Liebe Musikerinnen und Musiker
Liebe Parlamentarierinnen und Parlamentarier
Es gibt auf der Welt manch einen Dirigenten von internationalem Renommee, der Mozarts 47. Symphonie dirigiert hat. Ich für meinen Teil habe mich vor einer Woche damit beschieden, die Ouvertüre zur 47. Legislatur zu dirigieren, was mit 64 in allen Rängen und Gängen unseres Parlamentsorchesters verteilten Neulingen gar nicht etwa eine leichte Aufgabe war. Aber ich wage zu hoffen, dass diese Interpretation sich erfolgreich und harmonisch auf die verschiedenen Sätze unserer Legislatur anwenden lassen wird.
Musik und Politik…
Politica e Musica … (auf Italienisch und Rätoromanisch)
Musique et politique…
Dieser vollendete Zusammenklang - von vier Landesstimmen, wie Sie gehört haben - ist mehr als blosser Buchstabenreim. Ein Parlament dirigieren heisst, die Partituren genau kennen, den Takt halten und Nuancen wiedergeben, die Stimmen geschickt dosieren und die einzelnen Musiker richtig führen können, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen. Das ist eine Herausforderung, die jeder Präsident ehrenvoll, aber auch in Bescheidenheit annimmt.
Wir alle sind - jeder auf seine Weise, Sie in der Musik, wir in der Politik - Künstler der modernen Gesellschaft. Charles Gounod stellte in seinem Essay „L’artiste dans la société moderne“ beunruhigt fest: „Da das Leben der Existenz gewichen ist, wundert es nicht, dass nun auch das Sein dem Schein und das Wissen dem blossen Wissen-wie weicht“.
Weder Sie, liebe Musikerinnen und Musiker des Berner Musikkollegiums, noch wir, Parlamentarierinnen und Parlamentarier dieses Landes, sind dazu aufgerufen, das Sein dem Schein zu opfern. Unser Handeln muss wirksam und verantwortungsvoll, von Wissen erfüllt und auf das Wohlergehen und den Wohlstand der Bürgerinnen und Bürger unseres geliebten Landes ausgerichtet sein.
Der vor der Tür stehende 10. Dezember sorgt nun schon seit Wochen für eine geladene, wenn nicht gar gewitterhafte Stimmung. Jeder sieht einem Chaos entgegen, das wiederum jeder auf seine Weise verhindern will. An diesem Tag werden wir also fortissimo spielen müssen. Harfen und Piccolos werden wir hinter der Bühne lassen und mit Posaunen, Pauken und Tambouren auftreten. Den Urnen wird eine zeitgenössische Schöpfung entsteigen, die weder das Publikum noch die Akteure selbst gekannt haben, eine Art Wagnersche Oper mit sieben Solisten und einem 246-köpfigen Klangkörper, ein historisches Werk, in Form und Klang landesregierungstauglich ausgestaltet.
Kommen wir zurück auf Charles Gounod und seine damals weltweit erfolgreiche «Faust»-Oper. Im 19. Jahrhundert war es üblich, die Opern mit einem Ballett zu unterteilen. Gounod beugte sich diesem Brauch und fügte im fünften Akt ein Ballett ein, Margarethe genannt, mit eben diesen sieben Sätzen, die wir heute Abend gehört haben. Ich habe allerdings nicht die Absicht, hier auf Gounods Pfaden zu wandeln, denn ich fürchte doch sehr, dass Ballerinenkünste nicht gerade die Spezialität der Ratsmitglieder sind. Allzu viel kann man von ihnen nun doch wieder nicht verlangen…
Wie eine schöne Tradition es gebietet, sind wir heute Abend in den Genuss eines hochstehenden Konzerts unter der fachkundigen Leitung von David Schwarb gekommen. Das Konzert war nicht nur geprägt von diesem Charakter der deutschen Musik, der « aufwühlt und irre macht », wie Gounod selbst sagte, sondern auch von dieser Finesse und diesem Feingespür, die Gounod eigen waren.
Im Namen von Ständeratspräsident Fritz Schiesser, der hier anwesenden Ratsmitglieder und natürlich ich selbst entbieten Ihnen ein ganz herzliches Dankeschön für dieses musikalische Ereignis unter der Bundeskuppel, das unser Herz und unseren Geist gleichermassen ergriffen hat.