dass mich damals, nach der Spannung in den Wochen und Monaten vor der Prüfung, eine leicht beklemmende Leere beschlich. Doch dieser Zustand hielt nicht lange an, denn ich sah bereits den Aufbruch zu den nächsten Etappenzielen vor mir. Dieser Vorgang wiederholte sich auch später wieder, sei es beim Lizenziat an der Universität Freiburg oder beim Anwaltsexamen hier in Zug. Es gibt jedoch auch gute Gründe für den anderen Weg: den Wunsch, am Etappenziel einen Zwischenhalt einzuschalten. Ein solcher Zwischenhalt macht meines Erachtens dann Sinn, wenn ich ihn kreativ nutze, wenn er zu einer schöpferischen Ruhepause wird.


3) Was erwartet Euch als Maturi und Maturae ?

Vor Euch habt Ihr ein Leben, eine Weiterbildung, einen Beruf in einer globalisierten Welt, also in einer Welt der zeitverzugslosen Kommunikation, des weitgehenden Wegfalls von Handelshemmnissen und Mobilitätsschranken. Investitionskapital und industrielles Wissen können örtlich ungehindert verschoben, Arbeitsplätze können dorthin verlagert werden, wo sie den grösstmöglichen wirtschaftlichen Vorteil zu bringen versprechen. Ihr steht also bald einmal im Wettbewerb mit Jugendlichen aus aller Welt, sehr oft mit vergleichbaren Qualifikationen und Chancen, nicht selten 1 - 2 Jahre jünger als Ihr. Damit kommt zum Ausdruck, dass sich Wissen und Erfahrung nicht mehr monopolisieren lassen, denn sie sind über Internet und andere moderne Informationstechnologien jederzeit und überall zugänglich. Wir werden in unserem Leben nicht mehr einfach deshalb Erfolg haben, weil wir als Schweizerinnen und Schweizer bessere Startchancen haben, wie das in den 20 oder 30 Jahren nach dem 2. Weltkrieg der Fall war, oder weil wir in einem Land mit tiefer Inflation und tiefen Zinsen leben. Als Binnenland und Land ohne Rohstoffe (von der Wasserkraft abgesehen) standen und stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, besser zu sein als der Durchschnitt der Anderen, vor allem indem wir unsere menschlichen und geistigen Kräfte optimal nutzen und einsetzen. Dabei müssen wir lernen, mit den heute praktisch unbeschränkt verfügbaren Informationen kritisch umzugehen, also lernen, die modernen Informationstechnologien zu nutzen, um nicht von ihnen benutzt zu werden. Es gilt aber auch, aus den oft beengenden schweizerischen Grenzen auszubrechen und wieder vermehrt zu Weltbürgerinnen und Weltbürgern zu werden, sei es durch das Lernen von Sprachen, durch das Sammeln von Erfahrungen vor Ort, durch den Kontakt mit fremden Kulturen und Lebensweisen. Es gilt, sich noch vermehrt die Fähigkeit anzueignen, mit den Menschen anderer Kulturen kommunizieren zu können, was voraussetzt, dass wir ihre Kulturen kennen lernen und mit ihnen in einer ihnen vertrauten Sprache sprechen können. Denn Wissen für sich allein nützt nichts, wenn wir dieses Wissen nicht vermitteln, nicht weitergeben können. In diesem Sinne erwarten die Gesellschaft und die Wirtschaft wieder vermehrt junge Leute mit Zivilcourage, mit einem guten Bildungs- und Erfahrungsschatz, mit der Bereitschaft zum Engagement zugunsten von Dritten. Also nicht in erster Linie "Fachidioten", sondern junge Leute mit Allgemeinwissen, mit sozialer Kompetenz, mit der erlernbaren Fähigkeit, komplexe ethische und gesellschaftspolitische Fragen (ich denke an Fragen wie Gentechnologie, Fortpflanzungsmedizin, passive Sterbehilfe usw.) verantwortungsbewusst und konstruktiv kritisch anzugehen. Gefragt sind immer wieder Innovation und Kreativität, Offenheit und Risikobereitschaft, neuer Unternehmergeist und Selbstvertrauen - nie aber lähmendes Festklammern am Erreichten. Auf diesem Hintergrund rufe ich Euch auf, den mit der Matura verbundenen Aufbruch oder den (hoffentlich kreativen) Zwischenhalt zu nutzen und Euch mit Lust, Wissensbegier und Entdeckungsfreude auf die nächste Zwischenetappe zu begeben.


4) Was dürft Ihr als Maturi und Maturae von der Gesellschaft erwarten ?

Unsere Botschafterinnen und Botschafter haben im Rahmen ihres diplomatischen Dienstes eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: Einerseits müssen sie Kunde geben über unser Land, das sie in der Welt vertreten; sie sind damit gleichsam Aushängeschild für uns und unser Land. Sie müssen anderseits Informationen und Erfahrungen sammeln, damit sie uns ein besseres Bild und Verständnis abgeben können über die Völker und Länder, die sie besuchen. Als Maturi und Maturae seid auch Ihr aufgerufen, Botschafterinnen und Botschafter zu werden, für Euch selbst, für die Kantonsschule, für unseren Kanton, für unser Land. Damit Ihr diese Aufgabe in der heutigen Wissenswelt erfolgreich bewältigen könnt, habt Ihr das Recht, Chancen bestmöglich nutzen zu können (ich denke an die Verfügbarkeit und den Zugang zu Ausbildungsplätzen und Studienorten im In- und Ausland). Ihr dürft gleichzeitig erwarten, dass man Euch mit Aufmerksamkeit und Achtung begegnet (wie Ihr das gegenüber der älteren Generation selbstverständlich auch tun werdet). Und Ihr habt einen legitimen Anspruch, die Welt - Eure Welt, die Umwelt - Eure Umwelt und die Zukunft - Eure Zukunft, aktiv mitgestalten zu dürfen.

Auf der politischen Ebene kennen wir diese Erwartungen und Hoffnungen der jungen Generation, auch wenn wir nicht immer in der Lage sind, rasch und wirksam Lösungen anzubieten. Wie Ihr in den letzten Tagen jedoch habt lesen können, ist das Bildungssystem der Schweiz im Umbruch. So nimmt die Schweiz aktiv teil am Projekt eines Hochschulraums Europa. Kürzlich sind in Prag die Voraussetzungen für dieses "Europa der Ausbildung" von den europäischen Bildungsministern neu bekräftigt worden:
  
 • vergleichbare Studienstrukturen
 • eine erleichterte Mobilität der Studierenden, Lehrenden und Forschenden
 • vergleichbare Ausbildungsstandards mit einem in Europa einheitlichen

Kreditpunktesystem.

In Prag konnte die Ministerkonferenz u.a. feststellen, dass das Prinzip der

Einführung vergleichbarer zweistufiger Studiengänge nach dem Bachelor-Master-Modell inzwischen in fast ganz Europa akzeptiert wird. "Die Schweizer Universitäten verändern sich in den nächsten zehn Jahren so fundamental wie in den letzten fünfhundert Jahren", so kürzlich der Rektor der Universität St. Gallen. Als Ausfluss dieser Bestrebungen wird die Universität St. Gallen als erste Schweizer Hochschule bereits mit dem Studienjahr 2001/2002 das gesamte Studienangebot auf die neue Ordnung umstellen, während die ETHZ und andere Hochschulen auf den gleichen Zeitpunkt in einzelnen Fächern neue, gestufte Studiengänge einführen. Ab Herbst 2002 sollen in der Schweiz zudem auch erste Fachhochschul-Masterstudiengänge angeboten werden können.

Mit diesen und vergleichbaren Investitionen in eine zeitgemässe Bildung und, angesichts der Wissensverfallzeit von heute noch ca. 5 Jahren - in eine permanente Weiterbildung, sichern wir die Attraktivität des Wirtschafts- und Forschungsstandorts Schweiz und so auch die Voraussetzungen für eine soziale Schweiz.


5) Schlusswunsch

Junge Menschen leben gerne mit oder im Angesicht von Idolen, von Idealen, von Idealvorstellungen. Im nicht immer nur sonnigen Alltag besteht jedoch rasch einmal die Gefahr, dass infolge von Enttäuschungen, von Widerwärtigkeiten aller Art, von Neid und Missgunst die Fähigkeit zum Leben mit Idealen und Träumen verloren geht. Ich wünsche euch daher hier und heute: Glaubt an das Gute in der Welt, entwickelt Visionen, sucht mutig und selbstbewusst nach Veränderungen, denn aus der Veränderung, aus dem Umbruch entstehen immer wieder neue Chancen. Ich wünsche aber auch, dass Ihr nicht in erster Linie das Streben nach Geld, nach Verdienst, nach Selbstverwirklichung, sondern den Mitmenschen, die Menschenwürde und das Einstehen füreinander in den Vordergrund Eurer Zukunftspläne stellt. So kann sich jeder und jede von Euch persönlich dafür einsetzen, dass das Leben für Alle auf dieser Welt lebenswert wird.